Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1895)
- Date
- 1895-09-13
- Page
- Seite 439 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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439 3. Der Text, als die einzige Grundlage der Lehrstunde, wird aus der Bibel verlesen, erklärt und durch biblische und nach biblischen Geschichten veranschaulicht und beleuchtet. 4. Die verwendeten Bibelsprüche werden zusammengestellt, bezügliche Gebet- und Liederverse werden angeführt. Kerniges und Mustergiltiges wird dem Gedächtnisse eingeprägt. 5. Die gewonnenen Erkenntnisse werden auf das Leben angewendet; die Schüler werden herzlich zur Befolgung der vorgetragenen Lehren ermahnt und fassen einen Vorsatz fürs Leben. Die Debatte wurde nach Beendigung der Lehrprobe an Ort und Stelle vorgenommen. Obwohl Herr Reuß den Gegenstand mit Begeisterung behandelte und die aufgestellte Disposition geschickt durchführte, so wurden aber doch Methode und Ausführung einer abfälligen Kritik unterzogen und manche Verstöße gegen die Regeln der Pädagogik bemängelt. An der Debatte betheiligten sich Spanier-Stolzenau, Ludwig- Meppen, Stern-Einbeck, Levy-Norden, Weinberg-Bodenfelde, Neuhaus- Wunstorf u. A. Gegen 6 Uhr wurde die Sitzung für den ersten Konferenztag geschlossen, und die Mitglieder begaben sich in corpore auf den Weg, um der freundlichen Einladung des Konsul M. Simon Folge zu leisten und die Anlagen seines Gartens einer Besichtigung zu unterziehen. Die Konferenzmitglieder erlebten hier einige frohe, gemüthliche Stunden, und erst spät ani Abend verabschiedeten sie sich von ihrem liebenswürdigen Wirth. Zweite Sitzung, Dienstag den 4. Juni 1895, Vormittags 8 Uhr. Die Sitzung wurde eröffnet mit der Mittheilung des Vorsitzenden von dem Eintreffen der am Eingänge dieses Berichts erwähnten Begrüßungstelegramme und Entschuldigungsschreiben. Es folgte zunächst die Berathung der von der Kommission umgearbeiteten Thesen über das Bibellesen. Dieselben haben in der neuen Fassung folgenden Wortlaut: 1. Die Kenntniß der Bibel ist, soweit sie nicht durch Uebersetzen des Urtextes erreicht werden kann, durch Bibellesen zu erstreben. 2. Den Kindern ist beim Bibellesen ein Bibelauszug in die Hand zu geben. 3. Der Bibelauszug soll mit Weglassung der dem Kindesalter nicht entsprechenden Stellen die ganze Bibel im Bibelwort enthalten. 4. Diesen Anforderungen genügt im Wesentlichen die Auerbachsche „Schul- und Hausbibel". Nach kurzer Debatte wurden sämmtliche Thesen in dieser Fassung angenommen. Vor Beginn der freien Besprechungen übernahmen Referate für das nächste Jahr Lomnitz-Eldagsen und Wertheim-Münden. Bach-Hildesheim erklärte sich zu einer Lehrprobe bereit. Die Bestimmung der Themata behielten sich die Referenten vor. Die nächste Konferenz soll am 1. und 2. Pfingsttag 1896 wieder in Hannover abgehalten werden. In den nun folgenden freien Besprechungen wurde die schon oft behandelte Lesebuchfrage wieder aufgeworfen. Dr. Löb-Emden bezeichnete diese Frage für seinen Bezirk als eine brennende, da die königliche Regierung ihn aufgefordert habe, bis zum Herbst eine Entscheidung darüber abzugeben, welches Lesebuch in den Schulen seines Bezirks eingeführt werden solle. Nach kurzer Besprechung wurde eine Kommission ernannt, welche ein geeignetes Lesebuch vorzuschlagen oder die Ausarbeitung eines neuen, brauchbaren Lesebuchs zu übernehmen habe. In die Kommission wurden gewählt: Dr. Knoller-Hannover, Stern-Hildesheim, Spanier-Stolzenau, Levy-Norden und Reuß-Aurich. Weinberg-Bodenfelde fragte an, in welchem Verhältniß die „Allgemeinen Bestimmungen" zu dem Schulgesetze von 1854 ständen, da oftmals Verordnungen des einen denen des andern widersprächen. Dr. Löb-Emden erwiederte, daß nach seiner Auffassung das Gesetz von 1854 für die jüdischen Schulen überall als maßgebend angesehen werde, und daß die königl. Regierung sich in vielen Fällen in gleicher Weise ausgesprochen habe. Das Gesetz von 1854 sei eben ein Gesetz, was die „Allgemeinen Bestimmungen" in diesem Sinne nicht seien. Jedoch seien letztere auch da allgemein giltig, wo das Gesetz von 1854 keine Bestimmungen enthalte. Stern-Hildesheim schlug vor, das Konferenz-Protokoll künftig einer jüdischen Zeitschrift zu überweisen mit dem Ersuchen, die betreffende Nummer jedem Mitgliede unseres Vereins zu übersenden. Es würden dem Verein dadurch wesentliche Kosten erspart. Die Redaktion einer der jüdischen Zeitschriften würde sich hierzu wohl bereit finden lassen Dr. Löb-Emden stimmte dem Vorschläge zu, jedoch sei es wünschenswerth, einen Separatabdruck zu erwirken^ da es Vorkommen könne, daß die königl. Regierung die Einsendung eines Exemplares verlange. Der Antrag Stern wird angenommen mit dem Zusatz des Dr. Löb. Dem Vorstand bleibt die Ausführung überlassen. Hiermit ist die Tagesordnung erschöpft. Die Versammlung sprach auf Antrag Levy-Norden dem Vorsitzenden für die unparteiische, geschickte Leitung der Verhandlung durch Erheben von den Sitzen ihren Dank aus, worauf dieser die Versammlung für geschlossen erklärte mit dem Wunsche: Fröhliches Wiedersehen im nächsten Jahr! Die Schriftführer: Julius Spanier. Iwan Meyer. Thüringer Brief. Eisenach, im September. Sommer neigt sich allmählich seine»! Ende zu, die Blätter beginnen bunt zu werden, und alle Anzeichen sind vorhanden, ^2^ daß der Herbst vor der Thür steht. Ich glaube, da ist so ein Rückblick auf die Frühlings- und Sommerzeit, soweit es die Inden betrifft, nicht unangebracht. Daß ich speziell Thüringen im Auge habe, der ich doch da zu Hause bin, liegt wohl auch auf der Hand. Thüringeu ist von jeher das Land gewesen, das von der jüdischen Presse am stiefmütterlichsten behandelt worden ist. Nur selten verirrte sich einmal eine kurze thüringische Notiz in die Blätter. Das hat aber auch seinen guten Grund. Die Judengenieinden sind hier fast alle nur sehr klein. Kaum vier oder fünf Städte besitzen größere Ansammlungen. Früher war das ganz anders; da zählte Thüringen zu den Landern, die die meisten Juden besaßen, und erst! seit den Zeiten des schwarzen Todes gehörten thüringische Juden zu den Seltenheiten. Seit dem vorigen Jahrhundert begannen die Städte, mit Ausnahme von Erfurt, das immer eine große Gemeinde besaß, sich wieder mit Juden zu bevölkern, und nur allmählich bildeten sich größere Gemeinde», wie z. B. Eisenach. Eisenach zählt heute schon ungefähr 90 jüdische Familien, trotzdem die Gemeinde sehr jung ist. Erst in den sechziger Jahren hatte sie sich konstituirt. Das politische Getriebe hat auch hier in diesem Jahre nachhaltige Spuren zurückgelassen. Der Wahlkampf, der im Frühjahr getobt hatte, hatte auch deu Antisemiten wieder ein reiches Feld eröffnet. Höher denn jemals brandeten die Wogen des Kampfes. Fünf Parteien hatten ihre Kandidaten aufgestellt, und alle fünf hofften auf Sieg. Uns interessiren hier nur die Antisemiten und der Bund der Landwirthe. Der Bund der Landwirthe, der in dem Reichstagskandidaten Dr. Rösicke vertreten war, hatte eine solch' antisemitische Färbung angenommen, daß man zweifelhaft sein konnte, wer eigentlich von beiden Parteien am meisten gegen die Juden hetzte. Denn eine Hetze war es, die der Bund der Landwirthe gegen die Juden veranstaltete. In Flugblättern und Zeitungen flog es nur so hinüber und herüber mit antisemitischen Floskeln und Kraftwörtern. Und dank seiner Agitation hatte der Bund der Landwirthe einen Erfolg zu verzeichnen, der indeß „ohne Erfolg" blieb. Rösicke kam nämlich in die Stichlvahl und — fiel durch. Die Reforinparteiler und ihre sauberen Confratres lagen sich nun I deshalb in den Haaren. Entgegen den Beschlüsseu der Berliner