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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-09-06 · Heft 36 (6.9.1895) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 36 (6.9.1895)
Date
1895-09-06
Page
Seite 423 (sequence 5)
Language
German
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Wir können uns allerdings dabei nicht des schmerzlichen Gefühls erwehren, daß die häßlichen Angriffe unserer Gegner uns auch auf diesem Gebiete dazu gezwungen haben, das trennende Element in diesen Tagen allgemeiner Festseier besonders zu betonen. Es wird Sie interessiren, daß unter den ersten mit dem eisernen Kreuz Dekorirten sich ein hiesiger jüdischer Kaufmann befand, Namens Bamberg. Als Freiwilliger beim Kaiser Alexander-Regiment dienend, führte er, als in der Schlacht bei Gravelotte am 18. August die Offiziere seiner Kompagnie theils todt, theils verwundet waren, dieselbe gegen den Feind, obwohl er selbst einen Schuß in den Arm erhalten hatte, und begab sich erst dann nach dem Verbandplatz, als ihn ein Stabsoffizier mit dem Bemerken, daß er sich verbluten könnte, dazu aufforderte. Bamberg hatte übrigens schon den Feldzug von 1866 mit Auszeichnung mitgemacht. Berlin, 26. August. L. Marx. * In meiner früheren Heimathstadt Posen wohnen 3 Juden, welche 1870-71 für ihre Tapferkeit mit dem eisernen Kreuz dekorirt wurden. Ihre Namen sind: Stern, Hauptmann der Landwehr, Jaretzki, Restaurateur, Kajet, Gerichtsvollzieher. Ein Vierter, Stabsarzt Michelsen, welcher auch das eiserne Kreuz besaß, ist vor mehreren Jahren gestorben. Berlin, 30. August. Hochachtend R. W. 4 Auch unsere kleine Gemeinde hatte einen verhältnißmäßig nicht geringen Antheil an der blutigen Kriegsthat. Drei hoffnungsvolle junge Männer hatten schon zu Beginn des Krieges ihre Ehrenschuld am Vaterlande mit dem Leben gezahlt. Zwei von ihnen starben den Tod auf dem Schlachtfelde, der dritte, der Unteroffizier Julius Rosenthal, war am 16. August bei Gorze durch den rechten Unterschenkel geschossen worden und gelangte am 30. September in einem Eisenbahnkrankenwagen nach Berlin. Schon unterwegs waren wiederholt starke Blutungen und Eiterungsfieber leingetreten, welche, immer zunehmend, sein Leben bedrohten. Deshalb ward am 1. Oktober die Amputation vollzogen. Doch die sorgsamste Pflege vermochte ihn nicht zu retten, er starb am 8. Oktober 1870 Tags vorher hatte ihn die Kaiserin Augusta besucht und auf seinem Schmerzenslager getröstet. Die Leiche ward mit allen militärischen Ehren beigesetzt. Pinne, im September. Dr. 8. £ Zur Vervollständigung Jbrer Mittheilungen über die Theilnahme jüdischer Soldaten an dem Kriege von 1870 und zur Charakteristik der nichtswürdigen Ausfälle, welche von antisemitischer Seite gegen die jüdischen Soldaten in Baden jüngst gewagt wurden, theile ich Ihnen mit, daß in einer Woche drei badische Soldaten jüdischen Glaubens allein vor Straßburg den Tod für's Vaterland erlitten haben: Hirsch aus Ladenburg, Jacob i aus Leimen und Joseph aus Mannheim. Die Leiche des Letztgenannten wurde im September 1870 nach Mannheim gebracht, woselbst sie mit militärischen Ehren bestattet wurde. Heidelberg, im September. J. S. * Unter höflicher Bezugnahme auf den Leitartikel in Nr. 33 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" sende ich Ihnen beigehend ein Kriegserlebniß aus dem Jahre 1670. Der Kaufmann Adolf Schn ei de mann, von dem in diesem Berichte die Rede ist, ist natürlich Jude. „In der Stadt Pogorzella (Provinz Posen) erhielten zu gleicher Zeit, nämlich am 19. Juli 1870 der Schornsteinfegermeister Otto Petzold und der Kaufmann Adolf Schneidemann Gestellungsordre zu den designirten Truppentheilen, und zwar Ersterer als Unteroffizier und Lazarethgehilfe zum 11. Feldlazareth V. Armee-Korps, Letzterer als ebensolcher zum Linien-Regiment Nr. 59. Ersterer hatte bereits den Feldzug 1866 beim 47. Inf.-Regt, mitgemacht und den Jammer der verwundeten Opfer, sowie die drohenden Kriegsgefahren nur zu gut kennen gelernt. War es daher ein Wunder, daß es ihm schwer wurde, Weib und Kind zurückzulassen und einer unbestimmten Zukunft entgegen zu gehen? Ganz anders ging es seinem Freunde Schneidemann. Er war unverheirathet, hatte nichts zu verlieren und gebehrdete sich so heiter und lustig beim Verlassen seiner Heimath, als ging es einer Welt von Lust und Freude entgegen. Doch welches Bild boten Beide 14 Tage später. Es war der 5. August 1870, der Tag nach der Schlacht bei Weißenburg. Das 11. Feldlazareth des 5. Armee-Korps hatte sich in Altenstadt bei Weißenburg etablirt, um den verwundeten Siegern jchnelle Hilfe zu bringen. Schreiber dieses, der ^azarethgehilfe Petz old, wurde bei dem Wassermühlenbesitzer Zimpelmann einquartiert und hatte ein kleines Zimmer zur Benutzung. Ohne die Annehmlichkeiten des letzteren genießen zu können, ging derselbe an seine Samariterarbeit, welche ihm in einem in der Nähe gelegenen Speicher mit zwei Etagen zugewiesen wurde. Derselbe beherbergte fast durchweg Franzosen und Turkos, welche hier auf Strohlagerstätten und Matratzen verwundet darniederlagen. Kaum hatte ich die Stätte des Jammers übersehen, als mir der Ruf Otto, Otto! aus einer Ecke des Raumes entgegentönte. Betroffen wandte ich mich der Stelle zu, wo der Ruf herkam. War es Täuschung? Doch nein, der Name wurde immer lauter und sehnsüchtiger gerufen. Mit Mühe fand ich einen Weg zwischen den Lagerstätten der verwundeten Feinde, welcher mich dem Rufer näher brachte. Doch welcher ergreifende Anblick bot sich mir hier. Auf einer Krankentrage, das linke Bein in einem Drahtkorb gebettet, mit Blut besudelt und bereits bis zum Tode verschmachtet, lag mein Landsmann Schueidemann, welcher mir flehend die Hände um Hilfe entgegenstreckte. Es war ein trauriges Wiedersehen, welches uns der Himmel bescheert hatte. Als ich meine Rührung etwas niedergekämpft hatte, sorgte ich sofort dafür, daß mein armer Freund erfrischt, gereinigt und in mein Zimmer gebracht wurde, wo einige Stunden später der Stabsarzt Dr. Secki, aus Posen stammend, erschien und die Wunde untersuchte. Leider lieferte die Untersuchung ein sehr betrübliches Resultat. Das verwundete Bein sollte amputirt werden. Ich hatte die traurige Pflicht, meinen Freund darauf vorzubereiten. Anfangs konnte sich derselbe dazu nicht entschließen, und so wurde ein Gppsverband angelegt, welcher sich indessen durch die große Unruhe des Kranken in der Nacht verschob und die Wunde schwer reizte. Die Amputation war nun umsomehr unerläßlich. Doch schon zwei Tage später bekam das Feldlazareth Befehl, sofort gegen Wörth vorzurücken. Ich mußte Abschied nehmen von meinem bedauernswerthen Freunde, welcher ohne die erforderliche Operation im Stiche gelassen werden mußte. Nach ungefähr zwei Wochen erhielt ich eine Feldpost-Karte folgenden Inhalts: „Lieber Bruder, theile Dir mit, daß heut mein Bein amputirt worden ist; ich fühle mich darauf recht wohl, doch wäre es wohl besser gewesen, wenn dies schon in Altenstadt hätte geschehen können. Herzlichen Gruß! Dein treuer Freund Schneidemann." — Nach einiger Zeit erfuhr ich zu meinem größten Bedauern, daß das Bein des Bedauernswerthen brandig und daher später noch eine zweite Operation nothwendig geworden war, der er erlag. Es gab kein Wiedersehen mehr mit dem blühenden Genossen, welcher einige Wochen vorher so zuversichtlich für die Ehre des Vaterlandes seinen Marsch in Feindesland angetreten hatte!" Mit aller Achtung Lissa i. Pr., 24. August. Jsmar Landsberg. Zu den Kriegserinnerungen in Ihrem geschätzten Blatte bin ich in der Lage, Ihnen Folgendes mittheilen zu können: Moses Wolfs, Kanonier vom rheinischen Feldartillerie-Regiment, wurde in der Schlacht bei Wörth, wo er von seiner Geschützmannschaft mit seinem Offizier allein am Leben blieb, an der rechten Hand erheblich verwundet. Er sollte dann nach Berlin ins Lazareth transportirt werden, doch stieg er in Düsseldorf aus, wo er längere Zeit gepflegt wurde, und stellte später das Ansuchen, in seinem Elternhause verweilen zu dürfen, damit er die Feste nach religiöser Vorschrift feiern könne. Zum Andenken brachte er

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