Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachdem die Särge von den Mitgliedern der Chewra Kadischa in die Erde gesenkt waren, ergriff Herr Oberrabbiner Hirsch das Wort, um den so jäh Dahingeschiedenen einen warmen Nachruf zu widmen. — Die Rede machte auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck und wurde des großen Andrangs wegen unter freiem Himmel gehalten, da die Kapelle die große Anzahl der Leidtragenden nicht aufzunehmen vermochte. ar. Dortmund, 2. September. Unserneues westfälisches Gebetbuch kann nicht zur Ruhe kommen, obwohl es bereits in sehr vielen Gemeinden eingeführt ist und dort sich allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen hat. Die Orthodoxen laufen immer von Neuem Sturm gegen diese Festung — glücklicherweise bisher und so Gott will auch weiter ohne jeden Erfolg. Neuerdings haben sie durch einen Papierhändler in Höxter eine Sammlung sogenannter Gutachten von 50 der angeblich „bedeutendsten Rabbiner des In- und Auslandes" herausgegeben. Es ist wirklich mehr komisch als betrübend, wenn man die Namen dieser 60 Rabbiner liest und sie mit den Namen vergleicht, die in den 30er und 40er Jahren solche Gutachten abgegeben haben. Die Orthodoxie hat sich selbst mit Herausgabe dieser Gutachtenfrage wahrhaftig keinen Gefallen erwiesen. Der thatkräftige und energische Ausschuß des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens hat sich aber doch (und mit Recht) genöthigt gesehen, gegen diese Gutachtensammlung ein Flugblatt ausgehen zu lassen, welches in diesen Tagen an sämmtliche westfälische Gemeinden verschickt wurde. Dieses Flugblatt wird nach meiner Ueberzeugung seinen Zweck sicher erfüllen; es ist klar und scharf, aber auch würdig und entschieden gehalten. Es charakterisirt die Gutachten in sebr zutreffender Weise als „ein Werk der ultraorthodoxen Partei" und präzisirt in einigen Sätzen unfern Standpunkt, der auch der Standpunkt der Majorität nicht nur in Westfalen, sondern in ganz Deutschland ist. Dem Ausschuß gebührt aufrichtiger Dank für dieses energische Vorgehen. Ich bin überzeugt, daß die Schlußsätze dieser Erklärung, von welchen ich eben sprach, in allen gebildeten Kreisen deutscher Juden Zustimmung finden werden. Dieselben lauten folgendermaßen: „6. Wir westfälischen Juden aber haben mit derartigen Bestrebungen nichts gemein. Wir erklären uns vielmehr ausdrücklich einverstanden mrt den Grundsätzen, nach welchen Herr Rabbiner Dr. Vogelstein und vor ihm Männer, wie Geiger und Stein, bei der Bearbeitung des Gebetbuches vorgegangen sind. Wir wünschen keine Rückkehr nach Jerusalem. Wir wünschen keine Wiederherstellung des Opferkultus, gegen den schon die Propheten mit Feuereifer gewettert haben. Was wir aber nicht wünschen, das soll auch nicht in unserem Gebete zum Ausdruck kommen; sonst machen wir uns einer Heuchelei schuldig, die einer Verhöhnung des göttlichen Namens gleichkommt. Nach unserer Auffassung — und wir wissen uns darin eins mit unseren gebildeten Glaubensgenossen in ganz Deutschland — liegt das Wesen unserer Religion auf ganz anderem Gebiete- Unsere Grundlehren und Grundwahrheiten sind der Glaube an Gott und die hohe Sittlichkeit, welche die Bibel uns zur Pflicht macht. Die wollen wir durch unsere Bestrebungen fördern und festigen. Deshalb unterstützen wir leistungsunfähige Gemeinden, um ihnen die Einrichtung eines geordneten Religionsunterrichtes zu ermöglichen; deshalb ließen wir einheitliche Pläne für den Religionsunterricht ausarbeiten, welche von der Behörde genehmigt wurden und auch außerhalb unserer Provinz Einführung und Anerkennung gefunden haben; deshalb richteten wir die regelmäßige Schulinspektion ein; deshalb endlich beauftragten wir Herrn Rabbiner Dr. Bogelstein mit der Bearbeitung des neuen Gebetbuches. Wir wollen also nicht niederreißen, sondern aufbauen und festigen, was uns Allen heilig und theuer ist. Aber wir sagen uns öffentlich los von den Bestrebungen der jüdischen Orthodoxie. Wir haben nichts gemein mit den Männern, deren sehnsuchtsvollster Wunsch die Rückkehr nach Palästina und deren Jdealgottesdienst der Opferkultus ist. Unsere Auffassung des Judenthums ist eine andere als die ihrige, das wollen wir einfür allemal feststellen. Deshalb aber bestreiten wir auch jenen Männern das Recht, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen. Wir sind selbstständig und bedürfen keiner orthodoxen Bevormundung. Sechsunddreißig Gemeinden gehören zur Zeit unserem Verbände an, und der Beschluß, auf Grund dessen Herr Rabbiner Dr. Vogelstein das Gebetbuch bearbeitet hat, ist einstimmig gefaßt worden. Die freundliche Aufnahme, welche das Buch nicht allein innerhalb unserer Provinz, sondern auch in weiten Kreisen unseres Vaterlandes, ja selbst außerhalb Deutschlands gefunden hat, ist der glänzendste Beweis für die Vortrefflichkeit des Werkes. Freiwillig, ohne äußeren Zwang haben die Gemeinden das Buch eingeführt; dasselbe ist bereits zahlreichen Glaubensgenossen als Gebet- und Erbauungsbuch lieb und werth geworden. Dieser Erfolg erklärt zur Genüge die Gehässigkeit unserer Gegner, und die unduldsame Gesinnung, die aus den meisten der sogenannten „Gutachten" spricht, beweist nur, wie sehr man in orthodoxen Kreisen die werbende Kraft unseres Gebetbuches fürchtet." JE Soest, 30. August. Der Synagogendiener Joseph Hergershausen und seine Ehegattin, Julie geb. Goldschmidt, feierten in erfreulicher Rüstigkeit am Sonnabend, 24. August, unter vielen Ehrungen ihre goldene Hochzeit. Der Kriegerverein brachte seinem alten, noch immer aktiven Mitgliede am Vorabende ein Musikständchen, zugleich war eine große Menge von Nachbarn und Bekannten vor der laubgeschmückten Wohnung der Gefeierten erschienen: Der festliche Tag erreichte seinen Gipfelpunkt bei der gottesdienstlichen Feier in der reich mit Blumen, Gewächsen und Kränzen ausgezierten Synagoge, die wie an einem Feiertage von einer überaus geschmückten großen Gemeinde dicht gefüllt war. Nach dem einleitenden liturgischen Theile des Gottesdienstes betrat Herr Kantor Lucas die Kanzel und hielt eine herzliche Ansprache an das greise Paar, das nach mancherlei Gnadenerweisungen und Fügungen des Himmels seine Lebensneige beglückt und verschönt sehen darf durch einen blühenden Kreis treu sorgender Kinder und Kindeskinder, geachtet von der Gemeinde und seinen Mitbürgern. Am Altar fand die Ueberreichung der vom Kaiser verliehenen Ehejubiläumsmedaille mit Verlesung des glückwünschenden Kabinetsschreibens und darauf die Einsegnung des Jubelpaares statt. Altargebete, Chor- und Gemeindegesang beschlossen die erhebende Feier. Viele Glückwünsche und sinnige Angebinde erfreuten das goldene Hochzeitspaar in seiner Wohnung und Nachmittags bei einer geselligen Vereinigung; möge es ihm beschieden sein, seinen in Freud und Leid in glücklichster Eintracht zurückgelegten langen ehelichen Lebensweg gemeinsam noch manches Jahr fortzusetzen. — Am gleichen Tage, Nachmittags 6 Uhr hatte der deutsch-soziale Reformverein eine öffentliche Versammlung veranstaltet Der konservativ-agrarischantisemitische Reichstagsabgeordnete und Wanderredner Herr Liebermann von Sonnenberg hielt dortselbst vor 2- bis 300 Theilnehmern einen zweistündigen Vortrag. Der Erfolg war ein unbefriedigender. Der Zweck war, die antisemitischen Agrarier, die Anhänger des Bundes der Landwirthe mit den Antisemiten zu verbinden. Juden war der Zutritt untersagt. Von Soest ab beglückte der Redner andern Tags, Sonntags, den kleinen Platz Nietberg und sprach Montag in Münster. Der „Soester Anzeiger" macht aus eigener Initiative Front gegen den Antisemitismus. X Nassau, 30. August. Am 17. d. M. fand in dem benachbarten Kröffelbach (Kreis Wetzlar) unter großer Betheiligung der Landbevölkerung die Einweihung einer bescheidenen Synagoge statt, deren Bau die aus nur acht Familien bestehende Gemeinde mit großen Opfern ermöglicht hat. Die Festpredigt hielt Bezirks-Rabbiner Dr. Landau aus Weilburg. — Bemerkenswerth gerade in unserer Zeit ist der Umstand, daß nicht nur der Großherzog von Luxemburg (Herzog von Nassau), sondern auch die politischen Gemeinden Brandoberndorf, Kröffelbach, Kraftsolms, auf die sich die Gemeinde vertheilt, mit ansehnlichen Beiträgen an der Spitze der Sammelliste stehen. Oesterreich-Angarn. LI Wien, 2. September. Energischer und zielbewußter als sonst betreibt man diesmal liberalerseits die Vorbereitungen zu den Gemeinderathswahlen. Die Ausführungen des Dr. Grübl im „Wiedner Fortschrittsverein" geben Zeugniß, daß man nicht mehr gewillt ist, wie leider früher so oft, sich apathisch und widerspruchslos eine moralwidrige, weil auf Hetze und Verleumdung aufgebaute Agitation der Gegner gefallen zu lassen. Von besonderm Werth war der Appell des Redners an die Beamtenschaft, in Bezug auf welche Dr. Grübl die Hoffnung äußerte, daß sie sich zu der liberalen Partei, die stets ein Herz für die Beamten hatte, freundlicher stellen würde. Treffend und sehr geeignet für ein Auditorium, das zumeist aus Wählern des dritten Wahlkörpers bestand, war die Bloßlegung der den Gewerbetreibenden von antiliberaler Seite gemachten leeren, nie in Erfüllung gegangenen Versprechungen. Wer denkt und nachdenkt, muß, wie Grübl nachdrücklich betonte, bald