Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- Seite 430 (sequence 12)
- Language
- German
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430 Mäßigkeit wie im Essen, auch im Trinken empfohlen: Wer zum Trinken aufgefordert wird, greife nicht alsbald nach dein Becher, und wer da trinkt, leere nicht das Glas in einem Zuge; wer solches thnt, wird Schlemmer genannt. 9ln drei Dingen erkennt nran bnt Menschen: an seinem Geldbeutel (d. i. wie er Geld glebt oder ausgiebt), an seinem Glase (wie er trinkt) lind an feinem Zorn (wie er sich 31t mäßigen oersteht). Wer Wein trinkt und bleibt bei klarem Verstand, dem wohnt etwas Don der Weisheit und Kraft eines Synhedrialmitgliedes inne; p (Wein) und ND (Geheimnis;) haben 70 zmn Zahlenwerthe, daher das Wort: Wo der Wein einzieht, dort zieht das Geheimnis; aus! wo das Geheimnis; aber bleibt, dort zeigt sich besondere Kraft. Beim Trinken spreche man nicht viel — so angenehm sonst die Unterhaltung ist, beim Weine ist sie schädlich. Keiner trinke mehr als drei Becher, denn bei dem vierten verliert man fd)on den Verstand und die Nieren gerathen in Verwirrilng; namentlich Hute sich das Weib, viel zu trinken: der erste Becher ist ihm gesund, der zweite macht es schon häßlich, bei den! dritten vergißt es sich und seine Würde, bei dem vierten wird es widrig. Schon ans rein physischen Gründen solle man sich wohl hüten, zu viel zu trinken, — vom Weinstocke stammen die Trauben, und ans den Trauben stammt der Wein; das will dich lehren: wie du ans den Trauben, je mehr du sie pressest, ihren ganzen Gehalt heransdrnckst, also speit derjenige, der zu viel Wein trinkt, Alles, was er im Leibe hat, heraus. Allein noch größere Gefahr birgt in sich die Trunkenheit: leicht folgen ihr frivole Reden, und selbst den Wahnsinn kann sie zur Folge haben. Nur den Bösen thnt das Trinken gut: so lange sie trinken und schlafen, haben sie einen Genuß von der Welt und hat die Welt einen Genuß von ihnen. Zehn Maß von Trunkenheit sind der Welt zngetheilt, nenn davon sielen der hamitischen Rasse zu. Als tüchtige Esser, namentlich als arge Trinker, waren die Perser bekannt; von ihnen sagte inan: sie essen und trinken luie die Bären; bei ihren Gastinählecn machte ein großer Pokal mit Wein die Rllnde, und Jeder mußte ihn leeren, ob er sich auch dadurch den Tod znzöge. Charakteristisch für Israel ist es: sie essen und trinken, und das Wort Gottes erwacht in ihrem Munde. Ehedem wurde im Tranerhause Wein gereicht, denn er ist geschaffen, betrübte Herzen zu stärken; allein als der Rausch in Trauerhauser einzog, da ronrde die Einrichtung getroffen, daß daselbst nur mäßig Wein getrunken werde. Ter Priester sollte nach biblischer Vorschrift, wenn er im Dienste des Heiligthums stand, weder Wein noch sonstige berauschende Getränke trinken; eb.'uso war dieses nach talnmdischer Anschauung Jenen, die sich mit den Geheimnissen der Welt, d. i. mit dem Rechtsprechen, beschäftigten, verboten. Ter Betrunkene soll nicht, der Berauschte darf nicht beten, sein Gebet ist ein Gräuel. Als betrunken gilt derjenige, der in Gegenwart Hochgestellter noch zu sprechen vermag; wer dazu nicht mehr fähig ist, der wird als berauscht angesehen. Zum Schluß sei noch das Wort erwähnt: den Betrunkenen stößt man nicht, er fällt von selbst. 17. Außer Wein lvaren noch andere künstlich bereitete Getränke — einzelne derselben, wie Dattel-und Aepfelwein, wurden bereits erwähnt, —, verschiedene Bierarten, bei deren Bereitung Hopfen und Gerste in Verwendung kamen, bekannt: Zythinn, das ägyptische Bier, bestand ans Gerste oder Weizen, Saflor und Salz; es diente zur Ernährung, Erfrischung, und wurde auch medizinisch angewandt; weniger stark gegohren war das medische Bier. Im Allgemeinen galt Eerstenbräu als schädlich. Diese Getränke scheinen stark alkoholhaltig gewesen zu sein; denn bei einzelnen soll schon der Geruch derselben im Stande gewesen sein, einen Rausch zu erzeugen. Ein Getränk, das mehr zur Erfrischung diente, wurde aus wohlriechenden Kräutern und Gewürzen angestellt. Ans kahmig gewordenem Wein wurde durch Hinzusetzung eines Ferments, dessen Hanptbestandtheil zuweilen Gerste bildete, durch welches Gährung erzeugt werden sollte, Essig bereitet. e.. _ m iimjnwiuiii IMMM w —— . . EMlilKT!UIUimil!lllffTlu4UI“ll!llimllÄllmllHlllffllMlmlmiIKIlUIUIWl!.iI!™lJiJWl w lliMUM « I * 1 FEUILLETON 1 I MMM imiuiumiiii H p^iiiiiLiiwiiaaiihinjiiMiimiiiiiinijntniüüimmininimimiimininimiiiiiiMiifiinmiiiiiiimiiwniiJiiimiHüiiinmtiiiiwa --385— 1 —I ■UKUfMlUa MMM! — m —a Gin altes Minnetied. Nach einer wahren Begebenheit. Von Lion Wolff. einem fabelhaften Glück war der Fabrikant Liebmaim begünstigt. Vor 20 Jahre» »och ei» einfacher Ka»fmai»i j„ x,„er Provinzialstadt, wo er a»ch das Amt eines Synagvgcnvorstehers bekleidete, kam er i» de» Gründerjahre» »ach der Hauptstadt des Fürstenthnms, wo er als Kompagnon in eine Waffenfabrik eintrat. Nachdem sein Sozius sich zurückgezogen und er alleiniger Inhaber der Fabrik wurde, errang er durch große Lieferungen ein immenses Vermögen und zugleich den Konnnerzienrathstitel. Nun stand er am Ziele aller seiner Wünsche: ein auswärtiger Potentat verlieh ihm den Adel, wovon ihm vor einige» Tagen das Diplom zugegange». Der alte Liebmann war todt — v. Liebwann stand wieder auf! Zu seinem Lobe mußte man es ihm nachsagen, daß er auch als reicher, angesehener Man» seiner Herknnst nicht vergaß und auch in seinem ausgedehnten Wirkungskreis immer »och Zeit fand, sich mit den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu befassen. Vor dreizehn Jahren trat in dieser Beziehung eine Wandlung ein. Alles spezifisch Jüdische »onrde aus seinem Hanse verbannt; die Feiertage nicht mehr beachtet. Nichts erinnerte mehr an seine jüdische Abstammung. Man denkt hier an das prophetische Wort von Moses: „?Ils Jeschnru» feist wurde, schlug er ans!" — doch hier galt vielmehr das Wort der Franzosen: „clierchez la femme!“ Herr v. Liebmann war als Wittwer mit drei Kindern vor fünfzehn Jahren nach der Hauptstadt gekommen und hatte bald darauf die hochgebildete und schöne Erzieherin seiner Kinder geheirathct, und obwohl auch sie aus frommer Familie stammte, hatte sie einen Horreur gegen jüdische Einrichtungen. Was thnt ein Fünfzigjähriger nicht einer 26jährigen schönen Frau zu Liebe, die ihm noch dazu vor mehreren Jahren einen bildschönen Junge» schenkte? Anfangs mit Widerstreben, später resignirt, gab er den Kampf für seine religiösen Gewohnheiten ans, und nur der Taufe setzte er energischen Widerstand entgegen. Trotzdem ließ er sich in einer schwachen Stunde das Versprechen ablocke», seinen jüngsten Sohn den Uebertritt znin Christenthum zu gestatten, um ihm die Thiiren des Offizierkasinos z» öffne». Enmm v. Liebmann war eine würdevolle Repräsentantin ihres Hauses. Eine imposante Erscheinung, hochgebildet, mit den Allüren der vornehmen Welt vertrant — sie war mehrere Jahre Erzieherin im Hanse des früheren Ministers — fühlte sie nur die Religion ihrer Väter als ein Unglück. Scho» vor ihrer Verheirathung wäre sie durch die Taufe selig geworden, allein sie war für ihre Zukunft noch immer ans den Bruder ihrer Mutter, einen berühmte» Professor der Musik, angewiesen, und dieser geniale Künstler war und blieb zu ihrem Erstaunen ein konservativer Jude, der seine Ab-