Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- Seite 418 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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418 Bei Festlichkeiten, namentlich bei Hochzeiten von Jungfrauen, wurden geröstete Aehren zum Nachtisch anfgctragen; von diesen nahm man an, sie erquicken das Herz und scheuchen die Sorge. Auch zum Wein reichte man geröstete Aehren mit Honig dnrchrührt und mehr getrocknet als gebacken, ebenso Brodkrumen mit Mandeln, Zucker und verschiedenen Gewürzen. 13. Als Zukost zum Brode wurde namentlich in den ärmeren Schlichten der Bevölkerung wohl auch zur Mahlzeit als Ersatz siir Fleisch' ein Brei, bald dünner, bald dicker, angerührt, nns gemahlenen und zerstoßenen Hülsensrüchten oder aus Getreidemehl bereitet, indem man entweder das kochende Wasser auf das Mehl goß oder das Mehl in das kochende Wasser schüttete. Solch' eingerührter Brei wurde auch mit Oel genossen. Bekannt war der babylonische Brei, der aus alten Brodstücken, Molke, Salz und Pfeffer bereitet wurde. Ein schmackhafter Brei wurde auch aus Mehl, Brodkrumen, Honig und Oel, zuweilen auch mit Eiern und Pfeffer, Essig und Milchrahm bereitet. — Solche Breispeisen wurden auch auf offenem Markte feilgebote». — Ein leichter Brei ans Graupen und Brodkrumen tvurde der Verdaulichkeit wegen Kranken gern gereicht. e- --__j_, miinmnwiuci: MlMMM g» SiiitllfiiilM .. lllKUlUniM IMWM M 1 •* I FEUILLETON 1 1 M LtmiwriLLHn. ImllaUIW!. ■nmiiwmmnigg? llMMMillW Ern Büßender. Erzählung von Henriette Preuß. t^^ch befand mich auf der Reise »ach einem Tropenlande Snd- TjO amerikas und mnßte, um das Eintreffen eines Dampfers ab- O® zuwarte», auf einer lvestindischen Insel, die den Holländern gehört, Aufenthalt nehmen. Das Gasthaus, in dem ich wohnte, lag am Strande, und in einer Fensternische sitzend, konnte ich bequem das Leben und Treiben daselbst, das besonders in den Morgenstunde» äußerst rege ist, — während der späteren Tageszeit läßt die übergroße Hitze jeden Verkehr stocke»,—beobachte». Europäer, hier ansässige Kauflente, i» hellen, dem Klima angemessenen Anzügen, gingen, lebhafte Gespräche führend nnd Geschäfte abschließend, auf und nieder. Farbige, muskulös gebaute Lastträger schleppten oder hollen Ballen nnd Kisten zu und von de» vor Anker liegenden Schiffen. Negerinnen in grellfarbigen, lang nachschleppenden Kattunkleidern, knrztaillig geschürzt, eilten vorüber, um Einkünfe für ihre Herrschaft oder sich selbst zu machen. Sie bedienten sich dazu eines Holztablets, das sie in geschickter Weise auf dem Kopfe trugen, der mit einem bunten Tuch turbanähnlich umwunden war. Hier nnd da eine Mulattin, die auf zierlichen Holztellern Süßigkeiten nnd Früchte feilbot, nicht ohne dabei die Vorübergehenden durch herausfordernde Blicke zum Kanse ei»; znladen. Tann nnd wann durchschritt eine nach europäischer Sitte gekleidete Dame die Menge; stets i» Begleitung eines Herrn oder von einer farbigen Dienerin gefolgt. Inmitten dieser verschiedenen Personen bemerkte ich plötzlich einen alten Mann, deffen Aenßeres sofort den Inden erkennen ließ. Unter dem linken Arm ein Buch, bahnte er sich, ohne um sich zu schauen, seinen Weg durch die Hinnnd Hergehenden. Die meisten der ihm Begegnenden weichen ihm aus nnd machten ihm fast ehrerbietig Platz; Jene, die es nicht thaten, drängte er mit einer kurzen Armbewegung zur Seite, ohne aber dabei den Blick nach ihnen zu wenden. Ich dachte mir wohl, daß es mit diesem Alten etwas Besonderes sein iniisse. Am nächsten Morgen wollte ich eine deutsche Dame, der ich Grüße ans der Heimath zu übermitteln hatte, besuche». Der Wagen, der mich hinführte, tvurde von einem Neger gelenkt, welcher es für seine Pflicht zu halten schien, mich auf astes Sehcnswürdige aufmerksam zu machen. Wir passirten einen ziemlich großen Theil der Insel, die sich gürtelförmig hinzieht, fuhren sauber gehaltene Wege entlang, doch auch solche, die es nicht waren. Vorbei an wohlgepflegten Gärten nnd schön gebaute» Villen, deren Reihen aber immer wieder unterbrochen wurden von ärmlich und sehr primitiv anssehenden, ebenerdigen Häusern. In einer breiten Straße erregte ein prächtiges, mit Kuppeln gekröntes Gebäude meine Aufmerksamkeit — die Synagoge. Als wir uns derselben näherten, erblickte ich auf der breiten Steintreppe, die zur Vorhalle führte, jenen alten Juden, der mir gestern am Strande anfgefallen war. Den Gebctmantel um die Schultern gelegt, in der Hand ein Buch haltend, schien er Gebete herzusagen und zwar so eifrig, daß selbst das Geräusch des vorbeirollende» Wagens ihn nicht abznlenken im Stande war; so scharf ich nach ihm hinsah, er schaute nicht auf. Als wir elwas weiter gefahren waren, drehte sich mein Kutscher um und meinte in mitleidigem Ton: „Poor old man,“ wobei er mit dem Peitschenstiel nach der Stirn deutete, um mir zu erkennen zu geben, warum er den Alten bedauere. Nachdem ich mich bei der Dame, der mein Besuch galt, meines Auftrages entledigt hatte, nnd die übliche» Frage» und Gegenfragen über das Befinden nnd dergl. ausgetanscht waren, brachte ich das Gespräch auf den alten Inden, in der Ueberzengung, daß meine wach gewordene Nerigierde hier befriedigt werden würde. Ich hatte mich nicht getäuscht, „Haben Sie den alten S. schon gesehen?" „Ja, was ist's mit ihm?" „Wollen Sie seine Geschichte hören?" Ich bejahte. „S., ein Holländer bon Geburt, wunderte als junger Mann ans der Insel ein und machte sich hier seßhaft, indem er ein Geschäft gründete. Da er darin Erfolg hatte, verheirathete er sich, und im Laufe der Jahre gebar ihm seine Frau drei Kinder, zwei Mädchen nnd eine» Knaben. Das Familienleben des S. war ein überaus glückliches; leider sollte es bald gestört werden. Wie oft in diesen Ländern, brach plötzlich eine Epidemie aus, die ihm die Frau und das älteste der Mädchen hiuraffte. Der Alte litt schwer unter diesem Schlage. Er vernachlässigte sein Geschäft, das imnier mehr znrückging, und lebte nur ganz seinen Kindern und deren Erziehung. — Als der Sohn herangewachsen war, schickte er ihn »ach dem Norden, damit er sich in der Welt nmsühe nnd fremde Menschen, fremde Sitten kennen lernen solle. Der junge S. arbeitete hier und dort und ließ sich zuletzt in B., eurer größer» nordamerikanischen Stadt, nieder. Eines Tages erhielt der Alte einen Brief, in welchem sein Sohn ihm mitlheilte, daß er sich verhcirathet habe. Gleichzeitig bat er den Vater flehentlich, ihm nicht zu zürnen, daß seine Frau, mit der er sich aus reiner Neigung verbunden habe — eine Andersgläubige sei. Er selbst — so schrieb er weiter — wäre Jude geblieben. Der Alte war tief bekümmert, jedoch tröstete er sich damit, daß sein Sohn dem Glaliben der Väter treu geblieben sei. Indessen gelangte durch reisende Kauflente die Kunde von des jungen S. Bekehrung hierher; er ivar Katholik geworden. Gerücht-