Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228131--52128-3272907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Dijon 1× ep/1044434
- Piła 1× ep/1048100
OCR text
59. Jahrgang. Wr. 36. ttt♦ Lerlm. 6.September 1895 Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHurns". Korrespondenzerr und Nachrichten. DentschlanL.. 22 Berlin, 2. September. Wie bereits in der vorigen Nummer angekündigt, fand am Sonntag den 1. September in der neuen Synagoge, Oranienburgerstr. 30, ein Festgottesdienst aus Anlaß des fünfundzwanzigsten Jahrestages des Sieges bei Sedan statt. Zu diesem Gottesdienste waren die Veteranen des Krieges besonders eingeladen, und soweit es der Raum der neuen Synagoge gestattete, durften auch die Mitglieder der Gemeinde an demselben theilnehmen. Ein großer Theil des Mittelschiffs war für die israelitischen Kriegsveteranen freigehalten. Im bürgerlichen Kleid, aber mit Erinnerungszeichen ihrer Siege, vielfach mit dem eisernen Kreuz und mit den jetzt vom Kaiser befohlenen Schlachtschnallen geschmückt, aus allen Ständen, vom Geheimrath bis zum Handwerker, wollten sie hier die friedliche und religiöse Feier großer Tage begehen. In allen andern Theilen war das Gotteshaus gedrängt voll von Männern und Frauen. Wer die neue Synagoge kennt, wird wissen, welchen überwältigenden Eindruck dieselbe bei gefülltem Hause macht. Um 10 Uhr leitete die Orgel und ein zu diesem Zweck engagirter Bläserchor die Feier ein. Nach diesem Vorspiel sang der neu organisirte Chor der neuen Synagoge, verstärkt durch die Damen des Synagogenchors Lindenstraße und durch Herren aus allen Synagogenchören der Gemeinde, sowie durch auswärtige Kräfte, unter Leitung des bewährten Kapellmeisters Kellermann die hier gern gehörte Lewandowskische deutsche K'duscha. In die Responsen, wie Kodausch und Sch'ma Jisroel, stimmte die ganze Gemeinde mit ein. Nach der K'duscha sang der Kantor der hiesigen Gemeinde, Herr Marksohn, den Königspsalm unter Orgelbegleitung mit wohlklingender, gebildeter Stimme und mit tief empfundenem Ausdruck. Nach einem schönen Gemeindelied, von Herrn Lehrer Gustav Jacobsohn verfaßt, begann die Predigt des Herrn Dr. Maybaum, welche von warmer, religiöser und patriotischer Gesinnung durchzogen war. Dr. Maybaum ging von den Worten des Psalmisten aus: „Die Rechte des Ewigen ist hoch erhoben; die Rechte des Ewigen verleiht den Sieg". Wir wollen keine einzelnen Gedanken aus dieser geistreichen und formvollendeten Predigt liefern, da diese wohl sicher durch den Druck veröffentlicht, werden wird, damit auch diejenigen aus derselben Belehrung schöpfen, welche sie nicht gehört haben. Nach der Predigt sang der Chor unter Pauken und Trompeten das Lewandowskische Hallelujah. Mit diesem vortrefflich ausgeführten Gesang schloß die erhebende Feier, welche lange bei den Zuhörern in treuer Erinnerung bleiben wird. Besonderer Dank hierfür sei hier dem Vorstande der jüdischen Gemeinde ausgesprochen. Zu gleicher Zeit fand auch in dem dichtgefüllten Gotteshause der Reformgemeiude ein weihevoller Festgottesdienst zur Feier des Sedantages statt, bei dem, nach den durch den vortrefflichen Chor der Gemeinde ausgeführten Gesängen, Herr Prediger Dr. Oppenheimer die Festrede hielt, welche auf die Versammlung einen tiefen Eindruck hervorbrachte. mk. Berlin, 2. September. Der Militär- und Sanitätsverein „Deutsches Vaterland" versammelte sich mit seinen Gästen nach Schluß des Festgottesdienstes in der Synagoge, dem ea. fünfhundert Kameraden, darunter auch die meisten christlichen Mitglieder beigewohnt hatten, zur Sedanfeier im Garten des Handwerkervereins, Sophienstraße. Der Vorsitzende, Herr Krojanker, forderte die Kameraden auf, in Ergänzung der durch den Festgottesdienst in der Synagoge würdig eingeleiteten Feier, sich von der allgemeinen Festfeier am 2. September in der Hasenheide nicht auszuschließen. An diesem Tage brachte der Verein 153 Mark an arme Veteranen zur Vertheilung. Der Verein, dem sich in der kurzen Zeit seines Bestehens gegen 500 Karneraden angeschlossen haben, kann aus eigenen Mitteln einstweilen keine größere Summe für diesen wichtigen Zweck zur Verfügung stellen. Da die Zahl der jüdischen Kameraden in Berlin auf über 5000 zu schätzen ist, wird es hoffentlich später möglich sein, in thatkräftigerer Weise für die Hinetrbliebenen der wackeren Krieger und für die hilfsbedürftigen Veteranen selbst einzutreten. — Bei dieser Gelegenheit sei berichtigend bemerkt, daß bei der Gedächtnißfeier, welche auf dem Friedhofe Schönhauser Allee an den Gräbern der gefallenen Glaubensgenossen abgehalten wurde, nicht nur ein Ritter des eisernen Kreuzes, der bereits erwähnte Kamerad Kretschmer, sondern sechs theilnahmen. Die Namen der tapferen Berliner Mitbürger, welche das eiserne Kreuz auf dem Schlachtfelde verliehen erhielten und es am letzten Sonntag mit Ehren vor dem Altar unseres Gottes getragen haben, sind: Herr Hermann Steinberg, Kaiserstraße 8, 12. Kompagnie 3. Hannov. Jnf.-Regiment Nr. 79 erhielt das eiserne Kreuz bei Mars la Tour auf Vorschlag des derzeitigen Kompagnieführers, Lieutenant v. Alvensleben; Herr Max Sternberg, Bukowerstraße 12, stand 1866 beim 6. und 1870/71 beim 9. Jägerbataillon, wurde bei Gravelotte zum eisernen Kreuz angegeben und erhielt es auf dem Schlachtfelde von Le Mans überreicht! vom Hauptmann Oidtmann; der Gefreite Leiser Landsberg, Bartelstraße 15, vom 8. Pommerjchen Jnf.-Regiment Nr. 61, 11. Kompagnie, rettete vor Dijon seinem Lieutenant Zanke I. das Leben und wurde mit dem eisernen Kreuz am 21. Januar 1871 belohnt. Der Kamerad M. Meyer, Alexanderstraße 54, von der 3. reitenden Batterie des Brandenburgischen Feld-Artillerie-Regiments Nr. 3, jetzt in Brandenburg a. H., stand 1870 als Obergefreiter bei dem II. Armeekorps im Felde als Führer der 1. Wagenstaffel und machte 24 Gefechte mit, u. A. bei Metz, Orleans, Le Mans. Im gerechten Selbstbewußtsein über seine erfüllte Bürgerpflicht, die durch das eiserne Kreuz belohnt wurde, und in ebenso gerechter Empörung über die öffentlichen Angriffe auf die Tapferkeit der Juden im Felde (seitens eines antisemitischen Hauptmanns a. D.) in antisemitischen Blättern, meldete sich der Obergefreite Meyer, als das Regiment kürzlich in Brandenburg a. H. die Siegesfeier beging, bei seinem damaligen Obersten, dem jetzigen General z. D. v. Tresky. Dieser nahm Gelegenheit, bei öffentlicher Festtafel zu erklären, es habe sich ein Veteran jüdischer Konfession zu seiner Freude bei ihm gemeldet, er nehme Gelegenheit, zu erklären, daß die jüdischen Soldaten mit als die tüchtigsten Mannschaften im Felde ihre Pflicht gethan hätten. 22 Berlin, 1. September. Am 28. v. M. starb hier der prakt. Arzt Dr. med. Jakob Baumann nach langem Leiden im 87. Lebensjahre. Dr Jakob Baumann war einer der ältesten Aerzte Berlins. Seine ärztliche Approbation datirte vom Jahre 1834. Ursprünglich war Baumann nur zur Ausübung der niedern Heilkunde befugt. Erst nachträglich erwarb er sich unter viel Mühsal und mit eisernem Fleiße die für das akademische Studium der Heilkunde erforderliche Bildung. Jakob Benjamin, so hieß Dr. Baumann eigentlich, wurde 1814 zu Schneidemühl in der Provinz Posen geboren. Seine allgemeine Bildung verdankte er nach der Weise der Zeit zumeist dem Selbstunterricht. 1833 kam er nach Berlin. Hier erweiterte er, ohne eine Schule zu besuchen, sein Wissen so, daß er 1839 die Reifeprüfung ablegen konnte. Bereits zwei Jahre darauf wurde er zur Doktorpromotion zugelassen. Bis dahin studirte er an der Universität. Seine Promotion erfolgte im Sommer 1841. Seines vorgerückten Alters wegen übte Baumann schon seit geraumer Zeit den ärztlichen Beruf nicht mehr aus. Der Verstorbene war ein glaubenstreuer Jude, der in früheren Jahren auch regen Antheil am hiesigen Gemeindeleben genommen hat. Ehre seinem Andenken! 22 Berlin, 2. September. Dem Regierungsrath Dr. Bernhard Weinstein, der auch Privatdozent in der philosophischen Fakultät der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität und Mitglied der kaiserlichen Normal-Aichungskommission ist, ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden. Regierungsrath Weinstein ist in der Normal-Aichungskommission Nachfolger des unvergessenen Regierungsraths Löwenherz, der in der Blüthe der Jahre dahingerafft wurde. © Berlin, 1. September. Die nächste Sitzung der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin"