Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- Seite 455 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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455 gefährliches Revolutionselement" wären. Ich kann mich von dem Gefühle nicht los machen, daß Panlsen selbst hier, wo er für die Inden einzntreten sich den Anschein giebt, nnr die Gehässigkeit gegen sie noch schüren wollte; denn ernst konnte es ihm doch unmöglich um diese Aussage sein. Sollte man nicht denken, daß die französische Revolution am Ende des vorigen und die europäische in der Mitte unseres Jahrhunderts von den Juden ausgegangen? Nein, ihr edlen Ethiker, tvenn nicht Gerechtigkeit und Humanität euch dazu drängen, den so lauge Geplagten endlich Ruhe zu gewähren und so der Vorfahren schwere Schuld endlich zu sühnen — Furcht vor den Judeir braucht euch nicht zu quälen. Wenn euch die Furcht vor der Revolution eures Gewissens, das euch anklagt vor dem gerechten Gotte, nicht erzittern macht, so könnt ihr die Juden wieder i» die Ghettos sperren. Furcht vor einer Revolution der Juden, nein, au diese Lächerlichkeit glaubt ihr selber nicht! (Schluß folgt.) e-1 BKUIIwlULllmll'. -, w IMMNMW IMMkMtÄli I I FEUILLETON I 3 m IMWiM m W— 1 —1 MMUMW IIIWIIJ*UfTN»IZ*S Lritr MeihnachtsKuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) f er Leib war nicht todt, aber lange Wochen lag er in hitzigem Fieber, zwischen Leben und Sterben. Aus seinen Fiebcrreden errieth man, wie sich der Unfall gefügt. Die Eltern, ja alle Leute im Dorf überhäuften Janko mit Vorwürfe», das ließ ihn kalt. „Hab ich ihn hineingeworfen?" erwiederte er anfangs »nd dann nicht eiimral dies. Aber etwas Anderes traf ihn: tvenn er des Abends in die Schänke trat und die Frau des Juden ihn aublickte; das bleiche, verhärmte, früh gewelkte Weib sprach kein Wort, aber dieser drohende, verzweiflungsvolle Blick ließ ihn erbleichen. Seine schlimmsten Augenblicke jedoch hatte er, wenn er des Tags das einzige Kind des Schänkwirths, die kleine, blondlockige Miriam, vor dem Hause sah — es war sonst so lustig gewesen und saß nun still da und ließ das Köpfchen hangen... Bor Allem dieser Anblick war's, der den Janko zu einem für ihn schtveren Entschluß brachte. Nächst dem Juden war ihm der Pope der verhaßteste Mann im Dorfe, schon jenes Taufwitzes wegen, aber auch weil der hochwürdige Vater Jephrein täglich von Mittag ab besoffen war. Nun ging er zu ihm hin und bestellte um zwei Zwanziger eine Messe „für das Lebeit eines Kranken". „Schön!" sagte Jephrein. „Er wird gesund!" „Auch tvenn es ein Jude wäre?" fragte Janko. „Nein!" rief der Hochwürdige, besann sich aber sofort. „Auch dann, nur dauert's daun länger! verstehst Du? natürlich! Auch kostet es dann drei Ztvanziger!" Um drei Zwanziger hätte Vater Jephrein auch für das Leben einer Katze gebetet. Es kam so, wie der Hochwürdige versprochen. Leib Weihnachtskuchen wurde gesund, nur dauerte es etwas lange. Als Janko hörte, daß der Kleine wieder in der Schänkstube sitze, ließ er den Vater dt>rch die Knechte heimschleppen, er vermied die Begegnung. „Wozu?" dachte er. „Am Ende giebt's Streit! Und wie wird er mich nun ohnehin bei Allen anschtvärzen!" Aber damit kam's anders, so ganz anders, daß es der Jüngling zunächst gar nicht fassen konnte. Da trat bald der Eine, bald der Andere auf ihn zu: „Du, ich habe Dir Unrecht gethan, der Leib sagt ja, daß Dil dran nuschnldig ivarst." Selbst Hritzko bestätigte es in seiner Art: „Du gehst eivig herum, als hättest Du Würmer gefressen, Dn Wechselbalg, gönnst Deinem alten Vater kein Schlückchen, aber ein Mörder wenigstens bist Du nicht!" . . . „Wie ist das möglich," dachte Janko, „der Jude lügt ja zu meinen Gunsten. Dahinter steckt was!" Und als er eines Morgens an der Schänke vorbeiging, trat er ein, von einer seltsamen Empfindung getrieben, von Trotz, Rene »nd Dankbarkeit zugleich. Janko ivar etwas bleich, als er einirat, aber noch bleicher wurde der Jude bei seinem Anbick. Dann fragte er zitternd, ob der Pan Janko vielleicht ein Gläschen befehle. „Dein Gift brauch' ich nicht!" stieß dieser hervor. „Aber wissen will ich, warum Du so lügst?! Du bist ja meinem Hieb ansgewichen, ich bin an Deinem Unglück schuldig!" „Warum--?! fragte der Jude erschreckt. „Verzeiht, Pani Janko, es war ja gut gemeint!" „Eben darum! Das verdien' ich nicht!" Nun verstand ihn erst der Andere. „Laßt das meine Sorge sei»," sagte er mit seinem traurigen, demnthigen Lächelii. Und erst, als Janko in ihn drang, meinte er: „Das ist nicht so leicht gesagt. Erstens, was nützt es mir, wenn ich mich an Euch räche? Sind dadurch die sechs Wochen Krankheit ausgelöscht und kann ich dadurch plötzlich gesunder sei»' als ich leider jetzt bin? Und dann, wer bin ich? Ein armer, schwacher Jud! Und Ihr seid ein starker Christ! Ihr hasset mich ohnehin, soll ich Euch reizen, daß Ihr mich am Ende todtschlagt? Dann kämet Ihr ins Kriminal, Pani Janko, aber davon könnten mein Weib und Kind nicht satt werden. Aber anch die Furcht allein war's nicht, sondern daneben . . ." Er stockte. „Aber Ihr tverdet böse Iverden, wenn ich das sage!" „Nein, sprecht nnr!" Unwillkürlich hatte der Jüngling die Form seiner Anrede geändert. „Es war . . . Also ... Ich bin ein unglücklicher Mensch, Pani Janko, ewig die Noth, und Jeder tritt auf mir herum, aber ich Hab' doch mein Weib und meine Miriam . . . Ich kenn' Einen iin Dorf, der . . ." „Da irrt Ihr Euch!" rief der Jüngling heftig. Und trotz seines Versprechens fuhr er fast zornig fort: „Ich brauch' Euer Mitleid nicht ... Ich werde noch einmal die Wirthschaft aufrichten!" Der Jude schüttelte den Kops. „Das werdet Ihr nicht, Pani Janko!" „Warum nicht?!" rief dieser. „Weil Du dem Vater zu viel Gläschen einschänkst und zu viel Wechsellohn ztvischen hier und Halicz hin und her trägst!" Ter kleine Man» wich zurück, sein blasses Antlitz röthete sich. „Bei Gott dem Gerechten!" rief er, „da thnt Ihr mir Unrecht! Ich Hab' nie ermuntert, immer abgehalten. Freilich, ich schänke Schnaps, vermittle Geschäfte! Aber wenn nicht ich, da thut's ein Anderer! Und dann: Geld — Schnaps — beides Gift, sagt Ihr, es richtet die Leute zu Grunde. Aber dann ist das Meffer in Euren, Gürtel da anch Gift, denn man kann sich damit den Hals abschneiden. Ihr gebraucht es fiir's Brod, wohl Euch — aber das