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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-06 · Heft 36 (6.9.1895) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 428 (sequence 10)
Language
German
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428 Von der Selbstüberhebung zur Rücksichtslosigkeit gegen Andere ist natürlich nur ein Schritt, und so sind denn Unbescheidenheit und Rücksichtslosigkeit immer bei einander. Ob der Unbescheidene sich immer bewußt ist, daß Selbstüberhebung und Rücksichtslosigkeit bei ihm im Spiele sind, mag ja dahingestellt bleiben; sicherlich ist es ost genug nur Gedankenlosigkeit oder Mangel an Erziehung — aber das macht die Sache nicht besser. Deshalb können wir unsere Kinder nicht früh genug zur Bescheidenheit in jeder Form erziehen; aber wir selbst müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Was wir laste», empfehlen oder gar verlangen, ohne es selbst zu üben, wirkt nicht überzeugend, wenigstens nicht bei Kindern. Es giebt aber auch eine falsche Bescheidenheit, und die wollen wir nicht üben. Macht sich Eitelkeit und Unfähigkeit neben uns breit, so wollen wir nicht schweigen, sondern dreinfahren und dagegen steuern, so viel in unserer Macht steht, um ihnen nicht zum Siege zu verhelfen. Sucht Bosheit und Niedertracht das Edle zu beschmutzen, dem Verdienst seine Krone zu rauben, so wollen wir nicht schweigend beiseite stehen, sondern muthig entgegentreten, um nicht durch unsere Zurückhaltung zum Mitschuldigen zu werden. Und snche» Neid und Mißgunst und Hinterlist unsere eigenen ehrlichen Absichten zu entstellen und unser ehrliches, in erfolgreicher Arbeit errungenes Verdienst zu leugnen, herabzusetzen und in sein Gegentheil zu verkehren, so wollen wir nicht falsche Bescheidenheit üben, sondern duüch eine würdige Antwort dem Verleumder den Mund stopfen. Denn man darf die Bescheidenheit nicht so weit treiben, daß man seine Ehre und seinen guten Namen beschmutzeir läßt. „Wer in einen falschen Verdacht gerathen ist," heißt es im Talmud (33er. 31b), „ist verpflichtet, sich darüber zu erklären." Auch hier sei an Goethes Wort erinnert: „Nur die Lumpe sind bescheiden, Edle freuen sich der That." Geselligkeit und Geselligkeitsfreuden in Bidet und Tatmud. Bon Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Berlin. 14. Zum Nachtisch waren besonders Früchte geschätzt. Große Verbreitung und Bedeutung hatte in Palästina der Oelbaum. Weithin dehnten sich duftige Olivenhaine, die, neben Getreide und Wein, den Reichthum des Landes ausmachten, daher eine Mißernte in denselben als nationales Unglück galt. Die Oliven dienten zur Ernährung und Beleuchtung, zu kosmetischen und medizinischen Zwecken. In drei 3lbschnitten erfolgte alljährlich die Lese; die Früchte der ersteren waren besser als die der folgenden. War die Frucht völlig reif, dann strömte das Oel leicht aus ihr, im unreifen Zustande aber war sie hart; sie wurde dann in den Olivenkelter gebracht, wo sie so lange lag, bis sie weich, zum Preffen reif geworden war; auch in größern Behältnissen wurde die Frucht so dicht übereinander gepreßt, daß sie weich ward. Durch Rollen und Pressen verlor sie ihren bitter» Geschmack. Oliven wurden gepreßt, um das Oel aus ihnen zu gewinnen, eingelegt, um sie auch roh genießen zu können. Mit dem Oel bestrich man Wunden, um die Heilung rascher zu bewerkstelligen; auch sonst wurde es medizinisch verwendet. Die Dattel ist in halbreifem Zustande hart; zur völligen Reife gelangt, wird sie weich und spritzt einen gährenden Saft aus. Sie erwärmt den Körper, sättigt, fördert die Leibesöffnung und kräftigt, macht aber den Körper nicht geschmeidig. Vor dem Mahl genosten, ist sie schädlich, wie das Beil der Palme, nach dem Mahl aber förderlich, wie der Riegel vor dem Thore. — Der Dattelsaft wurde bei Unterleibsleidcn und Leibschmerzen als Medikament angewendet. — Der erste Becher mit Dattelsaft erweicht Speise und Trank, der zweite bewirkt bereits Durchfall. Beliebt und vielfach im Gebrauch war der aus dem Dattelsaft bereitete Honig. — Neben der heimischen Dattel wird auch die persische erwähnt, die geschätzter war, weil ihr Fleisch sich leichter von dem Steine löste. Stark entwickelt war die Kultur des Feigenbaumes, daher sein Absterben von den Propheten als Bild hcreinbrechenden Unglücks gebraucht wird, während die Hoffnung auf blühendes Glück in Friedenszeiten durch die Redensart: „Jeder wird unter seinem Feigenbäume und unter seinem Weinstocke sitzen" illustrirt wird. Die Frühfeige diente zur Erfrischung; die Spütfeigen wurden dicht über einandergelegt, daß sie fest an einanderklebten und die Form eines Kuchens annahmen; zuweilen wurden sie in feuchtem Zustand zerstampft und zu einer Masse zusammengedrückt. Solche Feigenkuchen werden schon im biblischen Schriftthum erwähnt. Zumeist wurden getrocknete Feigen, die wegen ihrer Süßigkeit Most genannt wurden, genossen. Im unreifen Zustande wurden sie mit Erde bedeckt, damit sie Nachreifen. Sie wurden zur Bereitung von Speisen gebraricht, auch medizinisch verwerthet. Erwähnt werden: schwarze und weiße Feigen; die vollsaftige Feige von Keila in Juda, welche zur Bereitung eines berauschende» Getränkes verwendet wurde; die gedörrte aus Bozra, die an ihrer Platten Form leicht z» erkennen war; eine Art, die erst im dritten Jahre reifte, und eine andere, welche die Frucht unterhalb der Blätter ansetzte. Der Granatapfel wurde getrocknet und in Stücke zerlegt Alls seinem Saft lvurde Obstlveiu bereitet. Von den Mandel arten werden süße und bittere genannt. Besonders geschätzt waren jene, die eine leicht zerreibbare Schale besaßen. Auch von den Nußarten waren die dünnschaligen die geschätzteren. Bei Hochzeitsfeierlichkeiten streute inan Nüsse vor der Braut. Erwähnt seien noch: das Johannisbrod, das erst nach 70 Jahren zur Reife gelangt und iui frischen Zustande reich an Honig ist; der 3lpfel, der zerstückt auch zum Füllen des Teiges benutzt ward; die Birne, die Pflaume, der Pfirsich, die Artschoke, die Maulbeere, die Melone und die Pistazie. Der Ethrog, nach der Tradition die Frucht vom Baume Hadar (Lev. 23, 40), wurde auch als Heilmittel gebraucht. Die meisten Früchte wurden eingelegt oder eingekocht; nur das Einkochen der Feigen und Datteln unterblieb, weil sie leicht ihren Geschmack verloren. Die eingekochten und eingelegten Früchte der Heiden waren rituell nicht gestattet, weil bei der Bereitung Wein, von dem ein Gießopfer den Göttern dargebracht lvorden war, Verwendung finden konnte. Nicht völlig gereifte Früchte wurden zum Nachreifen in Stroh gelegt. 15. Das vorzüglichste und geschätzteste Produkt des heiligen Landes >var der Wein. Besonders berühmt waren die Weinberge von Engedi und dem Gebirge Juda's, die Gelände von Sichem und die Höhenzüge von Gilboa. Durch seinen Duft war namentlich der Wein des Libanon bekannt. Die Werthschätznng des Weines erhellt am deutlichsten aus der Vergleichung des Gottesreiches mit dem Weinstock, an dem die Rebe Israel reift; daher der Wein auch dadurch ausgezeichnet wurde, das; für seinen Genuß eine ihm allein geltende Benediktion vorgeschrieben ist. Wein ist vorzüglicher als Oel, selbst als Brod; denn mag dieses für die Ernährung des Menschen, weil unbedingt erforderlich

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