Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- Seite 454 (sequence 12)
- Language
- German
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454 die fremde Bevölkerung geschloffen beisammensitzt und mit der herrschenden Nationalität nicht znviel persönliche Berührnng hat, begegnet man den Inden überall, im Handel, besonders im Geldhandel, in der Presse, in der Litteratnr, in der Gesellschaft, in den Theatern und Bädern, in den Schulen nnd Universitäten, unter den Aerzten und Anwälten. Es ist verständlich, daß dieses rasche Anfsteigen der bisher Unterdrückten nnd Gemißachteten Beklemmungen hervorruft; um so mehr, als cs ihnen keineswegs schon allgemein gelungen ist, die in derZcit der Unterdrückung erworbenen Eigenschaften abznstreifen." Paulsen kennt also doch die Zeit der Unterdrückung, in der die Inden so lange geschmachtet nnd die ihm unliebsamen Eigenschaften mvorben habe», nnd er, der Ethiker, klag! nicht die lieblose» Unterdrücker, sondern die Unterdrückten an, er schämt sich nicht der „Beklemmungen" über das Aufsteigen der Inden zu menschlichem Leben, sondern findet sie verständlich? Und was beklemmt ihn eigentlich? Einmal, daß man den Inden überall begegnet im Handel, besonders im Geldhandel — ja, warum habt ihr die Jude» durch viele Jahrhunderte lediglich ans dieses Gebiet zu ihrem Lebensunterhalt hingedrängt nnd ihnen alles Andere, Handwerk nnd Ackerbau, wozu ihre ursprüngliche Beranlagnng und Geschichte sie vornehmlich befähigte, ivie ans Bibel und Talmud erhellt, grausam entzogen? Aber „in der Presse, in der Litteratnr, in den Schule» nnd Universitäten!" Wie,das verursacht einemPhilosophenBeklemnmngcn? Sollte es ihm nicht vielmehr Bewunderung einflößen, daß ein Volk, dem man durch viele Jahrhunderte alle Wiffensqnellen verstopfte, nicht verdummte >n>d vcrthierte, sondern die höchste Schätzung für Wiffenschaft nnd Kunst sich bewahrte und, kaum vom Banne befreit, sich niit Begeisterung den mannigfachsten Studien widmet? Verdiente das jüdische Volk wirklich die hochmüthige Geringschätzung, mit der P. von ihm spricht — er vermißt sich einmal (II. S. 91) zu sagen, daß es „seine Volksehre unter den Völkern eingebüßt hat" — so würde es sich vor Allem einem Laster hingegeben und darin wohl seinen Untergang gefunden haben, der Trunksucht, einem Laster, das man ihm, dem sorgenumdiisterten Volke, nicht einmal so sehr hätte verdenken dürfen, denn „gebet Berauschendes dem Unglücklichen und Wein denen, die betrübten Gemüthes sind" (Prov. 31, 6). Allein siehe da, das jüdische Volk blieb das mäßigste Volk; dagegen hören wir, was Paulsen selbst (II. S. 31) von den germanischen Völkern sagt: „Besonders scheinen die germanischen Völker von Alters her für dieses Laster (der Trunksucht) prädisponirt zn sein. Es gicbt in Deutschland Gegenden, wo ein nicht unerheblicher Theil der männlichen Bevölkerung, unmittelbar an Trunksucht zn Grunde geht. Zerrüttung des wirthschaftlichen Lebens, Verkümmernng nnd Zerstörung des Familienlebens, Verrohung und Verwüstung des geistig-sittlichen Lebens, das sind die nächsten Wirkungen der Trunksucht. Panperismns, ein Heer von Krankheiten, Irrsinn rc., bilden ihr trauriges Gefolge. Daß hier eine überaus schwere Gefahr für die ganze iveitere Lebensentwickelnng der Kulturvölker liegt, ist eine Ueberzengling :c." Kann man mit überzeugenderer Beredtsamkeit zeigen, wo der roahre Grund sür die Mißstände der Gegenwart liegt, und wie verkehrt cs sei, denselben in dem gerade durch seine Mäßigkeit das beste Beispiel gebenden jiidischen Elemente zn suchen? Hätte sich doch P. diese seine eigenen so wahren Sätze vor Auge» gehalten, er würde den Schlüssel gehabt haben für das Rüthsel, nicht nur des so regen Sinnes für Güter des Geistes bei den Juden, sondern auch der Thalsache, die seinem menschenliebenden, ethischen Gefühl besonders hart zn sei» scheint, daß man die Inden in »nverhältnißmäßiger Zahl „in Bädern und Theatern" trifft. Sie verprassen nicht sofort, >vas sie eben in saurer Arbeit erworben, sondern sparen etwaige Ileberschüsse auf zn anständiger Erziehung und Bersorgung ihrer Kinder und zu menscheinvürdiger Erholung. Paulsen sagt ja selber, allerdings wieder 449 Seilen vorher, wie natürlich es sei, daß es die eingepferchte großstädtische Bevölkerung ins Freie treibt, »in aus ihren „Gesängniffen", wie Kontors rc. zu entkommen. (II. S. 43.) Oder wiü er, der Ethiker, dieses Verlangen nach edler Erholung in Gottes freier Natur nur bei Germanen, nicht aber bei Inden natürlich finden? Will er diese vor Allem hinsichtlich des Wirthshauslebens assimilirt sehen, um ihnen dann iveniger in Theatern, Bäder» nnd Schulen zu begegnen? Das wäre eine saubere Menschenliebe! Wenn P. nicht der Judenhaß die Augen blendete, so würde er gesehen haben, daß so wenig wie Trunksucht, so wenig auch die allsonntäglichen Mefferaffaire», die zahlreichen Familienzerrüttungen und das scheußlichste Verbrechen, derMord, bei deuJuden angetroffen werden. Er würde sich dann doch wohl überlegt habe», ob es angehe, den Juden „ein unsicheres, unterwürfig-kriecherisches und andererseits sich vordrängendes, rechthaberisches und wohl auch protzenhaftes Wesen, verbunden mit dem Mangel an Selbstkontrole und Gewissen", von denen er überdies gleich selbst sagt,daß sie„dieFolge langer Rechtlosigkeit undMißhaudlnng" seien, vorzuhalten. Giebt es etwa unter den deutschen Nichtjuden keine protzenhaften, rechthaberischen, unterwürfig-kriechenden, gewissenlosen Menschen? — Auch der Uebertreibnug, „daß die europäischen Völker das überaus rasche Vordringen der Inden mit Mißmuth einpfinden, würde sich P. bei wirklich philosophischer Besonnenheit nicht schuldig gemacht haben; denn die deutsche Antisemitenpartei ist tauge Gott Lob nicht einmal das deutsche Volk, geschweige denn Europa. Und Rußland wird doch P. nicht etwa zn Europa rechnen wollen? „Begreiflich" Hütte er immerhin die antisemitische Bewegung finden mögen, aber zugleich verwerflich. Denn Haß nnd Neid sind die ivahren Motoren dieser Bewegung, diese aber sind wohl begreiflich, aber zugleich verwerflich. Der Ethiker Paulsen aber findet hier nur Begreifliches nnd nichts, was Tadel verdiente. Doch nein. Er sagt weiter: „Freilich eine vollständige Abtvehrbewegung vermag ich darin (im Antisemitismus) nicht zu erblicken; er erscheint mir als eine ziellose und eben darr»» heillose Sache. Da es ninnöglich ist. die Inden aus dem Lande zu treiben, so ist es auch unmöglich, sie in den allgemeinen staatsbürgerlichen Rechten zu verkürzen. Sollen sie alle Lasten der Staatsbürger tragen, Stenern zahlen nnd im Heer dienen, so mäffen sie auch gleiche Rechte und Freiheiten genießen; sonst sind sie ein furchtbar gefährliches Revolutiouselemeut." Die Gewundenheit und Ambiguität, die sich eigentlich durch die ganze Ethik Paulscn's zieht, wir getvahren sie auch hier. Er scheut sich also doch, sich zn den Zielen der gewöhnlichen Antisemiten zn bekennen — denn „ziellos" ist ja offenbar nicht der richtige Ausdruck; aussichtslos ist diese Bewegung, aber ihr Ziel: Vertreibung oder wenigstens Rechtsberanbuug der Juden posaunt sie ja täglich durch Hunderte von Sprachrohren ans — aber was frommt es, daß er ihre Ziele abweist, wenn ec ihre Gesinnungen theilt, die zn diesen Zielen steuern, ja, wenn er diese Gesinnungen in demselben Satze verräth, in welchem er gegen ihre Ziele Front macht? Er sagt, mail könne die Inden, da sie zu allen Lasten der Staatsbürger herangezogen sind, auch nicht in de» „allgemeinen" staatsbürgerlichen Rechten verkürzen. Also nur i» den allgemeinen nicht, wohl aber in den besonderen? Und nun noch etwas Deutlicheres. Man freute sich schon, gegen die voraufgegangenen Ungerechtigkeiten endlich einmal die Gerechtigkeit ein wenig reagiren zu sehen: gleichen Pflichten müssen gleiche Rechte entsprechen — da merkte man doch wieder einigermaßen, daß man ei» ethisches Buch vor sich habe. Aber die Freude war verfrüht. Man müffe den Juden — das bringt P. fertig zn sagen — ihre Rechte und Freiheiten einräumen, weil sie sonst ein „furchtbar