Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- Seite 453 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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453 kannten Liedes am Ausgange des Sabbalh —, die mir von meiner frühestesten Kindheit her geläufig war. Ich glaube auch, daß sich bei Meyerbcer ebenfalls Anklänge, namentlich z.B. in den „Hugenotten", an jüdische Gesänge finden dürften, wenn diese regelrecht gesammelt wären und so ein Ueberblick gewonnen werden könnte über das, was sich noch erhalten hat, und das, was int Laufe der Zeit bei der stetig zunehmenden Modernisirnng des jüdischen Gottesdienstes immer mehr geschwunden ist und nur noch in ben Synagogen, die »och den alten Ritus bewahrt haben und in denen in alter Weise die völlig unzeitgeniüßen Pintim gebetet und gesungen werden. Leider aber scheint es, daß dies bei niisern jetzigen Verhältnissen, ich meine bei dem geringen Interesse unserer „oberen Zehntausend" für Alles, was jüdische Knust und Wissenschaft betrifft, nur ein frommer Wunsch bleiben wird. Und ich Bin fest überzeugt, daß, wenn eine derartige Sammlung veranstaltet tverden rvürde, die allerdings nur von einen; musikalisch hochgebildeten und de» synagogalen Ritus vollkommen beherrschenden Kautor unternommen werden könnte, gar manche musikalische Perle zum Vorschein komineu würde. Denn daß unter Juden Liebe und Talent zur Musik von jeher vorhanden war, steht zweifellos fest und läßt sich nicht blos erst durch musikalische Talente jüdischen Glaubens in neuerer und neuester Zeit erweisen. — So hat der bekannte Oberkantor Ed. Birnbaum in Königsberg in Preußen eine Broschüre veröffentlicht unter dem Titel: Jüdische Musiker am Hofe von Mantua von 1542—1628. Wien 1896, die zeigt, daß cs bereits vor Jahrhunderten unter Jude», sobald sie nur einigermaßen weniger unter Druck und Verfolgung zu leiden hatten, Musiker gegeben hat von ganz hervorragender Bedeutung. Doch da die genannte Schrift nicht Allen zugänglich sein dürste, sie ist ein Sonderabdruck ans einem Kalender, so möchte ich mir erlauben, kurz ihren Inhalt anzugeben. Der Verfasser, der durch verschiedene frühere Publikationen gezeigt hat, daß er ein feiner Kenner jüdischer Musik und ihrer Geschichte ist, charakterisirt zunächst mit knappen Worten die synagogale Musik. „Daß die Juden selbst," heißt es da (S. 0) „die Tonweisen ihrer Bedränger nicht verschmäht haben, beweist auch dieThatsache, daß man in ihren Synagogensäugen vielen arabischen, griechischen, spanischen, provengalischen und deutschen Volksliedern begegnet, die in freiem Flug, singenden Nachtigallen gleich, die Mauern der jüdischen Ghetti überstiegen haben." Schon das allein, daß, je nachdem die Juden Orientale», Deutsche, Italiener, Provenaalen oder Spanier sind, sie keine einzige Melodie gemeinsam haben, vielmehr in den verschiedenen Ländern nach ihren gesonderten Traditionen singen, ja sogar das einzig übrig gebliebene Kircheninstrument, das „Schofar", in verschiedener Manier ertönen lassen, obzwar für die „Schofartöne" dieselbeit einheitlichen Normen und Zeichen bindend sind, sei Beweis genug, daß „ihr bescheidenes Musikwesen in der Diaspora sich getrennt entwickelt" habe. So seien jüdisch-nationalen Ursprungs nur die Psalmodien der deutschen Juden, d. h. diejenigen Weisen, in welchen sie die feiertäglichen Psalmen, Wechselgesänge (Antiphonien) prosodisch rezitire», da sie nachweisliche Berührungspunkte mit dem „Gregorianischen Gesang haben, den die Kirche selber mit einem gewissen Stolz von der Synagoge herleitet." Aber schon früh sind Juden au der Ausübung weltlicher Musik betheiligt gewesen. So stand beim arabischen König Alhakcm der jüdische Musiker Namens Mansor in großem Ansehen; „Papst Leo X. soll dem jüdischen Musiker Giovanni Maria (allerdings nach genommener Taufe) den Grafentitel und ein Städtchen verliehen haben." Besonders aber wareil es die Herzöge von Mantua, die Fürsten von Monzana, die vielfach jüdische Mtisiker in ihren Hofkapellen beschäftigt haben. Da finden wir im Jahre 1542 einen Harfenspieler beim herzoglichen Hose, Namens Abraum dall' Arpa, und ein Vierteljahrhundert später seinen Neffen Abramino dall' Arpa. „Ein wahres Genie muß Jsacchino oder Jaechino Massarano gewesen sein, denn er spielte die Laute, sang Sopran und unterrichtete im Spiel und Tanz." Noch andere jüdische Künstler standen in Diensten der Gonzaga, so war die Schwester des Salomone de Rossi, auf den lvir noch zurückkommen, Madama Europa, Sängerin bei Hofe, und ihr Sohn, Anselmo Rossi, dort als Musiker angestellt, ferner ein gewisser David da Civita, der sich durch eine Sammlung von Cauzoncn bekannt gemacht hat. Doch der hervorragendste der italienischen Musiker dieser Zeit jüdischen Glaubens war der erwähnte Mantuaner Salonione Rossi, der, wie ihm Birnbaum nachrühmt (a. a.O. S. 17), „in seiner vierzigjährigen Künstlerthätigkeit (1587—1628), zum Unterschied von andern Genossen am Hofe von Plant tut, nicht vergessen hat, ab und zu auch die Synagoge mit einer Komposition zu beschenken, die nachher auf Veranlassung Juda da Modenas zu einem stattlichen „Bistro" von 66 drei- bis nchtstimmigen Gesängen anwtlchsen und 1622 herausgegeben tvnrdcn." „In der That," heißt es lveiter (S. 18), „ist Salomone Rossi in seiner Art der bedetitendste Toukünstler, den das Judenthum aufzuweisen hat. Ihm könnte nur noch ein zweiter Salomon unserer Tage, der unsterbliche Salomon Sulzer, mit seinen unvergänglichen Verdiensten um die Reaeuerirung des Synagvgengesanges und seinen glänzenden Leistlingen als ausübender Toukünstler rmd Sänger an die Seite gestellt werden." Sein Leben war reich an Arbeit und an Ehren. So komponirte er zlvei Biicher Canzonette, fünf Bücher Madrigale, vier Bücher verschiedene Sonate und Sinfonien, Kompositionen, die er seinem Herzog und andern Großen bei Hofe in Mantua widmen durfte. Ans alledem geht wohl zur Genüge hervor, daß selbst in den Zeiten, in denen cs Juden nicht gestattet war, ohne gelbes Abzeichen am Hut oder Barett, damit sie von ihren christlichen Mitbürgern gleich auf den ersten Blick unterschieden tvürden, ariszugehen — denn ausdrücklich wurde ausnahmsweise Salomone Rossi durch die besondere Gnade seines Herzogs das Ablegen jette» Zeichens gestattet —, nicht blos der allgemeinen Wissenschaft, sonder» auch der Kunst so manches Scherflein von ihrem Geiste beigetragen haben. Es wäre daher nur zu wünschen, daß Musiker jüdischen Stammes auch auf die synagogale und jüdische Musik ihr Augenmerk richten tvollte», um uns über so manches Dunkle intd Unbekannte Aufklärung zrt verschaffen und so äußerst werthvollc Beiträge zur Geschichte der Kultur ihrer Ahnen zu liefern. Das Iudenthum in Paulsens System der Ethik. Bon Dr. M. Steckelmacher, Stadt- und Konferenz-Rabbiner in Mannheim. (Fortsetzung.) fe» „besonders erbitterten Charakter" giebt nach P. der antisemitischen Bewegung der Umstand, „daß die jüdische Bevölkerung in dem kurzen Zeitraum seit der Emanzipation vielfach ein driickend empfundenes soziales Uebergewicht erlangt hat." Nachdem er kurz vorher über die „Absonderung" der Inden Klage führt, sagt er, sich selbst sehr unphilosophisch widersprechend, Weiler: „Während sonst