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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-06 · Heft 36 (6.9.1895) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 429 (sequence 11)
Language
German
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429 geschützter sein, so verdient der Wein doch den Vorzug, denn Brod sättigt mir, Wein aber besitzt nicht blos nährende Kraft, sondern hat es nach mit dem Oel und den köstlichen Spezereien gemein, dem Gesicht ein heiteres Aussehen zu verleihen; daher er auch mit Recht von sich rühmen kann: An der Spitze alles Lebens stehe ich! Nur Wein allein verdient Getränk genannt zu werde». Neben Fleisch und Fisch gehört der Wein zum charakteristischen Merkmale eines festlichen Mahles. Rother Wein war in Palästina häufiger als weißer; daher in der heiligeil Schrift auch vom Traubenblut die Rede ist. Der Qualität nach war der weiße als der kräftigere geschätzter. Zur Manipulation bei der Bereitung des Weines sei bemerkt: Die Trauben dürfen nicht zu früh gepflückt werden, da sie im unreifen Zustande selbst zur Bereitung des Essigs unbrauchbar sind. Die Trauben werden entweder frisch genossen oder zu Rosinen getrocknet, oder zu Honig eingekocht. Der Most lagert zunächst auf seiner Hefe; er wird aber auch in ein anderes Gefäß gegossen (Jes. 25, 6; Jer. 48, 1), wodurch sein Geschmack milder wird. (Luc. 5, 39.) Verschiedene Weinarien dürfen nicht znsanunengegossen werden, da sie leicht verderben. Dasselbe gilt auch von der Hefe verschiedener Weine. Das Gähre» dauert drei Tage. Nach dem Gähren wird der Wein mittelst eines Hebers vorsichtig von der Hefe abgezogen, damit er klar sei. Läßt er einen Satz zurück, dann muß er von dem Verkäufer auf eigene Kosten gereinigt werden. Man ließ den Wein vor dem Gebrauche entweder durch ein Tuch laufen (Jes. 15, 6), oder man klärte ihn durch ein Ei oder vermittelst eines Seihers. Ebenso verfuhr man, sobald Wasser ans die Hefe oder auf die Kerne der Weintrauben gegossen wurde, um einen Nachwein zu gewinnen. Wein- und Dattelkerne ivurden auch als Brennmaterial verwendet. Der Wein wurde roh, d. i. llnge»iischt,verkauft;betrügerischeHä»dler aber verstanden es schon früh, ihn mit Wasser versetzt an die Käufer zu bringen. Getrunken wurde der Wein stets mit Wasser verniengt, daher es nicht unbedeutsam war, die rechte Mischung zu verstehen. Wer Wein ungemischt trinkt, dessen Gebein dorrt; wer eine Mischung von wenig Wein und viel Wasser trinkt, dessen Gebein wird lvässerig; die rechte Mischung aber macht markig das Gebein. Die rechte Mischung heischt zwei, nach Anderen drei Theile Wasser und einen Theil Wein. Im Ganzen waren an 60 Weinarten bekaimt. Geschätzt war der rothe, wohlriechende; gern getrunken wurde der mit verschiedenen Gewürzen präparirte, der auch ans einem Aufguß von Wasser ans getrocknete Trauben erzeugt wurde. Herber Wein wurde gewürzt, bitterer mit Absyuth vermengt, und süßer wurde gekocht. Der ans Trauben durch Wasseraufguß gewonnene, auch der gekochte war minderwerthiger als der rohe. Zuweilen lief der künstlich bereitete zusammen und bekam ein trübes, wolkiges Aussehen. Von den verschiedenen Gegenden entstammenden Weingattungen seien erwähnt: der saronitische, karmesiurothe, der annnonitische, der wegen seines starken Alkoholgehaltes, durch welchen die Sinne aufs Zügellosestefentfesselt wurde», gefürchtet war; der italische, von dem schon XU Log schwerfällig macht, dessen Rausch selbst vom Schlafe nicht leicht überwunden wird, der kilikische und phrygische. Ein überaus süßer Wein wurde aus Asien eingeführt. Bekannt war der Markt zu Tyrus durch seine billigen Weine. Der Most verdient es nicht, strenge genommen, Wein genannt zu werden; nur am alten Wein finden die Weisen Wohlgefallen. Alt wird nach der Ansicht Einzelner der dreijährige, nach Anderen schon der einjährige genannt. Alter Wein muß sich mindestens drei Jahre lang halten, ohne sauer zu werden; wird er als alt verkauft und vor Ablauf dreier Jahre sauer, dann hat der Verkäufer den entstandenen Schaden zu tragen. Der Wein fand mannigfache Verwendung in der Küche. So wurde er zur Bereitung einer Salzbrühe aus kleinen Fischen, zum Anstellen mit Honig und Pfeffer, mit Mhrrhe und Abshnth, zum Einlegen der Früchte, namentlich der Cedersrucht, gebraucht. Ein kühlendes Getränk wurde durch Vermengung von Wein mit Oel hergestrllt. Zu seiner Kühlung wurde Schnee gebraucht. Besondere Verwendung fand der Wein in der Medizin und Diätetik, so zur Bereitung eines wnndenheilenden Pflasters; ans altem Wein, destillirtem Wasser und Balsamöl wurde ein Sinimciit bereitet, das zur Einreibung, namentlich nach denn Baden diente; mit solchem bestrich man Kranke, um sie zu erfrischen, Kinder, um sie zu kräftigen und zu heilen. Vielfach wurde auch eine Mischung bereitet, mit der die Zimmer besprengt wurden, um ihnen einen angenehmen Geruch zu verschaffen. Eppich, der lange in starkem Weine geweicht, galt als Mittel gegen Augenschmerzen, Wein und Lorbeerblätter gegen den Spulwurm, Kresse gegen Kolik und rothe Aloa gegen Blattern; Wein mit verschiedenen jungen Kräutern angestellt, namentlich des Morgens vor jeden, andern Genuß getrunken, für Herz, Augen und Eingeweide dienlich. Nach dem Aderlaß wurde rother Wein getrunken, der das entzogene Blut ersetzen sollte. Alter Wein galt als appetiterregend, auch für die Regelung der Leibesfnnktioue» heilsam. Stark verbreitet war die Annahme, daß bis zum 40. Lebensjahre das Esse», nach dem 40. aber das Trinken für den Körper zuträglicher sei. Gefäße mit Getränken durften aus Gesundheitsrücksichten nicht unbedeckt bleiben, weil befürchtet wurde, es könnten der Gesundheit schädliche Thiere i» dieselben fallen. Wie sehr das Religionsgesetz ans die Gesundheit Rücksicht nahm, erhellt am klarsten aus der Borschrift: Verbote ans Gesundheitsrücksichten sind viel strenger zu beachten als solche, die rein rituellen Gründen entstamme», — nur Wein, der sich noch in dem Zustande der Gührung befand, durfte rmbedeckt bleiben, weil solchen keine Schlange trinkt. So geschätzt der Wein im Allgemeinen war, so nicht minder gefürchtet war er aber auch wegen der üblen Folgen, die er leicht nach sich zieht, weil er de» Rausch erzeugt, der Rausch aber in Israel verpönt war; weil der Wein ein Spötter ist, der den Menschen verwirrt (Spr. 20, 1); weil er Priester und Prophet verwirrt, daß sie irre gehen, wo sie klar sehen sollten, daß sie schlvanken beim Rechtsspruch (Jes. 28, 7); weil er vergesse» macht den Gesetzgeber, daß aller Leidenssöhne Recht er verkehrt. „Wessen ist O, wessen O weh? Wessen ist Zank und wessen Seufzer, wessen sind unnütze Wunden, wessen sind dunkle Augen? Denen, die da spät beim Weine sitzen, di« komme», Würzwein zu versuchen! Sieh nicht hin auf den Wein, wie er sich röthet, wie er im Becher seine Augen macht, sich schleicht gerade hinunter — sein Ausgang gleicht beipender Schlange und Basilisken, welcher sprüht! Dein Auge sieht Fremdartiges, dein Herz redet Verkehrtes, du gleichst dem, der da schläft im Herzen des Meeres, dem, der da schläft am Steuerruder vorn. Man schlug mich — fühle keinen Schmerz, prügelte mich — ich merk' nichts! Wann stehe ich ans, suche noch einmal ihn (Spr. 23, 20 ff)?" Charakteristisch ist Die Erzählung im Midrasch über die Verhandlung, welche der über den Wein gesetzte Dämon, Schamdon, d. i. der Vernichtende, mit Noah pflog, als dieser den ersten Weinberg pflanzte (Gen. 9, 20): „An deiner Arbeit bin ich betheiligt, sprach Schamdon, hüte dich, mein Gebiet za überschreiten; nahest b» mir, so verderbM) dich!" heißt der Wein, weil er Noth in die Welt bringt; wo er in der Schrift genannt ivird, dort finden sich auch gleich die Spuren seines verderblichen Einflusses! Daher wird

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