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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-13 · Heft 37 (13.9.1895) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
Seite 434 (sequence 4)
Language
German
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434 verein in der kleinen Gemeinde. Das ging so etwa drei Jahre hindurch, bis allmählich die Hochflnth der antisemitischen Bewegung sich verlief und das alte friedliche Einvernehmen langsam sich wieder herzustelle» anfing. Nun begann auch »ach und nach das früher so lebhafte Interesse für jüdische Dinge in der kleinen Gemeinde zu erlöschen. Am meisten hatte dadurch die junge, mit solchem Enthusiasmus ins Leben gerufene Schöpfung des Litteratnrvereins zu leiden. Ei» Mitglied »ach dem andern verlies; die rettende Arche, welche er in den Tagen der Sündflnth gesucht und gefunden hatte. Als nun gar vor etwa zwei Monaten znm ersten Mal in jenem Orte ein jüdischer Stadtverordneter gewählt wurde, da wurde sofort in einer ad hoc einberufene» Generalversanimllnig der feierliche Beschluß gefaßt, de» jüdischen Littcratnrverein anfznlösen! Er sei keine Nothwendigkeit mehr, so lautete die Motivirnng dieses Beschlusses, da der Antisemitismus von jener glücklichen Insel nnnmehr verschwunden sei! Wir haben es uns nicht versagen dürfen, diese kleine und lehrreiche Geschichte unser» Lesern rnitzntheilen. Sie mahnt uns eindringlicher als alle Vorträge und Reden an das, was wir zu thnn und zu lassen haben. Gewiß, auch ivir hegen die feste Ueberzeugung, daß der Antisemitismus einmal von dieser Erde gänzlich verschwinden werde. Diese Ueberzeugung gründet sich auf unfern Glauben an den Sieg des Guten und Wahre», an den Fortschritt der Menschheit. Das ist unser Optimismils. Tie Meinung aber, daß die Wasser des Antisemitisnins sich jetzt schon verlaufen haben, ist eine eitle und gefährliche Hoffnungsseligkeit, vor der wir »ns >vohl hüten müssen. Für uns bleibt, wie für unsere Väter, als die Devise unserer Lebenswandernng der Bibelspruch: „Kampf für den Herrn gegen Amalek von Geschlecht zu Geschlecht!" Nie Woche. m Berlin, 10. September. Wieder ist einer der Männer aus jener Zeit fröhlichen Aufschwungs der Wissenschaft des Judenthnms dahingegangen. Fast vergessen und verschollen lebte seit vielen Jahren zn Brody in Galizien Os ins H. Schorr, ein Mann, der zn den rüstigsten Vorkämpfern unserer Wissenschaft gehörte, der in den sechziger Jahren durch seine kühne und unerschrockene Kritik allgemeines Aussehen erregte, der endlich in seiner engern Hennath während seines ganzen Lebens Aufklärung zu verbreiten bemüht war. Die elf Jahrgänge des „Hechaluz", welche er von 1852—1880 herausgegeben, sind eine wahre Rüstkammer biblischer, talmudischer, ja wissenschaftlicher Kritik überhaupt. Geschichte, Litteratur und Alterthumskunde hat Schorr, der mit Zunz, Geiger, Reggio, Steinschneider, Jost und vielen Andern in regem, wissenschaftlichem Verkehr gestanden, mit großem Eifer, mit einer Sachkenntuiß ohne Gleichen, mit einer kritischen Schärfe, die allerdings oft verletzend wirkte, und in einem Hebräisch, das selbst die helle Bewunderung seiner Gegner herausforderte, bearbeitet und gefördert, lieber die Persönlichkeit des dahingeschiedenen Gelehrten, über sein Vermächtniß mtb seinen Tod erfahren wir ans einer Zuschrift des bekannten Schriftstellers Leo Herzberg-Frünkel die folgenden bemerkensw'erthen Mittheilungen: Brody, 2. September. Wir haben heute einen Mann zu seiner letzten Ruhestätte begleitet, der ein Leben von 81 Jahren nur einmal unterbrochen, um sich von seinem einzigen Sohne vor dessen in Paris erfolgtem Tode zu verabschieden, sonst aber ununterbrochen und einförmig das Dasein eines Philosophen und Sonderlings führte. Herr Osias H. Schorr genoß in Oesterreich, Deutschland und Italien den weitverbreiteten Ruf eines ausgezeichneten Hebraisten und Alterthumskenners; er führte eine klassische, scharfe und rücksichtslose Feder gegen die sich spreizende Mittelmäßigkeit und jüdischen Jesuitismus, er kämpfte mit Erter, Krochmal und Blumenfeld zu einer Zeit im Vordertreffen, als noch auf Fortschritt Exkommunikation stand und das Judenthum in Galizien hinter mittelalterlichen Barrikaden verschanzt lag. Er führte Krieg gegen das Chederwesen, die Wundermänner, den Klerikalismus und den Chassidismus, er entlarvte die falschen Propheten und zerschellte die Hohlheit in unbarmherziger, aber genialer Weise. Von seinem unübertrefflichen, mustergiltigen Hebräisch hieß es, daß Schorr im Stande wäre, noch einmal eine Bibel zu schreiben. Mit Zunz, Reggio und Grätz befreundet, unterhielt er mit ihnen einen lebhaften und wissensreichen Briefwechsel, der sich im Nachlaß finden dürfte, der, nebst werthvollen Schriften, eine reiche Bibliothek und ein großes Vermögen umfaßt, welche nun dem Rabbinerseminar in Wien ausschließlich anheimfallen. Als Gelehrter ausgezeichnet und anerkannt, war Schorr als Mensch ein Sonderling, wie sie in der Gegenwart zum Glück für sie selbst und ihre Mitmenschen immer seltener Vorkommen. Bei einem Vermögen, das dem einsamen, kinderlosen Mann das behaglichste Leben und alle Genüsse, die das Alter gestattet und erheischt, ermöglicht hätte, darbte der arme reiche Mann, der sich aus Geiz oder Stoicismus die nothwendigsten Lebensbedürfnisse versagte und vor Hunger gestorben wäre, wenn nicht seine Nichte, Frau Doktor Leiblinger, ihn versorgt hätte, obschon es hier allgemein bekannt war, daß Schorr sein ganzes Vermögen, unter Umgehung seiner Verwandten, kulturellen Zwecken testamentarisch zuführte. In seiner Lebensweise ein Cyniker, in seiner äußeren Erscheinung der lebendige Protest gegen die Textilindustrie; der Hitze des Sommers und der Kälte des Winters in derselben verblichenen Kleidung trotzend und unentwegt durch welterschütternde Ereignisse langsam seinen einsamen Weg, wie ein von seinem Piedestal herabgestiegenes Bild aus einem verblichenen Jahrhundert, wandelnd, häufte Schorr aus seinem fast unberührten Einkommen Geld auf Geld, und was jetzt dem Rabbinerseminar in Wien zukommen wird, dürfte etwa 140,000—150,000 fl. betragen. So schied der letzte bedeutende Mann aus dem ehemals bedeutenden Brody, der letzte Rest einer besseren Zeit, theilnahmslos und ohne Theilnahme einzuflößen, fast unbemerkt aus unserer Mitte; blos Dr. Herzel rief den wenigen Männern, die die Bahre umstanden, ins Gedächtniß, was der Mann war, was er bedeutete, was die gelehrte Welt verloren, und dann kollerten die Erdschollen auf den schlichten Kasten, der die Hülle eines großen Gelehrten umschließt. Friede seiner Asche! * Als im Oktober vorigen Jahres in Eisenach der Zusammenschluß der beiden antisenlitischen Parteien zur deutschsozialen Reform- Partei erfolgte, wurde bestimmt, daß auf dem nächsten Allgemeinen Parteitage, der in Erfurt stattfindeu wird, das Programm für die geeinte Partei festgesetzt werde solle, und es wurde eine Kommission mit den Vorarbeiten hierzu beauftragt. Diese Kommission hat inzwischen ihre Arbeiten beendet; das neue Programm der Partei liegt nun uns vor, ihrer Weisheit letzter Schluß ist der famose 8 10 dieses von gesetzgeberischer Weisheit triefenden Progrannns. Derselbe lautet: „Aufstellung und dauernde Führung einer Statistik über die in Deutschland lebenden Juden unter Anwendung des Raffenstandpunktes, Verbot der Einwanderung fremder Juden. Aufhebung der Gleichberechtigung und Stellung der in Deutschland lebenden Juden unter ein besonderes Fremdenrecht, Schächtverbot, wissenschaftliche Prüfung der jüdischen Religionsvorschriften bezüglich ihres Inhaltes und ihrer Verbindlichkeit." Man vergleiche damit, was wir in unserem heutigen Leitartikel über die Hoffnungen auf den Untergang der antisemitischen Partei auseinandergesetzt haben. * In Offenburg in Baden wurde in der vergangenen Woche wieder ein antisemitischer Prozeß verhandelt, dessen Ausgang in

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