Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- Seite 452 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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452 erholten Hütte, wenn es von Alters herstamnite, sonder» nur die Be- ,Zeichnung „Trop"? Es ist dns lateinische „tropus", das, wie man ans Ducangc, Glossarium mediae et iufimae Latinitatis. Tom. VJ!1 (>». 194) s. v. tropus ersehen kann, nur im kirchlichen Gottesdienst Verwendung findet, freilich in anderem Sinne als im jüdische». Ich weif; mm wohl, das; die hebräische Bezeichnnng für jenen E'ETE ist, das aber nicht in die Umgangssprache aufgenommen wurde. Doch nicht blos das Wort „Trop", auch andere, dem kirchlichen Ritus gehörige Ansdrücke sind in den synagogalen theils in der ursprünglichen Form, theils in hebräischem Gewände übergegangen. Schon vor ctiva fünfzig Jahren schrieb Mich. Sachs (Die religiöse Poesie der Inden i» Spanien, Berlin, 1845 S. 178): „Mit nicht »linderem Recht scheint der genannte Gelehrte (gemeint ist Lnzzatto) anf den Einflus; syrischer, religiöser Poesien hinzuweisen, die in Form und Gehalt so auffallende Aehnlichkeit mit den älteren jüdische» liturgischen Stücken darbiete». Manches Stück des Syrers Ephraem, würde, ivörtlich ins Hebräische übersetzt, kaum den fremden Ursprung verrathen . . „Ter Ausdruck HElIp für die eingelegten Stücke", heisst es (ebda, in der Aumerknug), und rcnp für den Vorbeter... hat in der Kirchensprache der Syrer seinen Analogie." Und dieses IT-Vp nun ist die Uebersetzuug des lateinischen oblatio, wie der selige Perlcs in der Festschrift für Zuuz, betitelt: „Beiträge zur Geschichte der hebräischen und aramäischen Studien, München 1884" lS. 68 Anmkg.) schon bemerkt hat. Ja, das Wort Xuxovyyi« l.iturgia selbst ist, wie so viele liturgische Ausdrücke, in die nenhcbräische Sprache ausgenommen worden in der Form JTlHtDb das sich ebenfalls im Syrischen findet (vgl. Perles a. a. O. S. 69.) Andere, der Kirchensprache entlehnte Ausdrücke sind das noch heute für den Gevatter bei der Beschneidung gebräuchliche Wort: pUD richtiger DJpUD, wie die authentische Form des Wortes lautet, das r,h-u-xr'>? ist, wie in der byzantinischen Kirchensprache der Gevatter genannt wird, vgl. Ducange gloss. med. graec. s. v, und gl. med. lal. s. v. eoinpater <Perles a. a. O. S. 57), ferner der „Kirchenausdruck für „Hochzeit, Hochzeitgeniach", in der Form das sich i» einer Regensburger Handschrift des kleinen Aruch aus dem 14. Jahrhundert findet, und das nichts anderes als tlialamus ist, wie Jener ganz richtig sagt (a. a. O. S. 62). In der erwähnten Handschrift findet sich auch (a. a. O. S. 63 ff) ein anderes liturgisches Wort ■'TO, das schon von dem im 10. Jahrhundert lebenden Gaou Scherira erwähnt wird. So sagt er, daß in die Schcmoue-Esra der Festtage verschiedene Gebete als Zusätze älterer und jüngerer Autoren eingeschaltet wurden, von denen einige 'ETE, andere ”YE waren. Aus diesem „tidi" (oder ähnlich lautend) ist nun ein Zeitwort gebildet worden, das hauptsächlich in den liturgischen Gebeten, so in dem Schacharith des Versöhnuugstages, in der Form: “UTE1 erscheint, und mit „erheben", „verehren" rc. übersetzt wird. Es sind nun die verschiedensten Erklärungen für dieses Wort aufgestellt worden. Es wurde bald, wie aus Perles zu ersehen ist, aus dem Griechischen, wie ans bald aus dem altdeutschen tliinda „Volk", „Volksversammlung" und „jatiducha“ hieße: „sie werden dich in der Volksversammlung verherrlichen", abgeleitet. Wie kommt aber, fragt Perles mit Recht, Scherira zu einem altdeutschen Worte? Ich glaube daher, das; in dem YE (tidi) ein weit im Morgcn- und Abeudlande verbreiteter kirchlicher Ausdruck steckt, nämlich: Te Ile (um), mit dem so häufigen Uebergang des e zu i, d. h. also die Anfangsworte des sogenauulen ambrvsiauischeu Lobgesanges. Denn „mit Unrecht", heißt es in der Real - Encyclopädie der Protestantischen Theologie von Herzog und Pütt I" (S. 828 ff.), „wird dem Ambrosius der allgemein bekannte sog. ambrosianische Lobgesang: Te Ileum laudanius, te Dominum confitemur zugeschrieben, gewöhnlich Hymnus SS. Ambrosii et Augustini genannt. . . . Wahrscheinlich ist das Tedeum eine von Ambrosius für seinen Kirchenchor gefertigte und von Augustin dann noch in der nordafrikanischeil Kirche cingeführte lateinische Uebersetzuug eines alten morgenlöndischen Abendgesangs in einer der ältesten evangelischen Handschriften des 6. Jahrhunderts ausgezeichnet. . . . Durch das Ansehen des Ambrosius verbreitete sich der Lobgesang sehr bald im ganzen Abendlande und wurde der Hariptpsalm des abendländischen Christenthums, noch heute das Lieblingslied des katholischen Volkes." Ich glaube allerdings, das; das Wort „tidi" im jüdischen Schrift- 11)111» selbst älter sein wird als Scherira Gaou und nur zufällig erst bei ihm uns begegnet. Es würde also das so gebildete Nomen „tidi" zum Verbum rpYEl geworden sein, wie z. B. aus “UlPEp d. i. zrm’iyoQoc schon in der Spracht des Talmud: J“iEpE geworden ist im Sinn von ximjyoQüv. Ist diese Ableitung richtig, so würde sie noch mehr zum Beweise dessen dienen, was die Synagoge alles der Kirche in alter Zeit entlehnt hat, trotz aller noch so strenge» Abschließung. Allen Glaubensgenossen sind noch heute z. B. die liturgischen Ausdrücke bekannt, >vie: piut, piutiin, peitan, das ist: poeta poetanus, und endlich: pismon, das doch sicherlich mit povsimon znsammenhängt, und nicht ans dem Persischen stammt, wie Kohut im Aruch s. v. (pazani) anuimmt. Ist nun dies Alles der Fall, so hindert uns nichts, glaube ich, nnnehmen zu dürfen, daß nicht blos die Bezeichnungen der genannten Dinge, sondern auch diese selbst, vor Allem eben manche Melodien des christlichen Gottesdienstes in den jüdischen herübergeuoinmeir wurden. So erinnere ich mich, als ich in Pfalzburg in Lothringen im Jahre 1870 als Soldat war, eines Sonntags Gesang mit Orgelbegleitnng ans einer katholischen Kirche gehört zu haben, der mir lebhast die Melodien ins Gedüchtniß rief, die mir von der frühesten Kindheit an von der Synagoge her bekannt waren. — Was endlich das Kol nidre im Konzertsaal, wie die bekannte Komposition von Max Aruch betrifft, so hat Herr Professor Steinthal ganz recht, das; sie dort nicht den Eindruck macht, wie jenes in der Synagoge am Jom kippur-Abend, wo freilich der genius loci und die ganze andächtige Stimmung der anwesenden Beter von einer wahrhaft magischen Wirkung sind. Es will mir aber scheinen, daß bei jüdischen Komponisten wenigstens der älteren Generation sich Anklänge finden an Melodien, die jene im Elternhanse oder in der Synagoge in ihrer Jugend gehört haben. Nach meinem völlig laienhaften musikalische» Verständnis; klingt z. B. Mendelssohns „Hochzeitsmarsch" aus der Musik zum „Sommernachtslraum" — nicht etwa, weil er. soviel ich weiß, anf allen jüdischen Hochzeiten zu Gehör gebracht wird —, ganz jüdisch, gar nicht unähnlich der wiederholt beschriebenen Art eines lustigen Gesanges bei de>; Chassidim in Polen bei der dritten Sabbath-Mahlzeit, dem sclialoscli shudoth. Und ich erinnere mich noch in der That ganz genau, daß, als vor zwanzig Jahren, während meiner Leipziger Studienzeit, einmal noch im alten Gewandhaus in einem Konzerte der „Hochzeitsmarsch" gespielt wlirde, auf dem Treppengange zum Heimwege viele Christen. Damen wie Hörer, die damals noch lange nicht, wie heute, antisemitisch infizirt waren, behaupteten, jene Klänge seien ganz jüdisch. Noch mehr jüdische Musik, was vielleicht beabsichtigt war, glaube ich gehört zu haben in Rubinsteius „Makkabäern", die ich vor Jahren einmal im Operuhanse in Berlin gehört habe. Da klang eine Arie, die die bekannte Sängerin M. Brandt, ich glaube als: Lea, gesungen hatte, ganz so wie die Molodie des — der be-