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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-06 · Heft 36 (6.9.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 von der Sterilität der Volksverführer überzeugt werden. — In Währing hat sich eine stattliche Zahl von Gewerbetreibenden losgesagt von der Gefolgschaft eines Lueger, eines Schneider, eines Prinzen Liechtenstein; nun ist eine neue Absage in Rudolfsheim, Fünfhaus und Sechshaus erfolgt. — Der diesjährige Saatenmarkt wurde unter sehr schwacher Betheiligung auswärtiger Gäste abgehalten, und es darf nicht Wunder nehmen, daß Fremde sich unter den gegebenen Verhältnissen scheuen, nach Wien zu kommen. — Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Hernals, Dr. N. v Czerny, hatte sich Anton Lasnitzki, dreifacher Hausbesitzer, Obmann der „Christlichen Familie" (Ortsgruppe Hernals) und ehemaliger Armenrath, wegen Diebstahls zu verantworten. Die vom staatsanwaltschaftlichen Funktionär Dr. Skoda vertretene Anklage legte Lasuitzki zur Last, derselbe habe Abends eine Anzahl von Pflastersteinen zum Schaden der Kommune Wien sich angeeignet. Der Richter sprach den Angeklagten schuldig und erkannte auf drei Tage Arrest. — Abgeordneter Dr. Bloch, hat nunmehr, wie man uns aus Kolomea telegraphirt, leider sein Mandat definitiv niedergelegt. Als Kandidat für das erledigte Mandat wird der Advokat Dr. Trachtenberg genannt. Die sozialdemokralische Partei hat in der Person eines ihrer Führer Dr. Di am and einen Kandidaten aufgestellt. — Am 27. August ist hier in ihrer Wohnung, Opernring Nr. 10, Frau Paula Frankl Edle von Hoch wart, Wittwe nach dem im vorigen Jahre verstorbenen Dichter Ludwig August Frankl, Ritter von Hochwart, nach längerem Krankenlager gestorben. Frau von Frankl, die ein Alter von 62 Jahren erreicht hat, bethätigte sich in außerordentlicher Weise auf dem Gebiete werkthätiger Menschen- und Nächstenliebe. Sie war Präsidentin des Mädchen-Unterstützungsvereins und Vorstandsmitglied des Hilfsvereins vom Rothen Kreuz. Auch den Zöglingen des durch die Initiative Ludwig August Frankl's ins Leben gerufenen Blindeninstitutes auf der Hohen Warte widmete sie allezeit liebevollste Sorgfalt. Ihr brachte der Tod Erlösung von schwerem Leiden und einem in der letzten Zeit völlig freudlosen Dasein. Ihr Andenken wird ein gesegnetes sein. B. Budapest, 29. August. Die aus Anlaß des Jnslebentretens der kirchenpolitischen Gesetze in Aussicht genommene Rabbinerkonferenz nimmt das Interesse aller jüdischen Kreise in Anspruch. Es laufen zahlreiche Anmeldungen ein, und es ist zu erwarten, daß Mittel und Wege gefunden werden. um die Gefahren, die der Konfession in der Durchführung des Matrikel- und Chegesetzes drohen, zu beseitigen. Wir hegen keine Zweifel, daß die Berathungen würdevoll, ohne Mißton verlaufen werden und daß die etwaigen Beschlüsse in allen Gemeinden ohne Unterschied der Parteischattirungen durchführbar sein werden. Die Landeskanzlei der orthodoxen Judenschaft begnügt sich vorläufig damit, an die Rabbiner und Vorstände der orthodoxen Gemeinden ein Rundschreiben zu richten, in welchem zuerst darauf hingewiesen wird, daß die bestehenden Rabbinats- und Gemeindebezirke durch die neuen Gesetze unberührt bleiben und daß die Abhaltung der schon so oft geplanten Landes- Generalversammlung nicht dringlich ist und auf die Zeit nach den hohen Feiertagen verschoben wird. Bis dahin sollen die konfessionellen Matrikel weiter geführt werden, nachdem diese vom konfessionellen Standpunkte unentbehrlich sind. Das Rundschreiben stellt endlich bindende Beschlüsse für alle orthodoxen Gemeinden in Aussicht. — Das Rabbinat der Pester israelitischen Neligionsgemeinde legte dem Gemeindevorstande ein Memorandum vor, in welchem auf alle Vorkehrungen und Neueiuführungen hingewiesen wird, welche durch die durch dasJnslebentreten der neuen Gesetze geschaffene Situation nothwendig werden. Auch in oen Provinzgemeinden wird das Gemeindeleben immer reger, je näher der Termin für die Durchführung der kirchenpolitischen Gesetze rückt. Eine ganze Reihe von Gemeinden, als Lagos, Neupest, Neusohl, Tyruau, Nagykaroly, Kr. Kreuz u. a. m., nimmt noch vor den hohen Feiertagen die Nabbinerwahlen vor, und wir wollen hoffen, daß eine noch größere Reihe von Gemeinden, deren Rabbinatssitz seit Jahren verwaist ist, diesem Beispiele folgen wird. Großbritannien. z. London, o< ). August. Der „Board of Trade" lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Thatsache, daß während der 7 Monate Januar bis Juli 1895 eine starke Auswanderung von Fremden aus England stattfand, so daß sich die Zahl der in diesem Lande ansässigen Frenchbürtigen nicht unerheblich vermindert hat. Welcher Antheil an dieser Verminderung auf die Juden kommt, ist aus den Zahlen nicht zu ersehen, doch sprechen dieselben energisch gegen die Notwendigkeit eines Einwanderungsverbotes. Die Antworten der Minister auf die Petition der Anti-Alien-Jmmigration-Society lauten denn auch sämmtlich ausweichend oder höflich ablehnend. — Die Verwaltung von Bury St. James verhandelte am 28. August über die von den bedeutendsten Mitgliedern der Londoner jüdischen Gemeinde Unterzeichnete Petition, um die sich besonders der Rev. Gollancz sehr bemüht hatte. Es handelt sich darum, daß das alte „Judenhaus" „Mopse Hall", das noch aus dem 12. Jahrhundert stammt, in eine Feuerwehrstation verwandelt werden soll, imb die Unterzeichner der Petition bitten nun um Erhaltung des ehrwürdigen Bauwerkes in seiner jetzigen Art. Die Petition wurde an eine Kommission verwiesen. Von Nah und Fern. Aus großen und kleinen Gegenden in allen Theilen Deutschlands kommen uns Berichte über die würdige Feier des Sedantages zu. Wir konstatiren, da wir leider nicht in der Lage sind, alle Berichte veröffentlichen zu können, für heute nur die Thatsache, daß die Juden im ganzen deutschen Reiche die Feier des großen Erinnerungstages in festlicher und erhebender Weise begangen haben. — Bei der letzten großen Veteranenparade zu Berlin soll, wie der „Deutsche Gen.-Anz." vom 25. August bemerkt, kein jüdischer Krieger zu sehen gewesen sein. Ein anderes Antisemitenblatt sah sich aber genöthigt, diese Nachricht dahin zu dementiren, daß Juden wohl daran theilgenommen haben. — Wie aus Bromberg geschrieben wird, starb dort Frau Kiersky, die den Orden für Nichtkombattanten erhielt als Anerkennung für die hingebungsvolle Pflege, die sie den verwundeten Kriegern von 1870/71 angedeihen ließ. — In Straßburg i. E. hat das neugewählte israelitische Konsistorium den Stadtrath Dr. Gustav Levy, der dieser Behörde bereits seit dreißig Jahren angehört, einstimmig zum Präsidenten gewählt. — In der letzten Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus in Wien wurde auf Vorschlag des Präsidenten der Beschluß gefaßt, eine Rech ts sch utzabtheilung zu errichten, die den Zweck hat, die Vertretung aller Jener in die Hand zu nehmen, die durch antisemitische Angriffe an ihrer Ehre oder Sicherheit bedroht werden. Diesen Rechtsschutz sollen selbstverständlich nicht allein jüdische, sondern auch alle jene Mitbürger genießen, die nicht gewillt sind, sich durch den Antisemitismus terrorisiren zu lassen. Drei hervorragende Wiener Advokaten haben sich bereit erklärt, die Vertretung der Rechtsschutzabtheilung zu übernehmen, so daß von jetzt an das Büreau des Vereins (Dorotheergasse 12) allfällige Anmeldungen entgegennimmt. Der Verein wird bald in der Lage sein, über die Affaire von Roznau Näheres zu berichten. — Der Gemeinderath der Stadt Nachod hat den Großindustriellen Hermann S. Doetor ob seiner Verdienste, die er sich um die Stadt erworben, dadurch geehrt, indem er ihn einstimmig zum Ehrenbürger ernannte. Diese Auszeichnung ist um so bedeutungsvoller, als bis zum heutigen Tage kein Jude das Bürgerrecht der Stadt Nachod erhalten hat. Unter den Stiftungen, die Herr Doktor für die Stadt Nachod gemacht, befindet sich eine für jüdische Arme, die erst jüngst die Genehmigung der Statthalterei erhalten hat. — In Frankreich ist durch die Initiative des Großrabbiners Z adoe Kahn eine Hilfskasse für das französische Rabbinat begründet worden, die bereits die behördliche Genehmigung erhalten hat, als Wittwen- und Waisenkasse für die Hinterbliebenen der französischen Rabbiner, die von den Beiträgen der letzteren selbst erhalten werden soll. Es soll jeder staatlich angestellte Rabbiner zwei Prozent seines Gehaltes als Beitrag für diesen Fonds leisten, wogegen seine Hinterbliebenen im gegebenen Fall ein Recht auf Unterstützung erhalten. — Der einzige antisemitische Kandidat bei den Generalrathswahlen in Frankreich, der Vicomte d'Hugues, ist durchgesallen, dagegen der wohlbekannte und meistangefeindete jüdische Abgeordnete Joseph Reinach mit großer Majorität wiedergewählt worden. — Aus Amsterdam wird berichtet, daß der Direktor des Justiz-Appartements in Holländisch-Ost-Indien A. Stibbe zum Präsidenten des obersten Gerichts der Niederlande ernannt worden ist. — In einer Uebersicht, die der Vorsitzende, Richter William Hartly, den Geschworenen bei einer Verhandlung gegen zwei jüdische Angeklagte in Melbourne gab, hob er hervor, daß dieser Fall in seiner langjährigen Praxis der erste sei, in dem gegen Juden kriminelle Klage erhoben sei, während christliche Verbrecher zu Hunderten vorkämen. Ein rühmliches Zeugniß für unsere Glaubensgenossen in jenem fernen Welttheil. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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