Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- Seite 444 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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um Vermittlung eines Darlehns bei seinen eigenen Wohlthätern ersuchte, mahnte er — bei Hritzko war's freilich vergeblich gewesen — gar davon ab. Nein, dem Leibko thaten sie nichts. Nur Janko haßte ihn glühend, loeil sich ihm in dem kleinen Menschen die beiden Verderber seiner Eltern verkörperten, der Schnaps und der Wucher. Leibko wußte dies, und wenn der Jüngling des Abends die Schankstnbe betrat, ben Trunkenen zu hole», schlich er nach scheuem Gruß in die Ecke und wich ihm ans der Straße weit aus. Einmal aber war kein Platz dazu, und das sollte ihm schlecht bekommen. Auf jener „Wygoda" war's, von lvelcher der Name der Familie rührte, und an einem kalten, nebligen Novembertag. Zähneklappernd eilte der Kleine in seinem dünnen, geflickten Kaftan den schmalen Steg dahin, der über einen künstlich erhöhten Damm führte; rechts und links waren sumpfige Wiesen, die nur im Hochsommer zur Weide dienten, nun aber unter Wasser standen, über das der erste Frost eine dünne Eisdecke gelegt. Da tauchten aus dein Nebel die Umrisse eines Menschen, der ihm entgegenkam; er erkannte seinen Todfeind und blieb zitternd stehen. „Aus dem Weg!" rief der Janko, „für Juden ist die Wvgoda nicht geöffnet!"— und er hob die Faust. Leibko wollte den. Hieb ausweichen, strauchelte dabei und kollerte den Abhang hinab, die Eisdecke brach unter ihm. „Hilfe!" schrie er in Todesangst ans. Aber Janko ging weiter, einem Hund hätte er herausgeholfen, dem Leibko nicht. „Hilfe!" klang es noch einmal, schon schwächer; der Bursche hielt an. sein Herz begann zu pochen, dann setzte er seinen Weg fort. „Ertrinken wird er nicht," dachte er, „dazu ist das Wasser zu seicht! Und wenn auch — Hab' ich ihn hineingeworfen?!" Aber das Herz schlug ihm nun so arg an die Rippen, daß er doch nach einer Weile anhalten mußte. Er blickte zurück, die Dämmerung war eingebrochen, die Nebel wogten dichter, weit und breit war kein Laut, als das leise Krachen des Eises in, Sumpflaud. Da tam's wieder — ein Röcheln nur und wie aus weiter Ferne, aber er hörte es doch deutliche „Hilfe!" und er eilte zurück. Aber als er jener Stelle nahe kam, vernahm er den Klang anderer Stimmen: zwei Männer des Dorfes, sie brachten den Leibko auf de» Armen dahergeschleppt. „Ist er todt?" fragte Janko. „Wahrscheinlich!" mviederte der Eine, und der Andere fügte mitleidig bei: „Wer mag nur das arme, kleine Hundsblnt hiuuntergestoßeu haben? Es hat doch Keinem ivas gethnn!" (Fortsetzung folgt.) Fitterarischr Mittheilungen. Die „Jewisli Publication Society of America“. ein Verein, der seit mehreren Jahren nach dein Muster des ehemaligen „Instituts zur Förderung der israelitischen Litteratur" in Amerika sehr gedeihlich wirkt und eine Anzahl von vortrefflichen Werken herausgegeben hat, auf die wir nächstens im Zusammenhänge zurückkommen werden, hat soeben ein Buch von dem Redakteur dieser Blätter erscheinen lassen. Es führt den Titel: Jewish Litteratur and other Essays by Gustav Karpeles (Philadelphia 1895). Das Buch enthält folgende Aufsätze: I. Einleitung. II. Der Talmud. Ilt. Der Jude in der Kulturgeschichte. IV. Die Frauen in der jüdischen Litteratur. V. Moses Maimvnides. VI. Jüdische Troubadours und Minnesänger. VII. Humor und Liebe in der hebräischen Poesie. VIII. Das Theater bei den Juden. IX. Die jüdische Frage in Afrika. X. Ein jüdischer König in Polen. XI. Die jüdische Gesellschaft zur Zeit Mendelssohns. XII. Leopold Zunz. XIII. Heinrich Heine und das Judenthum. XIV. Die Musik in der Synagoge. Wir geben hier noch das Vorwort des auch äußerlich sehr elegant ausgestatteten Buches nach dem deutschen Original wieder: „Seit zehn Jahren habe ich diese Vorträge in den größten Städten und Vereinen Deutschlands und Oesterreichs gehalten. Jeder einzelne von ihnen ist mir lieb und werth geworden. Eine Fülle von Erinnerungen an weihevolle Stunden und tiefe Eindrücke an treffliche Männer und edle Frauen steigt in mir auf, da ich sie alle noch einmal an meinem geistigen Auge vorüberziehen sehe. Es ist mir, als sendete ich meine liebsten Geisteskinder hinaus in die Ferne. Ein Gefühl von Wehmuth beschleicht mich, wenn ich daran denke: Nun gehören diese Vorträge nicht mehr dir allein, sondern einer fremden Welt. Ein Anderes ist die Rede von Mund zu Munde, ein Anderes wieder das geschriebene Wort. Wird dieses dieselbe freundliche Aufnahme in weiten Kreisen finden, deren das gesprochene in seinem Kreise sich zu erfreuen hatte? Ich weiß es nicht, aber ich wage es zu hoffen — und vor Allem, ich wünsche es aus ganzem Herzen. Innige Liebe zu meinem Judenthum hat diese Reden erzeugt, das Bewußtsein von der großen geschichtlichen Mission, die Israel zu Theil geworden und die es noch lange nicht erfüllt, hat sie gefördert, der Eindruck der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, den sie wohl gemacht, hat ihnen eine freundliche Aufnahme bereitet. Möchte es ihnen gelingen, diesen Eindruck auch im fernen Lande hervorzurufen! Denn auch dort wohnen ja Brüder meines Glaubens, auch dort erklingt in allen Synagogen unser alter Bannerruf: „Schema •JisraelP Auch dort hält man die alte blutgetränkte Fahne mit der erhabenen Inschrift: „Der Herr ist mein Panier!" hoch und in Ehren, auch dort schlägt das jüdische Herz in unwandelbarer Treue und in dem unerschütterlichen Glauben, daß sich dermaleinst alle unsere Hoffnungen und Ziele, unsere Ideale und Träume erfüllen werden. Es ist nur e i n Judenthum am Jordan wie am Tajo, an der Weichsel wie am Mississtppistrome. Gott segne, Gott beschütze und führe es zum Ziele seinergroßen Zukunft! Einen innigen Brudergruß sende ich allen jüdischen Herzen über den Ozean hinaus in das freie Amerika! Berlin, Passah 5652 1892. Gustav Karpeles." -- Es dürfte für die Leser Ihrer Zeitschrift die Mittheilung von Interesse sein, daß die von Herrn Dr. I. Hamburger, Landesrabbiner in Strelitz (Mecklenburg) herausgegebene „Real-Eneyklopädie für Bibel und Talmud" nunmehr nochmals gedruckt wird und in Heften zu 10 Bogen, Großlexikon - Oktavformat, k 3 Mark, erscheint. Man abonnirt in jeder Buchhandlung oder direkt beim Verfasser. Eine zahlreiche Vetheiligung, wie es dieses von den bedeutendsten gelehrten Fachmännern so sehr günstig beurtheilte Werk wohl verdient, wäre zu wünschen, damit das schnelle Nacheinanderfolgen der Hefte gefördert und gesichert werde. B. Isidore Gold blum. Tresors 1'Israel ä Paris (Miginx Israel be Paris) Receueil comprenant une Serie de textes et de memoires relatives ä Fhistoire des Israelites. Vienne 1894. Selbstverlag. Das vorliegende Heft enthält die Veröffentlichung von Handschriften aus verschiedenen Bibliotheken, sowie einige werthvolle, wenn auch bereits gedruckte, jedoch vergriffene Abhandlungen und Mittheilungen aus dem Briefwechsel des Herausgebers mit zeitgenössischen Kennern der Litteratur hebräischer Handschriften. Ihrem Inhalt nach enthält die vorliegende Publikation grammatische, historische und auch medizinische Piecen. Jede einzelne Veröffentlichung ist vom Herausgeber mit litterarhistorischen Notizen versehen, welche über Aller, Verfasser u. a. m. Aufschluß geben. Viele werthvolle Dokumente sind durch diese Publikation der Vergessenheit und dem Untergang entrissen, und verdient daher das Unternehmen thatkräftige Unterstützung aller Freunde der hebräischen Litteratur. Heft 10 des 39. Jahrgangs der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" (Breslau 1895) enthält folgende Artikel: I. Theodor: Der Midrasch Bereschit Nabba. (Forts.) S. Poznansky: Miscellen über Saadja I. — A. Epstein: Jehuda b. Kalonymos aus Speier. (Forts). - H. Hirschfeld: Kritische Bemerkungen zu Munk's Ausgabe der Dalalat Al. Hairin. (Schluß). — D. Kaufmann: Die Promotion des Posener Arztes Dr. Moses Lima in Padua am 19. August 3 639. — Besprechung von I. Barth. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion.- Max Bauch Wik in Berlin.