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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-13 · Heft 37 (13.9.1895) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 440 (sequence 10)
Language
German
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440 Parteileitung hatten sich nämlich die reinen (?) Antisemiten entweder der Wahl enthalten, oder sie halten den Gegenkandidaten gewählt. Deshalb wählten die beiden Parteien gegenseitig ihren Schmutz aus. Ueberhanpt scheint das Wühlen der Lebenszweck der Antisemiten zu sein. Sogar in den Kurorte» können sie ihre Hetzereien nicht lassen. So stößt man jetzt oft in den Badeplätzen Friedrichroda nnd Tabarz ans antisemitische Flligblütter. Die Wirklingen fehle» denn natürlich auch nicht. Anzeigen, wie „Zimmer für christliche Herrschaften sind zu vermiethen", gehöre» zwar noch zu den Seltenheiten, doch liegt Gefahr vorhanden, daß dies immer häufiger wird. Daß so etwas den Badeplätzen nur schade» kann, sehen oder wollen die Antisemiten nicht einschen. Wozu aitch? Mit einer leider 311 bekannten Redensart können diese Herren sich ja so leicht Über Unannehmlichkeiten hintvegsetzen. Wozu gäbe es den Ausspruch: „Der Zweck heiligt die Mittel", wenn er nicht seine Anwendung finden sollte! Und was sind das erst für Zwecke? Aber woraus erklärt sich das Ueberhandnehnien der Intoleranz und Hninanitätslosigkeit? Zum großen Theil ans der geradezu verblüffenden Gleichgiltigkeit vieler unserer Glanbensgenoffen. Allenthalben hört man von jüdischen Litteratnrvereinen, die gegründet worden sind, um den Jndifferentismns der Inden zu brechen. Ja, in Thüringen hört man von Derartigem nichts! Rur Eisenach besitzt eine» Verein, der aber nnr in bescheidenem Maße wirken kann. Derselbe besteht zwar schon über zwei Jahre, ist jedoch erst seit diesem Winter mehr in die Oeffentlichfeit getreten. Da ich nun doch einmal von den jüdischen Geschichtslind Litteraturvereinen spreche, so möchte ich bei dieser Gelegenheit de» Vorschlägen, über die sich Herr Prediger Ellguther in Nr. 27 dieses Blattes verbreitet hat, etlvas näher treten. Dieselben finden meinen Beifall in vollem Maße, und ich glaube, wenn der „Allgemeine Verband" die Sache in die Hand nimmt, so wird die Angelegenheit gewiß realen Boden gewinnen. Nur möchte ich Vorschlägen, die Abhandlungen zum Jahresbericht nicht jedes Jahr, sondern alle zwei Jahre erscheinen zu lassen, da doch viele kleinere Vereine über ihre Baarschaften in nicht so ausgedehntem Maße verfügen können wie größere. Wegen der beizndrnckenden Vorträge selbst lvird man wohl nicht sehr in Verlegenheit gerathen, da dabei doch wahrscheinlich Auswahl vorhanden ist. Denn die jüdisch-wissenschaftliche Litteratur ist, wie mail mit Freuden konstatiren kann, auf dem Büchermärkte ziemlich stark vertreten. Wie verhält es sich aber mit der jüdischen Belletristik? Da ist es nun freilich anders bestellt. Bedeutende Werke werden jetzt nnr in sehr bescheidenem Maße verfaßt. Um so eifriger liest man aber dafür die wenigen Werke, die herausgegeben werden. Da ist jüngst — nnd ich glaube, ich habe als Eisenacher doppeltes Interesse, darauf näher einzugehen — von dem bekannten Schriftsteller B. Hause ein Band erschienen, betitelt „Drei Erzählungen." Diese Erzählungen heben sich von seiner vorjährigen Arbeit „Aus dem jüdischen Leben" sehr vortheilhast ab. „Aus dem jüdischen Leben" sind zwei Novellen, in denen Hanse den Lehrer zu sehr durchblicken läßt nnd darüber fast ganz den Erzähler vergißt. Er geht meiner Meinung nach von einer ganz irrigen Voraussetzung aus. Er läßt in seinen Erzählungen eine ganz bestimmte Tendenz zn Tage treten, die ec in mehr oder weniger ungeschickter Weise zum Ausdruck bringt. Ganz recht! Tendenz muß jeder tiefer angelegte Roman haben. Aber darf das i» socher Weise hervortreten, wie hier! Hause laßt nämlich einige Personen lange erbauliche Diskurse über die jüdische Erziehung pflegen, die, ohne viel zu sage», mindestens den dritten Theil des Werkes ausmachen. Ja, heißt denn das den Leser in Spannung halten! Das jetzige übernervöse Lesepubliknm hat eben keinen Sinn nnd keine Ausdauer für solche Exkurse. Da läßt man sich Hauses „Drei Erzählungen" gefallen! Die sind in einem frische», volksthümlichen Ton geschrieben und wirken packend bis an den Schluß. Den besten Eindruck hat auf mich „Die silberne T'sillah" gemacht. Etwas schwächer ist die zweite Erzählung „Ein Waisenknabe". Der Schluß, der zu unwahrscheinlich klingt, beeinträchtigt die Totalwirklmg etwas, »'ährend wieder „Eine wunderbare Errettung" bis ans Ende fesselt. Ich Hütte zwar noch mehreres auf dem Herzen, null aber den Leser nicht ermüden. Sollte ich ja zu oft nnd zu sehr vom Thema abgeschweift sein, so möge mir das zur Entschuldigung dienen, daß ja ein Brief nicht für trockene Berichte geeignet ist, sondern mehr dazu, ein wenig zn plaudern nnd seine Gedanke» auf dem Papier spazieren zu führen. P—s A. Aas Iudrnthum in Paulsens System der Ethik. Von Dr. M. Steckelmacher, Stadt- und Konferenz-Rabbiner in Mannheim. f er Berliner Universitätsprofeffor Friedrich Pa nlsen widmet in seinem System der Ethik (Berlin 1894, 3. Aufl. Bd. II., S. 491 ff.) auch der antisemitischen Bewegung seine Aufmerksamkeit, aber in einer so unethischen Weise, daß mir eine Zurückweisung geboten scheint. Ich bin durchaus nicht dafür, daß man jeden Schmähartikel der auf Ethik wenig Anspruch machenden antisemitischen Tageslitteratur beachte. Abgesehen davon, daß, wie ja die jüngsten Erfahrungen mehrfach gezeigt, die bestehenden Gesetze die gröblichsten Verletzungen des Jndenthums nicht hindern — werden diese obskuren Skribenten nicht gewissermaßen zn anständigen Mensche» gestempelt, indem sich anständige Mensche» mit ihnen abgeben? Ein wirklich gebildeter und gerechter Man» wird Von dergleichen elendem Geschrei sich in seinem Urtheil nicht beirre» lassen, der Pöbel aber will nicht überführt sein. Wann wären Haß und Neid durch Belehrung erstickt worden? Eine Pflicht der Abwehr scheint mir aber vorznliegen, wenn ein Philosoph, und obendrein ein Ethiker, verunglimpfend auftritt; denn auf ihn hören auch edlere Kreise, und ihm gegenüber könnte Schweigen leicht als Zugestündniß niißdeutet werden. Mögen daher die Randbemerkungen, die ich mir 311 Panlsens Aenßerungen über das Judeuthni» gemacht, in diesen Blättern eine Stelle finden. Panlsen sagt Seite 491: „Eigenthünilich liegt das Verhältniß bei den Inden. Verschieden durch Abstammung, Religion und geschichtliche Vergangenheit, bildeten sie Jahrhunderte hindurch eine fremde Schntzbürgerschaft in den europäischen Staaten." Da auf dieseni Satz alles Weitere aufgebaut ist, so bedarf schon er der kritische» Beleuchtung. Was zunächst de» Vorwurf der Verschiedenheit durch Religion betrifft, so liegt darin eine Undankbarkeit. Was bildet die ethische Seele des Ehristenthums, wenn nicht das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"? P. selbst sagt ja (II. S. 156): „Es ist (die Nächstenliebe) das große Gebot des Christenthums." Nun den», dieses Gebot ist jüdisch, wie Levit. 19, 18 und 34 und viele andere Stelle» des jüdische» Schriftthnms beweisen. Und was ist die eigentliche Quelle für die gottesdienstliche Ernährung nnd Kräftigung des Christenthnms, wenn nicht der Sabbath? P. selbst sagt ja wiederum (II. S. 50): „Dazu hat uns die jüdische Religionsüberlieferung mit der siebentägigen Woche den Ruhetag gebracht, eine

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