Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- Seite 442 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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442 behaupten, war um so unfeiner und gewagter, als Paulsen doch auf der anderen Seite die sprichwörtliche Assiniilirbnrkeit gerade der Gerinaneu mit sreiuden Böllern und deren ebenso sprichwörtliche Ueberschätzung fremder Geisteserzeugnisse, oft ans Kosten der eigenen, gewiß nicht nnbekaiint geblieben. Wie außerordentlich jung ist überhaupt erst der deutsche Nationalsinn? Wie gern ließ er durch Jahrhunderte weit materiellere Miteresse» tiorangehe», und nun wagt man es, über die Inden, deren Nationalisirnng man stets gewnltsani hemmte, die sittenrichterliche Geißel zu schwingen? Ist P. nie zu Ohre» gekommen, daß so viele Urdentsche »och heute alljährlich nach Amerika answaudern? Die Inden weisen mit Entrüstung die Beleidigung zurück, die ihnen P. ans seiner „instinktiven Empfindung" heraus ins Angesicht schleudert. „Erst wenn" — sagt P. weiter — „die Inden völlig seßhaft werden in dem Sinn, daß der Einzelne seine Zukunft unlösbar verknüpft sieht mit der des Volkes, in dem er lebt, erst daun wird das Gefühl der Abnormität ihres Staatsbürgcrthnms völlig verschwinden. Ob dies geschehen kann ohne die Anfgebnng des altnationalen Religivnsreremonials, ist allerdings wohl fraglich. Die jüdische Religion ist nicht eine Konfession, wie die andere»; das Bekenntnis; zu ihr ist nicht blos ein Bekenntnis; zu einem religiösen Glauben, sondern zugleich und wesentlich Bekenntniß zur Nationalität; die Absonderung von den Völkern, den Heiden, war von jeher der Astes durchdringende Mittelpunkt in der jüdischen Religion." Ich frage, wann Panlsen so gütig sein wird, den Inden für seßhaft genrig zu halten, daß er seine Zukunft unlösbar verknüpft sieht mit der des Volkes, in dem er lebt? Wenn man lediglich P. über die deutschen Inden sprechen hört, so möchte man doch tvahrhastig meinen, sie strolchten wie die Zigeuner von einem Lande inS andere, und doch ist eS geschichtliche Thatsache, daß sie schon zur Zeit Karls des Großen in Denlschland lebten und nur, wenn man sie grausam verjagte, nothgedrnngen wanderten. Wo man den Inden in Ruhe ließ, da war er immer seßhaft und war stolz auf sein Vaterland und ans die Dienste, die er ihm leisten konnte. Er ist glücklich, seßhaft sein zu können, aber die Engherzigkeit mißgönnt ihm dieses so lange entbehrte Glück; er ist ihr zn seßhaft, dies ist das thatsächliche Verhältnis;. Damit fällt aber auch die weitere Behanptnng, die zudem noch auf einer ganz besonderen Unkenntnis; beruht. Das Bekenntniß zum jüdischen Glauben sollte zugleich und wesentlich Bekenntniß zur Nationalität sei»? Hat P. sich klar gemacht, daß er damit den allerwesentlichsten Glanbenspnnkt des Jndenthnms, den Monotheismns, wonach alle Menschen nur den einen Allvater haben, ans eine ganz unverantwortliche Weise ignorirt? Der Segen Abrahams lautet: „Es sollen durch dich gesegnet werden alle Geschlechter der Erde" <Genes. 12, 8), Salomo betet bei der Einweihung des ersten jüdischen Tempels für alle Heiden, Zefanja (3, 9) verkündet im Namen Gottes: „Fürwahr, dann wandte ich den Völkern (ihre Sprache in) eine lautere Sprache, daß sie Alle anrnfen den Namen des Ewigen und ihm dienen einmüthig." Des Propheten Micha und des ersten Jesaja Ideal ist die Einheit aller Völker in derselben reinen Gotteserkenntniß (Micha 4, Jes. 2 und 11). und der zweite Jesaia spricht: „Fürwahr, mein Hans soll ein Bethans genannt werden für alle Völker (Jes. 56, 7). Der Talmud aber sagt: „Die Gerechten aller Völker haben Antheil an der künftigen Welt" (Tosest. Sanh. XIII). Wenn nun aber Panlsen sagt, die Absonderung von den Völkern, „den Heiden", sei das Wesen, der Alles durchdringende Mittelpunkt in der jüdischen Religion, so macht das ganz den Eindruck armseliger Nachbeterei. Denn hätte er eine selbstständige Kenntnis; vom alten Testament, so würde ihm doch unmöglich habe» entgehen können, daß, wo Absonderung von de» Heiden gefordert wird, dies »nr im Zusammenhänge mit dem bei den Heiden herrschenden Molochsdienst, deren Unzucht, Aberglauben und ähnlicher sittlicher und religiöser Verderbtheit geschieht, wie die hierfür klassischen Stellen Lev. Kap. 18 und 20 darthnn. Auch Esra, der die Vermischung mit den kanaanitischen Völkern beklagt, spricht von den „Völkern der Grenelthaten" (Kap. 9), unter denen eben die erwähnten gemeint sind. Tie erst kurz vorher durch die Leiden des Exils von aller heidnischen Entartung geheilten und geläuterte» Israeliten sollten sich nicht in die Gefahr begeben, in die alten Fehler znrückzusinken. Es ist somit sonnenklar, daß die Absonderung überall nur Mittel, nicht Mittelpunkt, Nothbehelf, — nicht Zweck gewesen, weil eben nicht die Nationalität, sondern nur die Religion in ihrer Reinheit zu erhalten war. Ein Mann, der sich zutraut, über diese Dinge schulmeisterlich zu rede», Hütte doch wahrlich das 56. Kap. in Jesaia kennen müssen, wo es ausdrücklich heißt, daß, wer Gerechtigkeit beobachtet, Liebe übt, den Sabbath heiligt und seine Hand hütet, daß sie nichts Böses thnn, selbst wenn er „ein Sohn der Freude" wäre, nicht sage: „Abgesondert hat mich der Ewige von seinem Volke." Ja, der vietgeschmühte Talmud selbst sagt: Ein mit der Thora sich beschäftigender Heide steht höher als ein unwissender Hoherpriester".') Statt dem Judenthum den Vorwurf der Absonderung zn »lachen, hätte es P. vielmehr beklage» sollen, daß das Christenthnm im Nicäischen Konzil durch die Verlegung der Sabbathfeier vom 7. Wochentage auf den 1. Wochentag eine wichtige Scheidewand gegen das Jndenthuln aufgerichtet, daß man ferner bis an die Schwelle der Neuzeit die Inden in jeglichem Betracht, in Wohnung, Kleidung, Beriif zu den kläglichsten Besonderheiten verdammt hat, ja, daß noch heute die Inden von einer ganzen Reihe amtlicher Bernfsarten ausgeschlossen werden, das; noch heute in deutschen Städten gesellige Vereine bestehe», deren erster Paragraph lautet: Inden dürfen nicht anfgenommen werden. Sondert ihr die Inden nicht ab, »nd ihr sollt sehen, ob sie nicht in allem Guten und Edlen sich freudig mit euch vereine». (Fortsetzung folgt) Bi MMM II NlTOauiraulKftJi I 1 FEUILLETON | & 1 c-1 P MilWMMMMMmMWMmMMWuMMMIlMsMMMWMjWffMWW -----1 Ü MMMU88 Leib Meihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. Waggon von Lemberg noch Czernowitz dahinfährt, mag leicht versucht sein, Ostgalizien für menschenarmer zu 0 halten, als es ist. Meileinveit öde Haide oder dürftiger Ackerboden, einige Hütten in der Ferne, aber nirgendwo ein großes Dorf und von der Station zur Stadt ist's noch eine Reise über Stock und Stein oder durch unergründliches Kothmeer. Lieber nmcht das Dampfroß einen meileuweiteu Umweg durch Sumpfland, als den Behausungen der Menschen nahe zu konimen. So wäre man versucht, den Mann, der diesen Bahuweg bestinnnt hat, für einen nienschenscheuen Sonderling zu halten, während er in Wahrheit ein kluger, von wärmster Nächstenliebe erfüllter Volkswirth war. Da er nämlich der Bahngesellschaft gegen eine Gesammtsumme nur den Boden zu h Sifra Waere. Sanh. 59. 77.