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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-13 · Heft 37 (13.9.1895) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 441 (sequence 11)
Language
German
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441 überaus wohlthätige Einrichtung, die so in unser Leben und Empfinden übergegangen ist, daß sie uns als ein Stück der Naturordnnng selbst vorkommt; wie Huben nur Griechen und Römer ohne Sonntag leben können?" Ich kann hier nicht auf alle die Ideen und Institutionen moralischer und religiöser Natur eingehen, welche die Völker lediglich dem Judenthum verdanken; aber die Frage wird wohl berechtigt sein, wie wohl die sittlich-religiöse Veredlung der europäischen Völker ohne die von den ursprünglich heidnischen Religionen total verschiedene Religion der Jude» zu Stande gekommen wäre? Die Würdigung dieser Verschiedenheit hatte im Occidcnt das Christenthuin, im Orient de» Islam zur Folge. Liegt nicht in dieser eniiuenten weltgeschichtlichen Thatsache die stärkste Rechtfertigung dieser Verschiedenheit? Aber auch die Verschiedenheit der „Abstammung" und der „geschichtliche» Vergangenheit" wird mit Mißmuth erwähnt. So weit dieselbe mit der Religion zusammenhüngt, so haben wir sie eben als eine gerade von der Religionsgeschichte der Völker sanktiouirte Nothwendigkeit erkannt. Was aber die politische Vergangenheit anlangt so bedeutet dieser Hinweis eine durchaus unphilosophische Befangenheit und ethisch eine Ungerechtigkeit. Meint Paulsen wirklich, daß Jemand weniger Mensch und weniger Patriot sei» kann, weu» er nicht Siegfried, sondern Abraham, nicht Hermann, sondern Moses und Jesaja und die Psalmisten zu seinen Ahnen zählt? Ich neige zu der Ansicht, das; diese erhabenen Gestalte» die geistigen Ahnen aller civilisirten Völker geworden, und das; selbst die Deutschen reinsten arischen Blutes, wenn sie vornrtheilslos sind, zugeben werden, das; sie jenen hebräischen Heroen mindestens so viel Dank und Ehrfurcht schulden als ihren leiblichen Stammvätern. Jedenfalls verräth es eine gar zn gewöhnliche, materialistische Denkungsart, echte Freundschaft und Liebe lediglich auf Grund von Blutsverwandtschaft für möglich zn halte». Gerade von einem Philosophen und Ethiker sollte man erwarten dürfen, daß er nur ethische, ideale Momente als das eigentliche Fundament eines schönen und ersprießlichen Zusammenlebens und Strebens betrachte. Sollte ferner ein Mann, der von „geschichtlicher Vergangenheit" spricht, nicht wissen, daß gerade die deutschen Juden die allerschrecklichste Behandlung unter den Inden der ganzen Welt erfuhren? Selbst Spanien erscheint dieser Behandlung gegenüber in einem günstigeren Lichte. Denn die Juden lebten dort bis zu ihrer Vertreibung in verhältnißmäßigem Wohlsein. Die Inden wurden nicht, damit man sie ausbeuten könne, gewaltsam znrückgehatten. Es ist eine ewige Schmach für das Herz und den Intellekt der Spanier, daß sie dem erwachten religiösen Fanatismus gegenüber sich so ohnmächtig erwiesen, aber dieser Fanatismus war ehrlich, rein, nicht mit Eigennutz, Rassenhaß, Habsucht und Neid vermengt. In Deutschland dagegen wurden die Inden trotz ihrer kaiserlichen Kammerknechtschaft ohne Erbarmen geplündert, der Verachtung nnd dem Hohn, den ausgesuchtesten Quälereien preisgegeben, oder man sprengte aus, eine Hostie sei von den Juden zerstochen worden, so daß Blut herausfloß, und ähnliches dumme Gefabel, und sie wurden zn Huuderttansenden erschlagen. Und das nennt Paulsen eine „Schutzbürgerschaft", welche die Juden Jahrhunderte lang gebildet hätten! Ihm scheint das „Judenreglement" Friedrichs des Großen vorzuschweben — die „vielen Jahrhunderte" muß man schon dem Philosophen, der doch kein Historiker in einer Person sein muß, zu Gute halten — wonach einzelne Inden im preußischen Staate durch theuer erkauste „Schutzbricfe" und unter mannigfaltigen Chikanen gelvährleistet. wurde, daß sie nicht unversehens über die Grenze gewiesen werden. Es ist bekannt, unter welch' erschwerten und entwürdigenden Umständen selbst einem Moses Mendelssohn dieses dürftige Privileg eingeräumt' ivurde. Man schloß die Juden systematisch von jeder politischen und soziale» Gemeinschaft ans, man lies; sie wohl au den Leiden, die über Staat und Volk hereinbrachen, theilnehmen, nicht aber an den Freuden, den Ehren, der Erhebung, und da wird den Inden eine Verschiedenheit der geschichtliche» Vergangenheit vorgerückt als Etwas, das sie verschuldet halten! Hätte P. diese Verschiedenheit als einen einfachen Thatbestand erwähnt, so wäre freilich kein Grund zn einer Kritik; allein er knüpft daran sehr gehässige Folgerungen. Als einem Ethiker mußte es ihm natürlich ansfallen, daß „in den letzten beiden Jahrzehnten die Stimmung gegen die Jude» in weiten Kreisen eine andere geworden", als diejenige war, welche in den fünfziger Jahren dazu drängte, de» Jude» die Emanzipation zn gewähren. ,Die den Juden abgeneigte Stimmung" — sagt er — „hat ihre Wurzel in der instinktive» Empfindung, daß der Jude seine Zukunst, die Zukunft seiner Familie, nicht ebenso unlöslich mit der Zukunft des Staates und Volkes, unter dem er lebt, verknüpft sieht, als es die andern Staatsbürger thnn: würde Ungarn heute russisch, so würde sich der bisher ungarische Jude bald darein finden, nun ein russischer Jude zu sei», oder er würde die ungarische Erde von den Füßen schütteln und nach Wien oder Berlin oder Paris ziehen und bis auf Weiteres ein österreichischer« deutscher oder französischer Jude sein. . . ." „Diese Beweglichkeit und Jnternationalität des Judenthums, die sie nicht so feste Wurzeln in einem Lande schlagen läßt, daß sie mit ihm auf Leben und Tod verbunden sind, dürfte die tiefste Ursache des instinktiven Mißtrauens der nationalisirtei! nnd ansässigen Bevölkerungen gegen sie sei»." Wie? Dazu ist man Philosoph, um auf eine instinktive Empfindung und nicht auf Gründe hin Etwas zu behaupte»? Und dazu ist mau Ethiker, um auf eine bloße, instinktive Empfindung hin eine Bewegung, die auf nichts Geringeres als auf den Bruch verfassungsmäßiger Rechte hinsteuert, deren Werkzeuge Lüge und Verleumdung sind, zn rechtfertigen? Ist P. in der Lage, auch nur den Schatten eines Beweises für seine Behauptungen zu bieten? Ist ihm unbekannt, daß die Ungar» ihren jüdischen Mitbürger», grade in Anerkennung ihres bewährten Patriotismus, eben im Begriffe sind, die längst bestehende Gleichberechtigung noch mehr zu befestige», noch vollendeter auszubauen? Die Ungarn halten den in ihrer Mitte lebenden Juden dessen für würdig, und der deutsche Professor i» Berlin, der vielleicht niemals Ungarn betreten, wagt es, den ungarischen Inden im Hinblick auf seinen Patriotismus zu verdächtigen — ist das auch ethisch? Weiß P. nicht, daß die einst ans Deutschland wegen unerträglichen Druckes nach Polen nnd Rußland ausgewanderten Juden noch heute ihre deutsche Sprache reden? Hat er nie von Spaniolen gehört, jenen aus Spanien vertriebenen Juden, die noch heute — nach fünfhundert Jahren — in der Türkei nnd den Balkanstaate» ihr altes Spanisch oder Portugiesisch pflegen? Sind ihm Männer wie Crsmieux in Frankreich, Disraeli und Montefiore in England, Laster und Bamberger in Deutschland keine Beispiele für echte und volle Vaterlandsliebe auch bei Jude»? Jgnorirt P. die Thatsache, daß Juden sowohl in de» Freiheitskriegen als i» den Kriegen der neueren Zeit — seitdem ihnen eben der Eintritt ins Heer gestattet ist — mit Tapferkeit fürs Vaterland gekämpft, geblutet und ihr Leben nusgehaucht? Und gesetzt, der ungarische Jude würde aus dem russisch gewordenen Lande freiwillig nach einem gerechten und hnnianer regierten Lande ziehen, wo das Damoklesschwert der Barbarei nicht so ununterbrochen über ihm schwebte, wäre das wirklich eine so furchtbare Schandthat? Daß er aber, in Ungarn bleibend, sich bald darein finde» würde, ein russischer Jude zu sei», also der früheren edleren und wohlthätigen Herrschaft undankbar vergessen könnte, das zu

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