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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-30 · Heft 35 (30.8.1895) · p. Seite 416

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
Seite 416 (sequence 10)
Language
German
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416 sitzen bleiben. Inzwischen ist aber der Knabe oder das Mädchen ein Jahr älter geworden, und was damals viel leichter verschmerzt worden wäre, scheint jetzt eine unerträgliche Schmach, die oft zu bedauerlichen Schritten geführt hat. Airdererseits hat ein einmaliges Sitzenbleiben bei Manchem schon so gewirkt, daß er fortan ein guter Schüler wurde, der nie mehr sitzen geblieben ist. Oft bleibt ein Kind auch sitzen, obgleich es nicht gerade faul war. Das ist ein Zeichen, das; es schwer oder wenigstens langsam begreift. Da wäre es erst recht verkehrt von den Eltern, sich das Sitzenbleiben zn Herzen zu nehmen oder gar den Kindern durch Vorwürfe schwere Stunden zu bereiten. Denn wenn cs schon das in dieser Klasse Verlangte nicht zu bewältigen verinochte: müßte cs nicht gänzlich unterliegen, wenn es in die nächsthöhere Klasse mit ihren höheren Anforderungen hinüberkäme? Ist es darum nicht besser, das Kind macht die Klasse noch einmal durch und erreicht mm behaglich das Klassenziel? Weg darum mit dem falschen Ehrgeiz bei Eltern, wie bei Schülern! Wie manches Unheil würde vermieden, wenn die Eltern in Ruhr und Bescheidenheit die Fähigkeiten ihrer Kinder in Erwägung ziehen wollten, statt mit den Kindern zu hadern, oder gar mit der Schule und den Lehrer»! Und noch etwas, das gleichfalls auf die Bescheidenheit hinausläuft! Wer in einem ehrenvollen Stande sein Brod findet, der überlege es sich tausendmal, ob dieser Stand nicht auch für seinen Sohn paßt. Würde es der Vater nicht gewaltig übelnehmen, wenn man von seinem Stand und Beruf schlecht reden wollte? — Und dennoch ist er so schlecht, daß der Sohn ihn nicht ergreifen soll? Und dabei denke man an die unzähligen kleinen Handgriffe und Erfahrungen, die der Vater in langer Uebung sich angeeignet, und die der Sohn spielend und mühelos ablauschen und erweitern und vervollständigen kann, um noch geschickter als sein Vater zn werden! ES ist oftmals recht bedenklich, den Sohn in einen ganz andern Berns zu weisen — es sei denn, daß zwingende Umstände zu berücksichtigen sind. Darum ettvas weniger Ehrgeiz, etwas iveuiger Sucht nach Höherem, aber Unsicherem, und etwas mehr Ueberleguug, mehr Bescheidenheit! Besitzt der Vater diese, so wird er oft genug gar nicht im Zweifel sein könne», welche Schule er zn wühlen hat. Alles in Allem also: Für wessen Verhältnisse und Fähigkeiten die Volksschule oder Bürgerschule ansreicht, der gehe nicht in die Realschule; wem aber diese ausreicht, derbleibe vom Realghinnasium oder Gyinuasiuni fort; den» Eines schickt sich nicht für Alle; und eine höhere Schule kann ja immer noch bezogen werde». Handelt es sich aber um den Uebergnng von einer Anstalt zur andern, so ziehe mau einen erfahrenen und wohlwollenden Lehrer, zu dem man Vertrauen hat, hinzu und berathe sich mit ihm offen und ehrlich, ohne Hintergedanken, ohne irgend etwas zn verschweigen, denn nur so kann ein rechter Rath gegeben iverden. (Schluß folgt.) Geselligkeit und Geselligkeitsfreuden in Bidet und Talmud. Bon Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Berlin. 8 5. Essen und Trinken. 1. Die Art der Ernährung ist ein Produkt des Kulturzustandes. Je näher ein Volk dem Naturzustände geblieben, desto einfacher wird eine Lebens- und Ernährungsweise sein; — Naturvölker lieben einfache Verhältnisse, ihre Küche ist so einfach wie ihre Musik. Mit der Kultur aber kommt das Bedürfniß, zusammengesetzte Verhältnisse zu erfassen, die Harmonie zu entwickeln, das bunte Bild des Lebens, wie in Tönen und Farben auch im Mahle abzuspiegeln. Daher erscheint in der heiligen Schrift die Pflanzenkost als die natürlichere und einfachere auch als ursprüngliche, während die Fleischkost erst bei den Kulturgeschlechtern nach der Sündfluth erwähnt wird (vgl. Gen. 1, 29 und 9, 5; s. Raschi z. St.) Auch die Lebensweise und Ernährung der Hebräer war, wie bereits erwähnt, in der ältesten Zeit einfach; erst der regere Verkehr, der sich in der Zeit der Köuigsherrschaft entwickelte, der Luxus, den die Monarchie förderte, zumal das Vordringen der griechischen und römischen Kultur schufen allmählich diesbezüglichen Wandel: wohl erscheinen auch in dem Talmud, wie in der biblischen Zeit, Brod, Fleisch und Getränke als Nahrungsmittel schlechthin; allein es lvurden bereits Nahrungsmittel, die der eigentlichen Ernährung und Sättigung von solchen, die bloßem Genüsse dienen, unterschieden — der Geschmack ist bereits stärker entwickelt, über das Esten sind verschiedene Ansichten vorhanden. 2. Zu den eigentlichen Nahrungsmitteln gehört in erster Reihe das Brod. Es ist die Stütze des Herzens, seiner kann Keiner entbehren; daher einzelne Lehrer trotz der völligen Abschließung von der Außenwelt, die im talmudischen Zeitalter sich allmählich vollzog, auch das von Heiden bereitete und feilgebotene Brod gestatteten. Brod ist die rechte Gottcsgabe, daher es nicht verächtlich behandelt werden darf, — selbst Kleie und Brosamen sollen sorgfältig aufgelesen werden. Als Brodgetreide galten Weizen und Gerste, auch Kussemet; Roggen und Hafer kennt die Schrift nicht, wohl aber der Talmud. Auch aus Reis, Bohnen, Linsen und Hirse wurde Brod bereitet. Das Getreide wurde vor dem Mahlen angefeuchtet, damit es besseres Mehl gebe. Sorgfältig behandeltes Getreide liefert Kraftmehl. Im Gegensatz zu dem frischen, feinen Weizenbrod ist das Brod der Armen, das hart und schimmlig ist. Ersteres wird leichter verdaut. Aus Gerstenmehl wurden kleine Brödchen gebacken, die, in Milch getaucht, als Mittel gegen Herzklopfen galten. Von Alters her galt in Israel, im Gegensatz zu der in Rom herrschenden Anschauung, das Brodbacken auch für Frauen der vornehmeren Kreise als ehrenvolleBeschäftigung;allein schon im prophetischen Zeitalter wird einer Bäckerstraße in Jerusalem Erwähnung gethan. Die Form des Brodes war zumeist rund, häufig länglich und schmal, stets aber dünn, daher cs gebrochen und nicht geschnitten wurde. Gebacken wurde im Ofen, auch auf heißen Steinen und glühenden Kohlen. — Feines Brod wurde auch aus einem dünn angerichteten, gekochten Brei, nach Art des indischen Brodes mit Oel und Eiern bestrichen, bereitet. Brodkrumen und zerhackte Kräuter lieferten eine Brodspeise, die als Zukost beliebt war. Die besitzenden Klassen aßen nie trockenes Brod ohne irgendwelche Zukost. Den Armen war man wohl verpflichtet, Brod zu reichen, nicht aber Zukost zu demselben. Als starke Blödester waren die Babylonier bekannt. Nach dem Genüsse von Brod soll man, um es leichter zu verdauen, wenigstens 4 Ellen weit gehen. 3. Den Hauptbestandtheil der Mahlzeit bildete das Fleisch, selbstverständlich der in der Schrift als zum Genüsse erlaubten Thiere (Lev. 11, 1—31; Deuter. 14, 1—19), desteu Nährgehalt nach dem Talmud größer als die des Eies ist. Geflügel wurde dem Rindfleisch vorgezogen: neben Huhn, Ente und Gans werden auch Wachteln und Fasanen erwähnt. Besonders geschätzt war das Fleisch des gemästeten Geflügels und Viehes, namentlich das des Kalbes und

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