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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-20 · Heft 38 (20.9.1895) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 38 (20.9.1895)
Date
1895-09-20
Page
Seite 449 (sequence 7)
Language
German
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449 eiserne Kreuz erhielt. Aber daß auch eine Jüdin den denkwürdigen Krieg nno sogar fast wahrend seiner ganzen Dauer mitgemacht hat, davon war in den Geschichtswerken über die Befreiungskriege, die ja auf die oben genannten Jungfrauen mit ganz besonderer — sehr berechtigter — Vorliebe hindenteten, nichts zu finden. Bei einer Durchsicht alter Jahrgänge der Vossischen Zeitung fanden wir unter dem 9. Dezember 1815 einige Einzelheiten ans dem Leben dieser eigenartigen Frau, die wir, durch einen Bericht des „Russischen Invaliden" vom 25. Januar 1815 alten Stiles ergänzt, an dieser Stelle im Wortlaut wiedergeben wollen. „Luise Grafemus, eigentlich Esther Mamul, 30 Jahre alt, jüdischer Abkunft und Religion, Wittwe, wollte ihrem Manne im Jahre 1813 nach Schlesien nachziehen, der sie verlassen hatte und und) Petersburg gegangen war, wo er sich anwerben ließ und einige Zeit diente. In der Hilflosigkeit, worin sie sich befand, als sie Berlin erreicht hatte, entschloß sie sich selbst Kriegsdienste 311 nehmen, welches ihr um so leichter ward, da sie in Männerkleidern reiste. Sie trat daher in das Königsberger Zweite Landwehr-Ulanen- Regiment ein, unter dem Major von Her mar:«, machte die Feldzüge 1813 und 1814 zuerst als Freiwilliger, zuletzt als Wachtmeister mit. wurde zweimal verwundet, bei Jüterbogk am Fuße und bann in der Gegend von Metz, erhielt auf dein Marsche durch Holland im Jahre 1814, im Armeekorps des Generals Grafen Bülow von Denuewitz, das eiserne Kreuz, traf unverinuthet am 23. Mürz 1814 mit ihren! Manne, der noch immer in russischen Diensten stand, zusammen, verlor ihn aber schon am folgenden Tage durch eine Kanonenkugel in einen! Gefechte bei Paris. Mit den ehrenvollsten Auszeichnungen und mit ehrenden Wunden bedeckt, mit den rühmendsten Zeugnissen des Wohlverhaltens entlassen, ist sie seitdein von! Regin!ente abgegangen lind kehrt nun, nach einigen! Aufenthalt in Berlin, nach Erfurt oder Hanau, ihrer Heinrath, zu ihren beiden Kindern zurück, die so lange die liebevolle Wartung der Mutter hatten entbehren rniissen." Leider besitzen wir noch keine Geschichte des Königsberger 2. Landlvehr-Ulanen-Regiineuts, durch die wir die von der Vossischen und Petersburger Zeitung mitgetheilten Daten vergleichen und eventuell mit weiteren Angaben ausstatten könnten. Aber wir hoffen, daß der Hinweis aus diese Heldenfrau die Anregung geben wird, daß speziell in Hanau, resp. Erfurt Nachforschungen angestellt werden nach dein weiteren Verlaufe des Lebensganges dieser eigenartigen Frau, welche die Liebe zu ihrem Gatten und zu ihren! Vaterlande alle Schrecknisse und Gefahren des Krieges fast zwei Jahre hindurch ertragen ließ. Vor der Entscheidung. Von Dr. S. R. Landau. Wien, in! September. in 17. d. Mts. beginnen die allgemeinen Gemeinderathswahlen. Beide Parteien, Liberale und Antisemiten, stehen sich kampfbereit gegenüber, beide siegesbegierig, aber keine siegesgewiß. Allein es bestehen noch andere Parteien, und gerade deshalb stehen die Chancen der Liberalen bedeutend besser als bei den letzten Wahlen vom 1. April 1895. Eine eigene freisinnige Gewerbe- und eine czechische National-Partei ziehen nunmehr in den Wahlkampf. Der Wiener Gewerbetreibende, der „kleine Mann", hat sich lange genug in! Schlepptau der antisemitischen Partei befunden, er hat ihre Stärke und ihr Hauptkontingent ansgemacht. Denn es wurden ihm, dem durch die Großindustrie zu Grunde Gehenden, goldene Berge, eine inittelalterliche Zunftpolitik und ein Zurückschrauben der Zeitrüder versprochen; die Hauptpolitik des Dr. Lueger und Konsorten war neben der Hetzauch nur die Gewerbe-Politik. Allein nach vielen Jahren eifriger Unterstützung der antisemitischen Partei überzeugten sich die Gewerbetreibenden endlich, daß ihre Führer, oder eigentlich Verführer, für sie nicht nur nichts gethan haben, aber ihnen geradezu schaden, inbem sie jede Unternehmungslust lahmlegen, durch ihre schamlose Berleumdungswnth nicht nur das ganze öffentliche Leben zersetzen, sondern auch jeden geschäftlichen Verkehr unmöglich machen und die österreichische Metropole wie durch eine chinesische Mauer von der übrigen Welt absperren. Endlich haben sie die Angen geöffnet — und wenn, \m die Wahlbewegung zeigt, ein großer Theil der Kleingeloerbetreibenden thaisächlich gesonnen ist, gegen die Antisemiten aufzutreten, so dürften dieselben in ihrer Hochburg, dem dritten Wahlkörper, eine empfindliche ^Niederlage erleiden. Tann wäre wohl auch die Macht der Antisemiten gebrochen. Auch die Czechen, die in mehreren Wahlbezirken zahlreich vertreten sind und die bisher eifrige Kampfgenossen der Antisemiten waren, haben sich jetzt von diesen, wegen ihrer in Bezug auf das czechische Schulwesen in Wien feindlichen Politik abgewendet und unter Einsetzung eines czechischeu Central-Wahlkomitees eigene Kandidaten nonrinirt. Diese Stimmen, und sie sind in manchen Bezirken nicht unerheblich, werden nunmehr den Antisemiten fehlen. Ob sie jedoch ausschlaggebend zu Gunsten der Liberalen sein werden, ist fraglich. Es dürste in den meisten Fällen zu Stichwahlen kommen, und bei diesen wird den ihren! Wesen nach radikalen Czechen der frühere Bundesgenosse näher sein. Allein nran spricht auch von einer Stinnnuugsänderung der Beamten, die den größten Theil des zweiten Wahlkörpers bilden nnd die bei den letzten Wahlen für die Antisemiten stimmten. Das ist nur eine Vermuthung, und sie wird lediglich geschöpft aus dem Umstande, daß sich in! XVIII. Bezirke ein Beamten-Konntee in einem Eirkular gegen das „terroristische und hochverrätherische Treiben" der Antisemiten aussprach. Doch dieses Cirtular ist gar nicht maßgebend. Es ist allgemein bekannt, daß das Gros der Beamten trotz seiner antisemitischen Abstimmung gar nicht antisemitisch ist, daß es nur von einer tiefgehenden Unzufriedenheit mit seinen Staudesverhältuissen erfüllt ist und daher jede Opposition unterstützen würde. Der Beamteustand bittet seit Jahren um eine Ticnstpragmatik und um eine Regelung des Gehaltswesens'; da die herrschenden Parteien sie ihm nicht geben, vielleicht auch, wie höhere Gehälter, aus fiskalischen Gründen nicht geben können, so stimmt er für die Opposition, die es ja mit den Versprechungen nicht genau nimmt. Stünden in Wien den Liberalen Sozialdemokraten gegenüber, so würde der unzufriedene Beamtenstand gewiß für die Letzteren stimmen. Die geradezu unerhörte Protektionswirthschaft bei den Beförderungen, die Besetzung zahlreicher höherer Beamtenstellen durch Söhne, Neffen und Schwiegersöhne hervorragender Parlamentarier hat sogar höhere Beainte in das Lager der Opposition und damit, in Wien, der Antisemiten geführt. Ob nun jetzt, nachdem in letzter Zeit im Interesse der Beamten von den herrschenden Parteien nichts unternommen wurde, die Beamten zur liberalen Partei zurückkehren werden, das ist sehr zweifelhaft, wenn es auch zu wünschen wäre. Ter Erlaß des provisorischen Ministeriums Kielmansegg an die Beamten, sich jeder prononzirtcn Parteiflelluug und Agitation zu enthalten, hat ihnen das konstitutionelle Recht der freien Abstimmung unbenommen gelassen. So sehen die Faktoren aus, die in den Wahlkampf treten, lind die Juden?

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