Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 in Grabow eine solche von 100 M. auf den Nachweis des Misfethäters ausgesetzt. — Der in Schwersenz wohnhafte hochbetagte Kaufmann und Hausbesitzer Pinkus Berlak hat sein ganzes Vermögen dem israelitischen (Rohr'schen) Siechenhause gegen lebenslängliche Aufnahme und Verpflegung in demselben überlassen. — Der Kantor Frendenberg ist von Rakwitz nach Bentschen und an seine Stelle Kantor Blumenfeld aus Stolp nach Rakwitz versetzt worden. — In Gollantsch ist Kaufmann David Förder zum ersten Synagogenvorsteher und Kaufmann Adolf Lindemann zu dessen Stellvertreter gewählt worden. — Im Grenzdorfe Swo yno ist ein jüdischer Händler ermordet worden von einem Mann, der beobachtet hatte, daß derselbe sich vom Kaufmann Feibusch in Gollub für gelieferte Wolle Geld geholt habe. — In Samter hat sich bei der jüngst erfolgten Einweihung des Kreiskriegerdenkmals wiederum der Antisemitismus Luft gemacht. Denn in das Denkmalkomitee ist kein jüdischer Bürger gewählt worden; neben den Photographien der christlichen Kirchen hat die der Synagoge keinen Platz in der im Grundstein versenkten Kapsel gesunden. Ferner ist der Rabbiner der jüdischen Gemeinde nicht auch wie die christlichen Geistlichen besonders zur Einweihungsseierlichkeit eingeladen worden. Hierbei sei bemerkt, daß die jüdischen Bürger daselbst sich vorher in hervorragendem Maße an den Sammlungen der Fonds zu dem Denkmal betheiligt haben und trotz der erlittenen Unbill bei der Ausschmückung und Illumination der Stadt den Nichtjuden keineswegs nachgestanden haben. c. Nord hausen, 8. September. Am Sonntag den 1. September fand hier anläßlich des 50jährigen Bestehens unserer im Jahre 1868 sowohl durch Anbau vergrößerten, als auch in architektonischer Weise wesentlich verschönerten Synagoge in derselben eine Feier statt, die sich zu einem wahren Kidusch haschem gestaltete und zu welcher auf ergangene Einladung der Magistrat vollständig und eine größere Anzahl Stadtverordneter erschienen waren Die Feier begann mit dem vom Synagogenchor gesungenen Ma towuo und einem Theile des von Gemeinde und dem Vorbeter abwechselnd gesungenen Hallelgebets, worauf unser Rabbiner Herr Dr. Schönberger die Kanzel bestieg und eine wirkungsvolle, formvollendete Rede hielt, die auf alle Zuhörer einen großen Eindruck machte. Wann ist ein Haus geweiht und von wem ist es geweiht? Das waren die Fragen, welche sich der Redner als Thema vorlegte und welche er in geschickter Weise löste, ausführend, daß ein Gotteshaus erst geweiht ist, sobald wir uns selber weihen, und daß es für Jeden geweiht ist, der aus der Tiefe seines Herzens darin bete. In treffender Weise verband der Redner damit die Erinnerung an den glorreichen Tag von Sedan. Mit Segen für König, Vaterland und die Vertreter der Stadt, die durch ihr Erscheinen bewiesen hätten, daß ein Gotteshaus geweiht ist für Jeden, der darin beten will, und mit dem vom Synagogenchor gesungenen Haüelujah schloß die wahrhaft erhebende Feier. — Unser erster Herr Bürgermeister verabschiedete sich mit Dankesworten an den Vorstand und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die schönen Worte des Redners von allen Festtheilnehmern beherzigt werden und ihre Früchte tragen mögen. GD Frankfurt a. M., 8. September. In der vergangenen Woche, und zwar am 4. d. Mts., ist eine der edelsten Frauen unserer Gemeinde nach langen Leiden durch den Tod vorzeitig abberufen worden, Frau Elise Hallgarten, geb. Mainzer, die Gattin unseres durch seine Antheilnahme bei allen Wohlthätigkeitsbestrebungen weit und breit rühmlichst bekannten Mitbürgers Charles L. Hallgarten. Frau Hallgarten entstammte einer angesehenen Mannheimer Familie. Sie schloß im Jahre 1804 hier ihren Ehebund und begleitete ihren Gatten dann nach Amerika. Von dort kehrten sie vor achtzehn Jahren zurück, und seit der Zeit hat sie in unablässigem Bemühen ihrem Manne bei dessen großartigem humanitären Wirken zur Seite gestanden. Einfach und schlicht von Wesen und Herzen, hat sie von ihren Glücksgütern für Andere stets bereitwilligen und reichlichen Gebrauch gemacht. Bei der Beerdigung gaben die Herren Dr. Neubürger und Realschuldirektor Dr. Bärwald der allgemeinen Trauer um die Dahingeschiedene warmempfundenen Ausdruck. Möge der ausgezeichnete Gatte der Verblichenen in seinem edlen Wirken für die Menschheit Trost für diesen herben Verlust finden! g. Bruchsal, 1. September. Der Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogthum Baden versendet seinen siebenten Jahresbericht. Nach Beschluß der Generalversammlung in Karlsruhe hält der Verein bei seinem auf sorgfältige Berücksichtigung der verschiedenen persönlichen Verhältnisse gerichteten System in der Er ziehung der Waisen fest. Die Kinder werden entweder gegen Zahlung eines angemessenen Erziehungsbeitrages bei ihren Verwandten, meistens ihren Müttern belassen, oder sie werden bei zuverlässigen würdigen, zur liebevollen Erziehung und Behandlung der ihnen anvertrauten Kinder geeigneten Familien in Pflege gegeben. Außerdem werden an demselben Orte, in dem die Kinder untergebracht sind, oder in einem benachbarten. Fürsorger bestellt, welche die Pflege und das Gedeihen der Waisen überwachen und regelmäßig dem Borstande darüber Bericht erstatten. Von den jetzt in Fürsorge befindlichen 82 Kindern (36 Knaben und 46 Mädchen) sind 29 in Pflege bei dafür geeigneten Familien untergebracht, 51 befinden sich gegen Zahlung eines Erziehungsbeitrages bei Verwandten. Ein Waisenknabe erlernt,unter der gütigen Mitwirkung der in Mannheim und Karlsruhe domizilirenden Vereine für Verbreitung des Handwerkes unter den Israeliten, die Schreinerei, ein anderer, unter derjenigen des in Freiburg thätigen, die Lithographie. Für sieben Waisen erhält der Verein von ihren Heimathsbehörden oder Verwandten Zuschüsse zu den für sie zu leistenden Verpflegungskosten. Der Verein hat im Berichtsjahre an Mitgliederbeiträgen und Schenkungen aus den 14 Rabbinatsbezirken des Großherzogthums Baden 14,821 M. eingenommen. Die Verpflegungskosten der Waisen beliefen sich auf 13,775 M., an Verwaltungskosten wurden 845 Mk. verbraucht. — Eine interessante Thatsache ist die kräftige Unterstützung, welche der Verein von ehemaligen jetzt in Amerika weilenden Badensern erhält. Die Organisation des Landesvereins, dessen Vorsitzender Rabbiner Dr. Eschelbacher ist, und in dessen neun nach Rabbinatsbezirken geordneten Ausschüssen unsere angesehensten Glaubensgenossen thätig sind, bewährt sich mehr und mehr. Oesterreich-Ungarn. q Wien, 9. September. Anläßlich des Kaiser-Besuches in Budweis wurde auch der dortige Kreisrabbiner Adam Wunder mehrfach ausgezeichnet, so wurde er zur Hoftafel beigezogen, und auf die Ansprache das Rabbiners erwiederte der Kaiser in deutscher Sprache: „Ich danke Ihnen für die Versicherung treuer Ergebenheit, versichere Sie auch weiterhin meines landesväterlichen Schutzes und bin überzeugt, daß Sie bei Ihren Glaubensgenossen die Anhänglichkeit an mein Haus und an das Reich stets treu pflegen werden." Vor der neuerbauten Synagoge brachte dem Kaiser die israelitische Kultusgemeinde ihre Huldigung dar. Der Kreisrabbiner Wunder und die Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde standen im Halbkreise ausgestellt auf dem Platze vor der Synagoge. Brausender Jubel empfing hier und auf der ganzen Fahrt bis zur Hardtmuthschen Fabrik den Monarchen. — Die neueste Kampfesweise der Antisemiten gipfelt darin, daß sie den verschiedenen Parteien andichten, sie seien von den Liberalen bestochen worden; so versuchten sie es bei den Czechen, von denen aber dieser Vorwurf (der natürlich wieder Herrn Schneider zum Urheber hat) auf das Energischste zurückgewiesen wird. „Es sei eine perfide antisemitische Lüge," sagt Redakteur Einert in einer Versammlung, „und sie gereicht dem Lügentalente des Mechanikers Schneider zur Ehre." Derselbe Vorgang spielte sich in einer anderen Versammlung ab, die gleichfalls der Bestechung geziehen wurde Ein Redner beantragt, „daß sämmtliche Ausschußmitglieder ans Ehrenwort zu erklären haben, ob sie — sei es als Vereinsfunktionäre, sei es als Privatpersonen — eine Unterstützung von liberaler Seite direkt oderindirekt empfangen haben. — Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen, und alle Ausschußmitglieder bekräftigten mit ihrem Ehrenworte, weder Geld noch Geldeswerth von den Liberalen erhalten zu haben". — Bezeichnend für die Kampfeswuth der Antisemiten ist ihr neuestes Auskunftsmittel. In einer Versammlung der Gemischtwaarenhändler wollte ein ihnen mißliebiger Redner Kammerrath Zimmermann das Wort ergreifen, was ihm aber von der johlenden Menge nicht gestattet wurde, wüthend drangen sie auf ihnein, und als einige Besonnenere die Rasenden verhindern wollten, den lahmen Mann thätlich anzugreifen, riethen wieder Andere zu einem ganz neuen Auskunftsmittel, den Wehrlosen — an zu spucken! Und der Vorschlag wurde beifällig ausgenommen und sofort ausgeführt! — In eine Wählerversammlung des V. Bezirkes wollte dieser Tage durchaus ein „Genosse" mit sammt seinem Hunde eindringen. Als ihm dies aber energisch verwehrt wurde, riß dem Herrn des Hundes die Geduld. „Was," rief er, „Ihr wollt's uns net 'nein lass'n? A guat.