Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- Seite 432 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Litterarische Mittheilungen. — Unsere hebräischen Melodien haben sich bekanntlich von Maharil an und wohl noch weiter zurück bis auf den heutigen Tag erhalten und sind Gemeingut Israels geblieben. Man mag über die vielen neuen Gebetbücher i)ro oder contra streiten, die altehrwürdigen Melodien aber sind überall dieselben. Bezeichnend dafür ist die Kolnidre-Melodie. Man hat den chaldäischen Text mit Recht aus dem Gebetbuchs entfernt, aber die neuen Texte sind der alten Weife angepaßt. Ledowid boruch singt man genau so in Warschau wie in Cincinnati in Lissa wie in Melbourne. Trotzdem ist ein Theil unseres Gottesdienstes säst in Vergessenheit gerathen, weil er nicht gepflegt wird — der Wochen got Lesdien st, der auch in musikalischer (Recitative) Beziehung ebenso erhebende Momente aufzuweisen hat, wie der Gottesdienst an den hohen Feiertagen. Der Wochentags-Gottesdienst wird nicht allein in den großen Gemeinden — hier in Berlin in den vier Gemeindesynagogen und vielen Betlokalen, sondern auch im Süden in der kleinsten Gemeinde — und in den übrigen Gemeinden doch mindestens an den Jahrzeiten abgehalten; die kurze Liturgie wird meistens von Pseudo-Kantoren oder unwissenden Privatpersonen celebrirt, die kein Verständniß der Gebetsprache besitzen 1 und weder selbst andächtig sind, noch Andacht erwecken. Die großen, stimmbegabten Kantoren sind der Meinung, daß dieser Dienst ihnen keine Gelegenheit giebt, Stimme und Gefühl zum Ausdruck zu bringen. Wie sehr sind sie im Jrrthum befangen! Zahllos sind die Kompositionen für Sabbathe und Festtage. Hier wäre ein Weniger mehr, nicht weil die Piecen keinen Beifall und gelegentliche Verwendung finden, sondern weil fast jeder Kantor darin fruchtbar Ist. Der Wochentagsgottesdienst hat unseres Wissens bis jetzt zwei Bearbeiter gefunden: Baer, „Baal Tefillah" und der Oberkantor M. N osen Haupt-Nürnberg in seinem neuesten Werke III. Theil. Wir geben dem letzteren den Vorzug, nicht weil Baer weniger bedeutend im Synagogengesang ist, sondern weil Nosenhaupt — Süddeutscher ist. Wir können hier nicht den Unterschied des slavischen und süddeutschen Chasonus erörtern, aber wer einen wahrhaft erhebenden Wochentags-Gottesdienst hören will, der gehe nach Süddeutschland, und wem dazu keine Gelegenheit gegeben, der schaffe sich dieses Werk für 5 Mk. an. Die Ausgabe lohnt sich, und selbst der tüchtigste Kantor kann daraus lernen, wie man diesen oft mißhandelten Gottesdienst zu einem erhebenden gestaltet. Wer dieses Heft fleißig durchgearbeitet, wird zweifelsohne auch die vorher erschienenen für Freitagabend und Sabbathmorgen von dem genialen Komponisten erwerben. Alle Werke dieses fleißigen Herausgebers sind auf das Glänzendste empfohlen von Musik- Kapazitäten, musikalischen Zeitschriften rc. Eine weitere Art von Kompositionen bringt uns der bekannte Musikdirektor am neuen Tempel in Prag, Herr David Rubin, in dem neuesten Heft seines Werkes Dieses ist weniger für den Kantor einer kleinen oder mittleren Gemeinde, sondern für einen vierstimmigen Chor mit Orgel. Es ist erstaunlich, was dieser tüchtige Musikschriftsteller leistet. Wir zählen 84 größere unddarunter vortreffliche Kompositionen für die Gesammtliturgie der Synagoge, und dieses II. Heft (im Selbstverläge erschienen) reiht sich würdig in Inhalt und Ausstattung den früher erschienenen an. Schließlich wollen wir hier noch eine interessante Publikation anreihen, die die überaus rührige Verlagsbuchhandlung von I. Kauffruann in Frankfurt a. M. soeben verschickt hat, nämlich das Verzeichniß einer musikalischen Synagogen-Bibliothek (Lagerkatalog 28), das erste in seiner Art, aber gleichwohl reichhaltig und für diesen Zweig der Musikgeschichte sehr werthvoll. Das Verzeichniß zählt 126 Nummern moderner Synagogenmusik und 68 Nummern antiquarischer Musikalien auf. W. Hprechsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! us der „Pädagogischen Zeitung" entnehme ich einen Bericht über die 27. Generalversammlung des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik, welche vom 3. bis 5. Juni d. I. zu Eisenach getagt hatte, in der Prof. Otto aus Eisenach über „die Beziehungen der Religion zum Nationalgefühl bei den alten Israeliten" gesprochen hatte. Die Otto'sche Arbeit gipfelte in den Worten: „So lehrt uns die Geschichte Israels, daß die Religion in der niederen Fo^in der Volksreligion mit dem Nationalgefühl als seine stärkste Wurzel untrennbar verbunden war, es durch alle seine Entfaltungen in der Geschichte des Volkes als treibende Kraft begleitet hat. ... Es wäre voreilig, solche an einem Volke gemachten Erfahrungen als allgemeine Gesetze im Völkerleben hinzustellen. Aber es wird doch auf Schritt und Tritt ausgefallen sein, welche Aehnlichkeiten in der inner» Entwickelung des Volkes zu andern, auch zu unserm eigenen bestehen." Der Verfasser betonte, daß es ihm darauf angekommen setz neuern Meinungen gegenüber den Nachweis zu führen, daß die Behandlung der alttestamentlichen Geschichte werthvolle Früchte tragen könne. In der eigentlichen Besprechung wurde nun davor gewarnt, diese an dem jüdischen Volke gemachte Beobachtung ohne Weiteres auf andere Völker zu übertragen. Gewiß sei die Religion eine Quelle des Nationalgefühls, aber neben andern Quellen. Man könne sie nicht einmal als stärker denn die andern bezeichnen, geschweige denn für die stärkste erklären. Das Nationalgefühl sei ein sympathisches Gefühl und habe zur Bedingung die Identität gewisser innerer Zustände bei den verschiedenen Gliedern einer Nation. Identität der Sprache, der Gebräuche, Anschauungen (besonders der politischen), der Gesinnungen (moralischen wie religiösen) und der Handlungen (Geschichte), das seien die Bedingungen des Nationalgefühls. Dies treffe aber auch bei dem jüdischen Volke zu, wenngleich man bei diesem zugeben müsse, daß die Religion die stärkste Quelle seines Nationalgefühls sei. Bei andern Völkern sei sie nur eine neben andern Quellen, was sich an der Geschichte der Griechen und Römer erweisen läßt. Immer aber komme es auf die erwähnte Identität an, denn die Geschichte lehrt, daß die religiöse Spaltung zu einer Schwächung des Nationalgefühls führt Hingewiesen wurde noch schließlich auf den Umstand, daß die jüdische Religion die erste sittliche Religion sei, und daß auch um dieses Punktes willen die jüdische Geschichte Beachtung verdiene. Hochachtend Thorn, 26. August. I. Kramer, Lehrer. * Sehr geehrte Redaktion! /F^vestatten Sie mir. Ihnen an dieser Stelle zu sagen, wie sehr die Worte, die diese Zeitschrift dem Ableben meines Vaters gewidmet hat, uns Hinterbliebenen in unserer schmerzenden Trauer wohlgethan. Ich darf wohl die Mittheilung hinzufügen, daß mein Vater vor . seinem Dahinscheiden mit einer umfassenden Antikritik auf die Beurtheilung beschäftigt war, der sein Werk über die Jüdischen Speiseverbote begegnet ist. Da die Kritiken selber zum Theil noch nicht abgeschlossen waren, ist auch seine Gegenschrift ein Bruchstück geblieben, dessen Veröffentlichung sich verbietet. Auch die fernere Mittheilung sei mir verstattet, daß bei meinem Vater am Tage seiner Bestattung aus Paris ein Schreiben der Alliance Israelite Universelle einging, worin diese sich über den bekannten Zwischenfall, betreffs ihrer Beziehungen zu dem Buche meines Vaters folgendermaßen äußert: „Wir geben Ihnen die Versicherung, daß es weit von unfern Gedanken war. Sie im Geringsten zu beleidigen, und daß wir sowohl Ihrer Person, als Ihrer Wissenschaft die größte Anerkennung zollen. Wie Ihnen Ihr Verleger sagen kann, haben wir mehrere Exemplare Ihres Werkes kommen lassen, und die Gelehrten, welchen wir es offerirt, haben es mit großem Interesse gelesen und sich bei uns sehr warm bedankt." Dieses Schreiben der Alliance besiegelt die für meinen Vater ehrenvolle Erledigung, die jener Zwischenfall gefunden. Berlin, 1. September. I. Wiener. * für Vervollständigung der Mittheilung von hier diene, daß der Schnorrer Joseph Cohn aus Conin, welcher in der hiesigen Synagoge einen Diebstahl verübt hat, auch Papiere führt, welche auf: Joseph Silberberg, Krakau, und L. Stern, Conin Galizien, lauten. Derselbe sucht besonders die Armenkassen in dieser Weise auszubeuten. Es wird nochmals sehr gebeten, von der Ergreifung des Schwindlers der hiesigen Polizei-Verwaltung gefl. Nachricht zu geben. Witzen Hausen, im September. M. N. Truck mtb Verla a von Rudolf Mos je in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.