Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228130--52107-3272885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
•>'j. Jahrgang, llr. 35. Lerlin, 30. August 1895. Der Gemeindebote. Weikage zur „Akkgemeinen Zeitung öes ZuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 27. August. Aus Oppeln kommt uns die traurige Kunde, daß dort am 25. d. M. unser verehrter Mitarbeiter, Rabbiner Dr. A. Wiener, im 84. Lebensjahre gestorben ist. Noch vor acht Tagen haben wir ein ausführliches Schreiben des theueren Mannes erhalten, das von voller geistiger Frische zeugte und nur über Augenschwäche klagte. In der vorigen Nr. konnten wir noch eine Erklärung aus seiner Feder bringen, die mit den Worten schloß: „Liebet die Wahrheit, die Treue, liebet den Frieden!" mit Worten, die heute wie ein Testament des edlen Dulders klingen. Mit A. Wiener scheidet einer der gelehrtesten und freisinnigsten aus dem Kreise deutscher Rabbiner. Muthig und fruchtlos, ohne nach rechts oder links zu blicken, ging er feines Weges unbekümmert über alle Angriffe und Leiden. Sein Ziel war die Erhebung und Läuterung des Judenthums. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat er nrit seltener Geisteskraft, mit außerordentlichem Fleiß und mit stupender Gelehrsamkeit dieses Ziel verfolgt. Es war ihm noch beschieden, in seinem 1894 erschienenen Werke: „Die jüdischen Speisegesetze" eine abschließende Studie zu bieten, die für die Behandlung dieses Thema's immer von hoher Bedeutung sein wird. Im Leben war er ein echter Priester nach dem Bilde des Propheten: mild und versöhnlich, wohlthätig und human, für alles Große und Schöne begeistert, für jedes Leid und Weh empfänglich. Seine Gemeinde hing mit inniger Liebe an ihrem Rabbiner; die ganze Stadt achtete und verehrte ihn. Eine Biographie Wieners haben wir zu seinem 81. Geburtstage aus der Feder seines Sohnes, des Herrn Redakteurs I. Wiener (1892. Nr. 5) gebracht. Auf seine litterarische Thätigkeit und sein reformatorisches Wirken gedenken wir noch ausführlich zurückzukommen. Mit tiefer Wehmuth scheiden wir von dem theuren Kämpfer für Recht und Licht, einem von den Letzten und Besten aus jener großen Zeit der Erhebung des jüdischen Geistes in Deutschland. Möge sein Andenken ein gesegnetes bleiben! 22 Berlin, 25. August. Wie wir von zuständiger Seite erfahren, werden die Delegirtender israelitischen Lehrer vereine Deutschlands am 7. und 8. Oktober zur Beschlußfassung über den zu gründenden „Deutsch-israelitischen Lehrerverband" in Berlin zusammentreten. Für diese konstituirende Versammlung gelten folgende Bestimmungen: 1. Diejenigen Vereine, welchen wenigstens 20 staatlich geprüfte Lehrer angehören, sind berechtigt, einen Delegirten zu entsenden. 2. Diejenigen Vereine, welchen mehr als 50 staatlich geprüfte Lehrer angehören, sind berechtigt, zwei Delegirte zu entsenden. 3. Diejenigen Vereine, welche unter ihren Mitgliedern weniger als 20 staatlich geprüfte Lehrer zählen, sind berechtigt, sich mit einander zur Entsendung eines gemeinschaftlichen Vertreters in der Weise zu verbinden, daß die verbundenen Vereine zusammen mindestens 20 staatlich geprüfte Lehrer zu Mitgliedern haben. 4. Die zugelassenen Delegirten erhalten aus der Kasse des Deutsch-Israelitischen Gemeindebunves 25 Mark als Zehrungskoflen und die Erstattung für eine Rückfahrtkarte UI. Klasse von ihrem Wohnort nach Berlin. 5. Der Berathung über die Satzungen des zu begründenden Bundes werden die im Februar 1895 vom D.-J. G.-B. veröffentlichten Leitsätze zu Grunde gelegt. 6. Durch diese Bestimmungen, insbesondere unter 1 und 2, soll der zukünftigen Gestaltung des Bundes nicht präjudizirt werden. 22 Berlin, 27. August. Der Vorstand der jüdischen Reformgemeinde versendet soeben an seine Mitglieder eine Uebersicht des Gemeindehaushalts vom Jahre 1894. Die Einnahmen belaufen sich auf 50,970 Mark, die Ausgaben auf 40,912 Mark. Die Tempelspenden-Kasse hatte Einnahmen 2479 Mark, Ausgaben an Unterstützungen an Arme 647 Mark. Die Stiftung für Wittwen und Waisen von Beamten der jüdischen Reformgemeinde rc. nebst Gedächtnißfonds, hatte Einnahmen 4040 Mark, Ausgaben nur für das Pensionen-Konto 250 Mark. Zugleich mit dieser Uebersicht versendet der Vorstand der Reformgemeinde ein Cirkular an die Mitglieder, in dem er sie auffordert, der Neligionsschule der Gemeinde ihr besonderes Interesse zuzuwenden und ihre Kinder rechtzeitig für den zweijährigen Religionsunterricht anzumelden, da nur nach Absolvirung der vorgeschriebenen Pensen die Kinder zur Konfirmationsfeier zugelassen werden. Das Pensum in den beiden unteren (Mädchen und Knaben) Klassen ist folgendes: Biblische Geschichte von ihrem Beginn bis zum Salomonischen Tempelbau. Die 10 Bundesworte. Die Feste. Ausgewählte Psalmen zum Memoriren; das Pensum in den beiden oberen Klassen: Biblisch-jüdische Geschichte: von der Theilung des Reiches bis zur zweiten Tempelzerstörung. Charakterbilder aus der jüdischen Geschichte. Systematische Religionslehre. Hebräische Leseübungen werden in den Klassen vorgenommen. Möge diese Aufforderung in den betheiligten Kreisen freundliche Aufnahme finden! © Berlin, 27. August. Die städtische Kommission für die Sedanfeier hat beschlossen, alle religiösen Gemeinden, welche über Gebäude mit Thürmen verfügen, Namens der Stadtgemeinde Berlin zu bitten, die letzteren am 2. September mit Flaggenschmuck zu versehen. Die betreffenden Aufforderungen ergehen an die evangelischen und katholischen Gemeinden und wegen der mit ansehnlichen Thürmen geschmückten Synagoge in der Oranienburgerstraße auch an den Vorstand der jüdischen Gemeinde. nik. Berlin, 25. August. Ein Stückchen Orient wird die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896 ihren Besuchern bieten. 10,000 Palmen sind in Alexandria für die auf der Ausstellung projektirte Straße von Kairo bestellt. Dazu kommt gutem Vernehmen nach als eigene Abtheilung der ca. 20,000 Quadratmeter umfassenden Kolonial-Ausstellung ein Dorf aus Palästina, in welchem der Besucher das Leben und Treiben der dortigen Kolonisten studieren kann. Die Seidenspinnerei, welche mit Unterstützung des Barons C. von Rothschild in den vor einem Jahrzehnt begründeten Ackerbaukolonien in der Nähe von Jaffa eingeführt ist, wird zur genauen Anschauung gebracht werden. Im Mittelalter war die Baumwollenweberei Palästina's berühmt, da der Maulbeerbaum dort, namentlich in der Nähe des Libanon gut gedeiht gelingt es hoffentlich, auch die Seidenspinnerei für das industriearme Palästina weiter zu entwickeln. Noch ist das „gelobte Land" das Land, wo „Milch und Honig fließt", es fehlte bisher nur an geeigneten Arbeitskräften. Die jüdischen Kolonien entwickeln sich vorzüglich, und das Vorurtheil, daß die Juden keine Ackerbauer seien, wird, falls diese kleine Palästina-Ausstellung, für die bereits ein Garantiefonds von 12,000 Mark gesammelt ist, zu Stande kommt, gründlich zerstört werden. In dem palästinensischen Dorf wird es auch einen guten Tropfen Zionswein zu trinken geben, auch palästinensischer Cognac soll ausgeschänkt werden. Hierbei muß betont werden, daß es schwäbische Kolonisten waren, welche zuerst in Hebron, Sarona rc. die guten Palästinaweine kelterten. Am meisten haben bisher die Engländer für Palästina gethan, die 1865 in London den kalestine Exploration Fund begründeten. Seit 1877 besteht die „Deutsche Gesellschaft zur Erforschung Palästinas". Die geplante Palästina-Ausstellung wird vielseitiges Interesse erregen. S2 Berlin, 26. August. Der Vorstand des Religionsvereins Westen hat sich infolge der großen Zunahme seiner Mitgliederzahl genöthigt gesehen, an Stelle des erst im vorigen Jahre errichteten kleinen Betsaales in der Tauenzienstraße eine große, ca. 700 Personen fassende Synagoge auf dem Grundstück Passauerstraße 2 erbauen zu lassen. Dieselbe, nach den Plänen des Baumeisters Füchte in einer der bevorzugten Lage des Stadttheiles entsprechenden Weise hergestellt, wird bereits zu den bevorstehenden Feiertagen der Benutzung übergeben und dadurch einem großen Bedürfnisse der jüdischen Bewohner des Westens abhelfen. A Berlin, 27. August. Am heutigen Tage feierte der zweite ' Kantor der Synagoge an der Potsdamer Brücke, Herr Salomon