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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-06 · Heft 36 (6.9.1895) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 431 (sequence 13)
Language
German
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431 stammnng nicht nur nicht verlängnete, sondern selbst bei Hofe ostentativ betonte. Der Professor Hecht brachte dem Manne seiner Nichte aufrichtige Hochachtung und herzliche Freundschaft entgegen und seinen Konnexionen verdankte Liebman» den Adel. Von dem geplanten Uebertritt seines Großneffen hörte der Professor nichts, der in diesen Tagen, wo unsere Geschichte spielt, von einem mehrjährigen Aufenthalt in Italien zurück erwartet wurde. Frau Emma beabsichtigte zur Feier der Nobilitirnng und Rückkehr ihres Onkels eine große Soiree in ihrer Sommervilla zu geben, wobei die größten Knnster von der Oper Mitwirken und auch der zwölfjährige Martin, ihr hoffnungsvoller Sprößling, sich mit einem Liede prodnzireu sollte. So war es von der gnädigen Frau geplant; sie erwartete nun die Ankunft ihres Onkels, um mit ihm das Programm zu berathen und durch seine Vermitlelung die Künstler zu gewinnen. — Der Onkel kam, freudig begrüßt von der ganzen Familie, und nur ein bitterer Tropfen fiel in den Begriißuugsjubel, als der Professor auf das herzliche Willkommen des Hausherrn mit einem kräftigen „Aleichem scholaum!“ antwortete. Frau Emma hütete sich wohl, über die Begrüßung ihres Onkels eine Bemerkung zu macht», denn Professor Hecht war wegen seines Sarkasmus in allen Kreisen gefürchtet. Der Professor war für die Soiree, wodurch er sich wieder bei der haute volee einführen wollte, bald gewonnen, »nd versprach auch dafür zu wirken, daß der Prinz Hermann, fein ehemaliger Schüler und Gönner, eine Einladung annehmen würde. Die Künstler wolle er auswählen und selbst mehrere Piecen Vorträgen. Bon einer Mitwirkung des kleinen Martin getraute sich seine Nichte nichts zu sage»; sie wollte ihrem Söhnchen selbst ein Liedchen einüben und damit die Gesellschaft überraschen. Wie erstaunte aber der Professor, als er bei der Audienz au§ dem Munde des Prinzen Hermann hörte, daß Martin von Liebman an seinem dreizehnten Geburtstage in der Hofkirche getauft werden sollte, tvobei der Prinz selbst die Patheustelle übernehmen ivürde. Der Professor schäumte vor Wuth und sann darüber nach, wie er seiner geistreichen Nichte diese Taufe verwässern könne. Zufällig hörte er bei seinem zweiten Besuche iui Hause seiner Nichte, wie diese mit ihrem Söhnchen ein Lied einübte, und er konnte unschwer erratheu, daß hier eine Ueberraschung beabsichtigt war. Er unterdrückte seinen Ingrimm und begrüßte seine Nichte mit heuchlerischer Freundlichkeit. „Du hast wohl eine Ueberraschung vor, liebe Emma? Laß doch einmal höre»! Ein deutsches Liedchen? Besseres kannst Du nicht bieten? — Das hört man in jeder Volksschule, dazu braucht man wahrlich keine Soiree im Haufe eines srischgebackenen „von". „Aber, lieber Onkel, was soll denn der Kleine singen? Du hörst ja, seine Stimme eignet sich vorzüglich für dieses Lied." „Nichts da, mein Kind, der Junge soll brilliren, ich werde mit ihm etwas ganz Außergewöhnliches, ganz Appartes einüben. Halt, ich hab's! Ich besitze ein uraltes Minnelied, wunderbarer Text, hochoriginelle Melodie. Das Lied eignet sich vortrefflich zum Vortrage. Das soll er Vorträgen!" „Ein altes Minnelied?" rief hochbeglückt die Mutter. „Wird er das auch singe» können?" „Hat Professor Hecht schon jemals einen Eleven vorgeführt, der nicht gefallen hat?" O verzeih', lieber Onkel, so war es nicht gemeint; ich danke Dir von Herzen für Deine Liebenstvürdigkeit. Wann willst Du kommen, um mit Martin einzuüben?" „Kounuen, liebe Emma? — Nein! Dazu habe ich wirklich keine Zeit; der Junge hat ja Ferien, er soll Morgen beginnen! Aber das bitte ich mir ans, er darf bis zum Vortragsabend hier nicht weiter üben, das Ganze soll eine vollständige Ueberraschung werden. Entweder Du acceptirst diese Bedingung, und ich garantire für einen sensationellen Erfolg, oder der Junge singt überhaupt nicht!" Frau Emma wurde doch etwas mißtrauisch. „Wirklich und wahrhaftig ein altes Minnelied?" „Auf Ehrenwort, liebe Emma; ein Lied von einem Dichter aus dem sechzehnten Jahrhundert. Das Lied ist in den höchsten Kreisen gänzlich unbekannt und weder jemals in einem Konzert, noch in der Oper gesungen worden. Du wirst erstaunen, und Dein Mann wird eine wahre Secleuwonne haben!" Frau Emma war beruhigt; hatte doch der Onkel sein Ehrenwort j gegeben, und auch der kleine Martin blieb nach den Uebungen stand-! hast und verrieth keine» Ton und kein Wort von dem Liede. Der Abend kam lind mit ihm alle Großen der Residenz, voran Prinz Hermann mit seinem Adjutanten, mehrere hohe Offiziere mit ihren Damen; die Elite der baute Unaiioe, darunter verschiedene Konnnerzienräthe mit alttestamentlichcn Namen auf deren Einladung der Hausherr bestmiden hatte. Der Professor spielte eine Sonate, der Kammersänger Nenmann eine bekannte Arie, der Bassist Kariel sein Lieblingslied, die Hofopernsängerin Hermine v. Arlt eine Piece aus der Lavalloria rusticana. Mit großer Spannung sah die ganze Gesellschaft der Progrannu-Nninmer: „Altes Minnelied, gesnugen von Martin von Liebman»," entgegen. Der Professor setzte sich an den Flügel und spielte eine kurze Introduktion. Martin stand ihm zur Linken, seine Mutter zur Rechten des Professors. Der Knabe trat nnbefange» auf und sah nur auf seinen Großonkel. Mit heller Stimme hob er nun aber an: Lecho daudi likras Kallo, pene Scliabbos uekablo! Nach der Lewandowskische» Melodie. Die christlichen Zuhörer sähen sich gegenseitig an. — Die jüdischen j Konnnerzienräthe hielten krampfhaft ihre Taschentücher vor den j Mund und Frau Emma schrie herzzerbrechend: „0 tnon dien — | welche Schmach!" „Moii dien ist deplazirt, liebe Emma, 8ebma i jisroel mußt Du schreien. Es ist mein Barmizwo-Geschenk für i Deinen Jungen — Du kannst es auch als Tauspsalm verwerthen." j Nur einer der christlichen Zuhörer kannte das Lied und den! Text. Prinz Hermann hatte als enthusiastischer Verehrer der j Kirchenmusik mehrere Freitag Abende die Synagoge besucht und mit! Hochgenuß jedesmal dem Sadbathgruß von Salomo Alkabez anj gehört. Nachdem der Knabe geendet, ertönte ein schallendes Bravo,! worin besonders die Konnnerzienräthe einstiunnteu, um ihr Lachen! zu verbergen.! Der Prinz rief den Professor abseits, und nachdem er seine j Erklärung vernommen, brach er in ein lautes Gelächter ans. j Am andern Morgen war Frau v. Liebniann nach der > Riviera abgereist. Martin b. Liebmauu ist kein Chasen geworden! aber während der längeren Abivesenheit seiner Mama ist er richtig an seinem dreizehnten Geburtstag nach dem Gotteshanse geführt worden. Nicht der Prinz Hermann führte ihn, sondern sei» überglücklicher Vater und Professor Hecht. Er hat bei diesem Gottesdienst ebenso schön die Hastora gesungen, wie bei der Soiree seiner Mama das alte Minnelied: Lecho daudi.

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