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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-06 · Heft 36 (6.9.1895) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 426 (sequence 8)
Language
German
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426 die ich dort (in Rußland) in dieser Hinsicht von meiner Großmutter gelernt: In meiner früheil Kindheit saß ich den ganzen Tag mit vielen Altersgenossen auf der Erde im Cheder eines Jugendlehrers, bei dein wir Pentateuch-Unterricht hatten. Zur Mittagszeit brachte mir meine Großmutter mein Mittagbrod, das aus einem Stück trocknen Brodes mit Salz bestand. Auf meine Frage: „Babbe (d. i. im Jargon: Großmutter), warum hast Du mir nicht etwas Butter, Honig oder ein Ei gebracht, um es mit dem Brod essen zu können?" antwortete sie mir: „Tie Heime hat heilte llichts gelegt." — „Und der Honig und die Butter?" — „Meiil liebes Kind, wenn Dii groß geworden wid 311m Manne herangereift sein wirst, wirst auch Du erfahreii, daß, wenn in unserer Stadt die Uhr Zwölf schlügt, schlagen auch alle andern Uhren auf der Erde Zwölf, mid es ist allerwürts Mittag." Wenn meine Großmutter noch lebte, könnte ich ihr ganz deiitlich zeigen, daß sie sich geirrt hat. Deiin in dem Augenblick, da ich diese Zeilen schreibe, ist es hier Mittag unb in Europa Mitternacht, und uingehrt: wenn es bei Ihnen Mittag ist, ist es hier Mitterllacht. — Unb wenn ich auch hier kein Anderer bin als in meiner Heimath, hat man doch hier meinen Rainen geändert, lind nennt mich einen von den Antipodes. Aber meine Großmutter, eine biedere Person, hat mit klugem Sinne mehr auf das Glück des Menschen anfpielen und sagen wollen, daß es überall in der Welt gleich sei, iiach Art fommunt^ireuber Röhren, denn es gäbe überhaupt nirgends Butter und Honig, unb Armuth herrsche in der ganzen Welt. Sie hat eine Folgerung vom Einzelnen auf die Gesamultheit Niacheii wollen unb sich geirrt; denn ist es falsch, solche Schlüsse zu zieheil. So verhält es sich eben auch mit dem religiösen Leben in der Welt. Wer hier, gleich meiner Großmutter, den Einzelfall auf die Allgemeinheit exemplifiziren wollen würde, würde sich irrem Es flieht hier sehr fromme Leiite unö auch solche, die dem Judenthiun beu Rücken gekehrt. Hier wird durchgängig englisch gesprochen, sonst keine andere Sprache. Und unsere englischen Glaubensgenossen sind alle vom selben Schlage. Sie sprechen bisweilen ein Gemisch von Englisch und Deutsch, was ihnen nicht sehr nachtheilig ist. Auch mir ist es schließlich so recht. . . Wir haben auch einen Rabbiner in unserer Stadt, der ein bedeutender Talumdgelehrter uud ein gottesfürchtiger Mann alten Schlages ist. Alle Rabbinen Australasiens stehen unter der Oberleitung des Tr. Adler, und Niemand erhält ohne dessen Genehmigung einen Rabbinatssitz bei uns. Für gewöhnlich schickt man uns geeignete Herren aus England. (Es ist ein großer Unterschied zwischen den Benennungen Anstralia und Australasia. Die erstere ist ein Eigennmne für eine bestimmte Gegend, n>ie Preußen, Frankreich, nicht für den ganzen Erdtheil; die letztere aber schließt alle die unzähligen Inseln und Länder im Süden ein. Ich bitte um Verzeihung dafür, daß ich nur erlaube, Sie aus den Jrrthum aufmerksam zu machen; aber ich habe wiederholt gesehen, und besonders bei deutschen Gelehrten, daß sie auf die Adressen: „Neu Zealand, Australien" schreiben — es uuirc fast zum Lachen, loenn es nicht auch von Nachtheil wäre. Tenn die überseeischer! Zeitschriften werden von London nach der Provinz „Anstralia" gesandt (nicht nach New Zealand), und nur wenn die Postbeamten gewillt sind, senden sie dieselben nach Nerv Zealand. Oft aber gehen dadurch Sendungen verloren. Unser Rabbiner führt auch den Titel Minister, der, soviel ich weiß, sonst bei uns Juden nicht geläufig ist (außer in England), ©einen Funktional nach ist er Rabbiner, Borbeter, Baal köre, Schächter, Mohel, jüdischer Religionslehrer und auch Verwalter und Sekretär der Vereine. Er bezieht ein jährliches Gehalt von 275 Pfund Sterling (= 5610 Mark), wozn noch die üblichen Nebeneinnahmen kommen. — Unsere Glaubensgenossen sind hierin! Allgelneiuen geachtete Leilte, zum Theil hervorragende Persönlichkeiten, die sich mit bat verschiedensten Erwerbszweigen, besonders mit Exportengrosgeschüfteu, befassen; einige sind sogar Regierungsbeainte. Es ist hier gar nichts Auffallendes, daß ein Jude zum Bürgerlneister einer Stadt (Mayor) gewählt wird. Einige sind auch ins Parlament gewühlt worden, nicht nur in das Unterhaus (House of Representatives), soudern auch in das Oberhaus (Legislative Council.) In letzterem hat sich ganz besonders unser Gloubensgenosse the Honorable S. Schrimski, ein geborener Poseuer, hervorgethan. Als die Judenverfolgungen in Rußland s. Z. vor sich gingen, trat er auf das Euergischste auf, uud seine Rede machte auf die Mitglieder des Oberhauses einen so gewaltigen Eindruck, daß es ihm gelang, einen Antrag zur Annahme zu bringen, nach welchem ein tiichtiger Anwalt an den russischen Zaren gesandt wurde, der ihn durch ernste Vorstellungen zu Gunsten der Juden umstimmen sollte. Herr Schrimski ist ein gesetzestreuer Jude, der überall und bei jeder Gelegenheit zu Gunsten seiner in europäischen Ländern verfolgten Glaubensgenossen eintritt. — Einige Juden sind hier auf der Suche nach Edelmetallen, Goldgräber (Gold diggers). Ich habe selbst zwei unserer Glaubensgenossen beobachten können, welche zusammen in angestrengter Arbeit nach Gold die Erde durchgruben, am Gebirgssamne bis zu den New Zealand Alps (Neuseeländer Alpen), und in zwei aufeinander folgenden Jahren keinen Bissen Fleisch genossen. Sie nahmen ihre Arbeit allwöchentlich am Sonntag auf und feierten am Sabbath. uud es gelang ihnen, sich Vermögen zu erwerben. 3fr Pädagogische Plaudereien. Von Dr. B. Kuttner in Frankfurt a. M. Oie Bescheidenheit. (Schluß.) ^^^^enden mir uns nun dem elt erlichen Hansezu, der wichtigsten Schule der Bescheidenheit, wo gleichwohl so häufig gerade ^" die Unbescheidenheit großgezogen wird. Freilich, wo die Eltern es verstehen, ihre Kinder so zu erziehen, daß diese die schuldige Achtung uud Ehrfurcht vor ihnen haben — und davon ist früher gesprochen worden — da wird die Bescheidenheit von selbst gedeihen; denn der bescheidene Sohn und die bescheidene Tochter werden leichter die Achtung vor andern Menschen lernen. Schon in den kleinen Kindern regt sich der Widerspruch gegen Vater und Mutter, der Eigensinn und der Trotz; wer kennt nicht ihre oft so „gelungenen" Einwürfe! Aber man lasse sich nicht blenden. Uud wenn ein Kindeswort auch noch so gelungen ist, nehme man es doch nicht scherzhaft, lasse ja nicht merken, daß man es spaßig findet, lache nicht vergnügt über das muntere oder gescheite Kind, sondern weise es zurecht, sobald das Wort unangemessen ist, und strafe sogar, wenn das hartnäckig wiederholt wird — damit das, was noch zientlich unbewußt geschieht, nicht zur Gewohnheit werde, sich nicht zur Unehrerbietigkeit und Unbescheidenheit auslvachse. Dringend nothwendig ist es, darauf zu achten, daß die Kinder Tadel und Strafen mit der gebübrenden Bescheidenheit hinnehmen, also vor allen Dingen ohne Widerrede, ohne Unarten. Selbstverständlich sind Tadel und Strafen von uns nicht int Zorne geübt, sondern wohl erwogen, also gerecht, unanfechtbar, und darum ein

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