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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-13 · Heft 37 (13.9.1895) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 438 (sequence 8)
Language
German
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438 Alsdann ertheilte der Vorsitzende dem Kollegen Waller-Moringen das Wort zu seinem Vortrage: „Bibel oder Bibelauszug". Der Referent führte etwa Folgendes aus: Die Frage, ob Bibel oder Bibelauszug, sei in den christlichen Schulen uralt, bei uns dagegen sei sie erst aufgekommen, seitdem die Einführung des Bibellesens in jüdischen Schulen gefordert worden ist. Bei allen Pädagogen werde in der Hauptsache das Für und Wider von demselben Gesichtspunkte aus geleitet. Sowohl die christlichen wie die jüdischen Erzieher forderten deshalb einen Bibelauszug, weil sie die ganze Bibel der sittlich bedenklichen Stellen wegen als Schulbuch nicht geeignet halten. Die ablehnende Haltung in der Bibelauszugfrage werde in der Hauptsache durch das Bedenken begründet, daß durch einen Bibelauszug das Ansehen der ganzen Bibel beeinträchtigt und geschmälert werden könnte. Diese Bedenken seien aber für jüdische Schulen hinfällig, denn durch den Bibelauszug leide schon deshalb das Ansehen der ganzen Bibel nicht, weil wir beim Bibelübersetzen und im Gottesdienst die Bibel nur im Urtext benutzen. Im Judenthum, in dem die Bibel nur in der Ursprache anerkannt werde, sei eine Entstellung des heutigen Textes niemals zu befürchten, zumal wir auch deutsche Bibelauszüge zunächst nur in der Schule beim Bibellesen benutzen würden, die ganze Bibel mithin in keiner Hinsicht in ihrem Ansehen geschädigt würde. Durch das Bibellesen sollte die Bibel dem Kinde ein Lesebuch sein, und da könne und dürfe kein einsichtsvoller Erzieher ein solches Lesebuch den Kindern in die Hand geben. Der Bibelauszug solle nach Ausscheiden einiger Stellen die ganze Bibel im Bibelwort enthalten, also frei sein von jeder Einmischung individueller Ansichten. Diesen Anforderungen entspräche im Wesentlichen die „Schul- und Hausbibel" von Auerbach. Der Vorsitzende sprach dem Referenten den Dank der Versammlung aus. In der Generaldebatte erhielt zunächst Dr. Gronemann-Hannover das Wort. Redner vermißte pietätvolle Behandlung der Bibel. Er wollte aber dem Referenten durchaus nicht den Vorwurf der Pietätlosigkeit machen. Allerdings seien manche Erzählungen vorstchtsvoll zu behandeln, damit sie keinen schädlichen Einfluß auf das Gemüth des Kindes ausüben, darum gebe man jüngeren Kindern den Bibelauszug, älteren Kindern könne man ohne Furcht eine vollständige Bibel in die Hand geben. Prinzipiell habe er nichts gegen einen Bibelauszug einzuwenden. Weinberg-Bodenfelde will im Gegensätze zu dem Vorredner lieber den jüngeren als den älteren Kindern eine vollständige Bibel in die Hand geben. Dr. Löb-Emden ist für einen Bibelauszug etwa wie Auerbach II, welcher zur Ergänzung des biblischen Geschichts- und Religionsunterrichtes dienen könnte. Redner machte auf den erziehlichen Werth der Bibel mit Nachdruck aufmerksam. Wir dürften keineswegs voraussetzen, daß unsere Kinder sittlich vernachlässigt seien, er warnt daher vor einer allzugroßen Aengstlichkeit. Die sogenannten erotischen Stellen könnten mit pädagogischem Takte in euphemistischer Weise behandelt werden Für das Haus würde Redner einen Bibelauszug nicht empfehlen. Stern-Hildesheim widerspricht den Ausführungen Dr. Gronemanns bezüglich der unschädlichen Wirkungen bei älteren Kindern; gerade bei diesen sei eine vollständige Bibel bedenklicher als bei jüngeren. Aus Pietät vor der Bibel sei er für einen Bibelauszug. Bei dieser Frage müsse ferner auch die Ansicht der Eltern berücksichtigt werden. Wohl die meisten derselben würden für einen Bibelauszug stimmen. In Weiterem wendet sich Redner gegen den Referenten wegen des Vorschlages einer Brautbibel. Reuß-Aurich ist gegen jeden Bibelauszug, keinesfalls dürfe der Pentateuch gekürzt werden. Eine Kürzung der Bibel könnte unseren Feinden Veranlassung geben, ein Zugeständniß für ihre Anschauung darin zu erblicken, die Bibel enthalte manches, was nicht mehr zeitgemäß sei. Dr. Lewinsky spricht sich für einen Bibelauszug Auerbach II aus. Bezüglich des ersten Theiles von Auerbach habe er sich noch kein endgiltiges Urtheil gebildet. Er verfahre in der Praxis so, daß er nicht durchzunehmende Stellen inhaltlich angebe, er habe dabei von einem sittlichen Defekt nichts wahrgenonunen. Spanier-Stolzenau erklärte sich gegen einen Bibelauszug. Sollte das Bibellesen befruchtend wirken und einen thatsächlichen Erfolg erzielen, so müsse dem Unterrichte eine Grundlage gegeben werden; diese sei der systematische Religionsunterricht. Nehme man beispielsweise die Festtage durch, so seien die diesbezüglichen Stellen in der Bibel zu lesen. Da man auf diese Weise nicht reihefolgend lese, so sei es der geschickten Hand des Lehrers leicht, die sogenannten erotischen Stellen zu umgehen. Hiermit schloß die Generaldebatte, und da die vom Referenten aufgestellten Leitsätze allgemeinen Widerspruch hervorriefen, wurden sie auf Antrag Spaniers<Stolzenau einer Kommission zur Vorberathung überwiesen. In die Kommission wurden gewählt: Dr. Knoller, Dr. Lob, Reuß, Stern und der Referent. Der Vorsitzende ertheilte hierauf dem inzwischen in der Versammlung erschienenen Konsul, Herrn M. S im on-Hannover, das Wort, welcher sich in längerer Rede über Bedeutung des Handwerks und der Bodenkultur unter den Juden verbreitete. Nach diesen mit großem Beifall aufgenommenen Worten, die Kunde gaben von dem regen Interesse und der uneigennützigen, edlen Absicht des Redenden, lud Letzterer die Konferenzmitglieder in seine in der Alleestraße belegenen Parkanlagen ein, um ihnen zu zeigen, wie man durch Fleiß und Ausdauer auch den unfruchtbarsten Boden zu kultiviren und nutzbar zu machen im Stande sei. Der Vorsitzende dankte dem Redner und sprach die Erwartung aus, daß seine Bestrebungen, die sicherlich von der größten Bedeutung seien, bei den Lehrern Verständniß und Verbreitung finden würden. Es folgte nun einer der wichtigsten Punkte der Tagesordnung: „Besprechung wegen Gründung eines deutsch-israelitischen Lehrerbundes". Der Vorsitzende gab Kenntniß von den bisher mit dem D. I. G. B. gepflogenen Verhandlungen und von dem auf durch Rundschreiben erlangten Voten unseres Vereins sich gründenden, dem Gemeindebunde überreichten Gutachten. Die Versammlung erklärte sich mit den Maßnahmen des Vorstandes einverstanden. Dr. Benfey-Hannover sprach namens des D. I. G. B. seine Genugthuung darüber aus, daß die Anregung zur Gründung gerade vom Hannoverschen Verein ausgegangen sei. Es seien viele Jrrthümer über die Stellung und Absichten des D. I. G. B. in der Presse verbreitet worden. Dem D. I. G. B. läge es fern, eine Majorisirung über die Lehrer ausüben zu wollen, solche sei ja auch praktisch nicht ausführbar. Es liege ihm nur daran, Sitz und Stimme im Vorstande zu erhalten. Die Meinung der Lehrer sei dem Bunde maßgebend. Von vielen Vereinen sei der Gemeindebund gänzlich mißverstanden worden. Er bitte schließlich die Versammlung, den Delegirten weite Vollmacht zu ertheilen. Reuß-Aurich erkannte zwar die Verdienste des D. I. G. B. um den jüdischen Lehrerstand an, verlangte aber, daß Berlin keine Vorrechte iw Vorstand habe. Levy-Norden bedauerte, daß aus Lehrerkreisen sich Stimmen gegen den D. I. G. B. vernehmen lassen. Der Bund wolle nur das Beste der Lehrer. Redner betonte, daß kultuelle Fragen ausgeschlossen seien. Gegen letztere Behauptung wandte sich Dr. Löb-Emden und betonte, daß der D. I. G. B. nicht immer den Standpunkt eingenommen habe wie heute. Sein jetziges Wirken sei anerkennenswerth. Der Bund habe sich manches Verdienst um die Lehrer erworben und darum gebühre ihm Vertretung im Vorstande. Ganz entschieden ablehnend müsse er sich aber gegen den Vorzug aussprechen, der den Berlinern eingeräumt werden solle. Berlin sei nicht Vertreter des Geistes des echten Judenthums. Dr. Benfey bemerkt hierzu, daß der D. I. G. B. lediglich aus praktischen Gründen für Berlin zwei Vorstandsmitglieder verlangt habe« Der genannte Bund lege jedoch hierauf keinen großen Werth und verzichte gern, wenn es nicht gewünscht werde. Entgegen der Ansicht des Vorsitzenden, man solle den einzelnen Vereinen die Aufnahmebedingungen überlassen, wünschte Weinberg-Bodenfelde hierfür Normen für alle Vereine. Dr. Löb-Emden verlangt als Aufnahme den Nachweis der Lehrbefähigung. Hiermit schloß die Debatte. Als Delegirte werden der erste und zweite Vorsitzende gewählt. Dr. Benfey versprach eine Befürwortung bei dem D. I. G. B. zur Tragung der Kosten für die Delegirten. Hierauf wurde die Sitzung bis Nachmittags 4 Uhr vertagt. Nach einem gemeinschaftlichen Mittagsmahle, bei dem ernste und heitere Reden einander abwechselten, versammelte man sich Nachmittags 4 Uhr in der israelitischen Religionsschule. Herr Hauptlehrer Reuß- Aurich hielt eine Lehrprobe in der Oberstufe über das Thema: „Pflichten gegen Landesvater und Vaterland", welcher die folgende Disposition zu Grunde gelegt war: 1. Der Unterricht beginnt mit einer auf die Lehrprobe bezüglichen Andacht. 2. Der Lehrer giebt das Ziel der Lehrstunde an. Verwandte ältere Gedankenkreise werden herangezogen, um das Neue vorzubereiten.

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