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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-13 · Heft 37 (13.9.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 37 (13.9.1895)
Date
1895-09-13
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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59. Jahrgang. Uv. 37. Allgemeine Berlin, 13. September 1895. eitung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Nedacteur: Gustav Äarpeles. Begründet von Rabbiner D- Ludwig Phitippson-Sonn. Verlags-Expedition: Berlin, Jernfalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fiir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitarttkelr Der Untergang der antisemitischen Partei. — Die Wocde. — Kriegserimlerungen. — Protokoll der 31. Versammlung des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover zu Hannover. — Thüringer Brief. — Das Judenthum in Paulsens Svstem der Ethik. Von Dr. M. Steckelmacker. — Keuttletonr Leib Weihnachtskucheu und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Litterarische Mittheilungen. Der Genreindeboie. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Aus der Provinz Posen. Nordhausen. Frankfurt a. M.. Bruchsal, Wien. Budapest. Krakau. London. St. Petersburg. Kiew. — Bon Nah und Kern. — Geschäftliche Notizen. Der Untergang der antisemitischen Partei. Berlin, 10. September. (^TiJiruter diesem bezeichnende» Titel ist vor Kurzem in Leipzig eine Broschüre erschienen, welche in herzbeweglicher Weise den ^-As Niedergang der antisemitischen Partei beklagt und dieser in pathetischen Klagetönen den baldigen Untergang verkündet. Schuld daran soll vor Allem das Hinabgleiten der Partei, besonders aber ihrer Führer, in das sozialdemokratische Fahrwasier sein. Es ist gar keine Frage, daß wir aus dieser Broschüre viel lernen können. Die Thatsache freilich, daß die antisemitische Parte! als solche sich auf einer schiefen Ebene befindet, und daß ihre Führer sich in nichts von gewöhnlichen Demagogen rmterscheiben, ist allen Einsichtigen schon längst klar geworden. Jndeß ist es immer von Interesse, einen dieser Führer selbst über die Lage der Partei sprechen zu hören. Freilich der Verfasser der genannten Broschüre ist ein kleiner Verrinn; „schwer ernst und düster" wie jener, denn auch er weiß keinen andern Rath für seine Mitverschwörer, als ins feindliche Lager hinüberzulaufen. „Ich geh' zum Andreas," sagt er nnt seinem alten italienischen Gesinnungsgenossen, d. h. wir müssen »ns so rasch wie möglich ins Lager der Konservativen flüchten und dort unser Heil suchen. Aber gerade dieser Schluß giebt uns einen deutlichen Fingerzeig, wie wir von unserem Standpunkt ans diese Broschüre und die ihr zu Grunde liegenden Thatsache» zu beurtheilen habe». Verschiedene politische Blätter und auch jüdische Zeitschriften haben im Anschluß an diese Broschüre nämlich die Hoffnilng ausgesprochen, daß es mit dem antisemitischen Spuk nun bald gründlich z» Ende sein werde. Es wäre nach unserer Ueberzengung aber ein schwerer und unverzeihlicher Fehler, wenn wir uns wirklich solchen Hvffinuigen hingeben und diese in weiten Kreisen verbreiten wollten. Die Thatsache, »aß es mit der antisemitischen Partei zu Ende gehe, war ja, wie gesagt, Jedem, der die Zeitereignisse mit Aufmerksamkeit verfolgt, längst klar geworden. Aber nichts wäre verkehrter, als an diese Thatsache irgend welche Hoffnungen zu knüpfe». Die ailtisemitische Partei.kann untergehen, aber der Antisemitismus lebt und wird leider noch lange leben, denn er gleicht jener Hydra der griechischen Sage, der, wen» man ihr einen Kopf abschlug, alsbald zwei neue nachwuchsen. Gerade die intereffanten Veröffentlichungen auS der geheimen Briefmappe konservativer Parteiführer, welche die letzte Woche brachte, haben uns von Neuem die traurige Wahrheit vor Augen geführt, daß unsere erbittertsten und gefährlichsten Gegner nicht mehr in der antisemitischen Partei, sondern vielmehr im Lager der Konservativen und Agrarier sich befinden. Herr v. Hammerstein und Herr Stöcker und die „Deutsche Tageszeitung" mit ihrem Anhang, sie Alle rollen zuerst immer die „Judenfrage" auf, wenn ihr Latein zu Ende ist. In den Rahmen dieser Frage läßt sich eben Allesspannen. Wer ihnen unbequem ist, wird einfach zum Juden gemacht, mag er Protestant oder Katholik sein; jeder „Ring" ist selbstverständlich jüdisch, auch wenn kein einziger Jude demselben angehört. Das Kapital ist auch jüdisch und — nun kommt das Komischste — der Kampf gegen das Kapitalist ebenfalls jüdisch. Juden und Judenthum sind bei alledem nur das Aushängeschild oder vielmehr der Prügeljunge. So liegt die Situation augenblicklich. Und gerade darum wäre nichts verkehrter, als sich in eitlen Hoffnungen zu wiegen und von dem Niedergang der antisemitischen Partei den Untergang des Antisemitismus selbst zu erwarten. Hüten wir uns davor, solche Hoffnungen zu nähren und zu verbreiten! Unser Optimismus ist nicht nur eine Erbtugend, sondern auch ein Erbfehler unseres Stammes. Wie er einerseits in trüben Tatzen uns vor Verzweiflung bewahrte, so hat er uns, kaum daß die Zeiten besser wurden, oft zu überschwenglicher Hoffnuugsseligkeit verführt und dadurch nicht selten Verwirrung in unsere Reihen gebracht. Nicht blos einmal hat es sich in unserer Geschichte ereignet, daß Israel, da es tampfcsmüde sich friedlich hingelagert hatte, von Amalek überfallen wurde. Hat sich somit i» früheren Tagen die hohe Erbtugend des Optimismus oft auch als ein Erbfehler erwiesen, so tväre sie heute geradezu ein Verbrechen. Und wir können nicht eindringlich genug davor warnen. Es ist nicht die oben erwähnte Broschüre allein und auch die verschiedenen Zeitiingsstimmen sind es wahrhaftig nicht, welche uns zu dieser Warnung Anlaß geben. Es sind ganz andere Symptome und Thatsache», welche solche Warnung erheische». Nur eine besonders charakteristische wollen wir für heute anführen: In einer tleinen preußischen Gemeinde, in die der Antisemitismus eines Tages etwa wie die Cholera einbrach, wurde unter Anderem auch, um einerseits die geistigen Mittel zur Abwehr zu erlangen und um andererseits in den Tagen der Gefahr die innere Einigkeit zu befestigen und die Jugend vor dem Abfall zu schütze», ein jüdischerLitteratnrverein begründet. Je höher die Wogen des Antisemitismus in der kleine» Stadt sich thnrmtcn, desto bester enttvickelte sich der neue Litteratnr-

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