Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-13 · Heft 37 (13.9.1895) · p. Seite 443

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 443 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228132--52147-3272927
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

443 3 mic im ochsdikiist, religiöser i'eu. Kap. mit den c Greueleint sind, leidnischen nicht in ist somit >t Mittelicht die einheit zu ige schnln Jesaia igkeit beitet, daß e" wäre, t Volke/' lhora sich viefter".1) machen, hum im Dom 7. id gegen Schwelte Kleidung, daß „och üen ausgesellige licht anfihr sollt idig mit n folgt ) ind. Hinfahrt, inner zu durstiger großes ise über er macht als den bersncht, lenschenkluger, nämlich öden zu liefern hatte, während ihn die Baukosten oder gar die Bedürfnisse des Verkehrs nicht anginge», legte er den Weg durch möglichst ödes, weil billiges Terrain. Denn Jeder ist sich selbst der Nächste, und unter Volkswirthschaft versteht inan in Halb-Asien die Wissenschaft, ans Kosten der Gesanirntheit den eigenen Sack zu füllen, ohne deshalb doch gleich ins Zuchthaus zu kommen. Anderwärts kann der Reisende oft aus der Lage der Hütten, der Form der Gärten erkennen, wie gewaltthätig die Bahnlinie hindurchgefnhrt worden. Hier ist dies lvohl nur an einer Stelle so: wo das Dampfroß von Halicz weg, dem uralten Flecken, der dein /and den Namen gegeben, weiter gegen Südost eilt und die Gemarkung des Dorfes Winkowze berührt. Da sieht man zur Rechten inen stattlichen Bauernhof, schief zur Bahn gestellt, zur Linken den woßen Obstgarten. Hier hat der eiserne Strang ein blühendes Anwesen entzweigeschnitten. Der Besitzer jenes Bauernhofs war ein rnthenischer Bauer und yieß Janko Wygoda. Das ist eigentlich ein komischer Name: „Hans Vcguemlichkcit", aber er wird keinem Landeskind so erscheinen, schon veil er überaus häufig ist. Wer das Geschick dieser armen Meiischen rwügt, könnte glauben, daß dies eine Art Nothbehelf ist, damit man unter ihnen doch ivenigsten etlvas finde, ivas an Wohlleben ernnert. Aber „Wygoda" heißt auch ein die Straße kürzender Feldweg, dessen Beimtzung den Nachbarn gestattet wird; der Name haftete mm Grundstück und ging, als Kaiser Josef die Familiennamen ernährte, auf die Besitzer über. Freilich heißen heute, bei dem unerhörteil Aiedergang dieses Bauernstandes, schon viele Hunderte so, die keinem Nenschen mehr etwas zu gestatten oder zu verbieten haben. Unser Janko Wygoda halte cs besser; er saß auf dem Erbe einer Vorfahren, aber hart genug war es ihm geworden. Vielleicht - wer weiß? — vielleicht rettete ihn nur seine Häßlichkeit vor dem Verderben. Vater und Mutter waren die lustigsten, leichtsinnigsten, nirstigsteu Menschen in der Gemeinde und von jenem Schlag, beit man so oft in diesem reinblütigsten Slavenstanim findet, dem nur inige Tropfen Mongolenblut eingemischt sind: groß, stark, fettleibig, mit blondem Kraushaar und wasserblauen Auge». Und diesem Paar legte das Schicksal einen kleinen, schlvarzen Mongolen in die Wiege. Die Nachbarn lächelten, selbst der Pope unterdrückte bei der Taufe den Witz nicht, den Wurm gehörig unter Wasser zu setzen: ,Das Tenfelchen kann's brauchen!" Die Mutter weinte, der Vater nöstete: „Vielleicht holt der Teufel den Wechselbalg wieder ab, und Gott schenkt uns ein christlich Kind!" Beide Wünsche erfüllten sich nicht; Janko blieb der Einzige und gedieh zu einem kräftige», sehnigen, ireilich hageren und kleingeivachsenen Knaben, dem im gelblich-blassen, von straffem, schwarzem Haar innstarrten Antlitz die schief geschlitzten, scheu blickenden Augen staiiden. Wohl das Häßlichste an diesem Antlitz war der Ausdruck dumpfen, traurigen Trotzes; selbst die Hohnredeil der Nachbarn, die Schimpfworte der Mutter, die Fußtritte des Vaters hatten den Janko nicht heiterer gemacht. Aber tüchtiger und arbeitsamer. Er hielt sich an die Knechte, weil ihn diese nicht schlugen, arbeitete rastlos auf den entlegensten Aeckern, wohin der Vater nie kam. Allmählich freilich konnte er sogar aen Garten am Hause betreten, ohne dem Alten zu begegnen; der hatte zu viel Geschäfte außerhalb. Des Vormittags mußte er zu einem der drei Wucherer gehen, in deren Hände er gerathen war, dem Gutsherrn von Winkowze, Wladislaus von Paterski, dem armenischen Pächter der Haliczer Herrschaft, Stefan Kastanasiewicz. und dem Juden Moses Erdkugel in Halicz. Die drei Männer übten ihre Wohlthaten zu demselben Zinsfuß, fünfzig, hundert und, wenn es sein konnte, zweihundert Prozent; aber nur der würdige Erdkugel war bereits wegen Wuchers bestraft. Und mit Recht, denn er hatte sein Geschäft offen betrieben und jene Rücksicht vergessen, die inan befreundeten Beamten schuldet. Der Pole :n»d der Armenier übten diese Rücksichten, und darum waren sie Ehrenmänner; auch Hritzlo Wygoda ging lieber zu ihnen und zum Inden nur, wenn cs fein mußte. Das war seine Arbeit am Vormittag; des Nachmittags betrank er sich in dcr Schänke, des Abends mußte ihn Janko mit Hilfe eines Knechts heimschleppen. Das waren die einzigen Begegnungen zwischen Vater nnd Sohn, und sie liefen friedlich ab, weil der Alte besinnungslos war. Als Gast betrat Janko niemals die Schanke und ivar achtzehnjährig geworden, ehe der erste Tropfen Schnaps seine Lippen netzte. Auch das war gegen seine» Willen geschehen; er brach an einem glühheiße» Tage vor allzngroßer Anstrengung auf dem Felde znsamnien; die Knechte wollten den Ohinnächtigen durch den Trunk wieder ermuntern; mehr als der brennende Geschmack brachte ihn der Abscheu vor Dem wohlbekannten scharfen Duft wieder zum Bewußtsein. So oft er auch sein Schicksal verfluchte, für eines war er ihm dankbar: daß ihn die Eltern nie zur Schänke niitgenoinmen, weil sie sich seiner Häßlichkeit geschämt. Das war gut; er konnte die W'rthschaft aiifrecht halten. Freilich war Alles nutzlos, so lange sie lebten; die Mutter ließ das Hauswesen verfalle», der Vater verkaufte die Frucht ans dem Halm und schaffte selbst das nöthigste Geräth nicht an; aber sic mußten ja bei solcher Lebensführung ein frühes Ende nehmen. Er hatte sie als Kind gehaßt, so lange er sie gefürchtet; als Jüngling ging er mit stnmpfen Gleichmuth neben ihnen her; er wünschte ihren baldigen Tod nicht, aber das mußte ja kommen, wie auf den Herbst der Winter folgt. Und dann war er der Herr nnd Alles gut. Daß in Wahrheit Alles verloren war, daß eigentlich kein Halm mehr dem Vater gehörte, sondern jene» drei Wohlthätern, wußten Mehrere im Dorfe, er nicht, den es zunächst betraf. Der Vater war den Wucherern Geld schuldig, das mußte dann eben zurückgezahlt werden; Schlimmeres ahnte er nicht. Wer auch hätte es ihm sagen sollen? Er sprach mit Keinem mehr als das Notwendigste, hatte keinen Freund. Die Leute verhöhnten den Wechselbalg und Duckmäuser, Einige mochten das arme traurige Arbeitsthier vielleicht bemitleiden, gingen ihm aber doch gern aus dem Wege. Ebenso seine Knechte; er war ja als Herr gerecht, »inthete Keinem so viel zu, wie sich selbst, aber sie athnieten doch ans, wenn er ihnen den Rücken kehrte. Ihm jedoch waren eigentlich alle Leute im Dorfe gleichgiltig, bis auf Einen, den er grimmig haßte, den Pächter der Schänke, Leib Weihnnchtsknchen. Das war ein kleines, armseliges, verknittertes Stückchen Menschheit, das immer mit einer scheuen, demüthig fragenden Miene umherschlich, als wollte cs die Leute anflehen: „Nicht wahr, Du hast doch nichts dagegen, daß Leib Weihnachtsknche» lebt?!" Kein Schänkwirth in Podolieu nimmt es seinen Gästen übel, wenn sie ihn „jüdisches Hundsblut" nennen und an den Wangenlöckcheu zerren; Leib ließ sich, wenn's sein mußte, noch ganz Anderes gefallen. Aber dazu kam es selten; im Gegentheil, er wurde von seinen Gästen besser behandelt, als die meisten andern Wirthe. Erstlich hatten sie Mitleid mit dein kränklichen Männchen; ferner war zum Neid kein Grund; er war so arm wie kein Knecht in Winkowze, und hungerte mit Weib und Kind öfter, als er satt wurde. Denn wohl ging die Pacht ans seinen Namen, aber Herr von Paterski, dem die Schänke gehörte, hatte „aus Barmherzigkeit" auf die Kaution verzichtet, Moses Erdkugel die Vorräthe angeschafft, nnd nnn hielten ihn die Beiden für immer in de» Krallen. Endlich aber war der Mensch so dumm; wäre er kein Jude geweseii, sie hatte» ihn für ehrlich gehalten; er wässerte den Schnaps nicht, gebrauchte keine doppelte Kreide, munterte Niemand znin Trinken auf, nnd wenn ihn Jemand

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.