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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-30 · Heft 35 (30.8.1895) · p. Seite 415

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
Seite 415 (sequence 9)
Language
German
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415 Unsere Zeit scheint ganz besonders zur Unbescheidenheit geneigt, weil sie so wenig genügsam ist; denn je genügsamer und leichter z» befriedigen Einer ist, um so weniger Gelegenheit hat er zur Unbescheidenheit. Aber gleichwie wir zur Geduld und Genügsamkeit schon von früher Kindheit an erzogen werden müssen, so auch zur Bescheidenheit. Vor allen Dingen müsse» freilich die Eltern selbst bescheiden sein. Da geht das Kind zur Schule. „Es soll alles lernen, was ich nicht gelernt habe!" sagt mancher Vater, manche Mutter. Wie gedankenlos! Was der gelehrteste Vater, die gebildetste Mutter gelernt haben, ist im Verhältniß zu dem, was sie nicht gelernt, ein Nichts; sollte also ein Kind alles lerne», was der Vater oder die Mutter nicht gelernt haben, so würde sein ganzes Leben dazu nicht ausreichen. Bei Anderen heißt es: „Mein Kind muß mehr lernen, als ich gelernt habe." Das kann man nur dann gelten lassen, wenn es bedeuten soll: „Zu meiner Zeit brauchte man nicht so viel zu lernen, um in der Welt fortzukommen oder als gebildet zu gelten; heutzutage ist das anders geworden, da muß man schon mehr wissen: also muß mein Kind mehr lernen." Gut, jede Zeit stellt gewisse Forderungen an den Einzelnen: die eine geringere, die andere höhere — der Verständige, der auf der Höhe der Zeit stehen will, tvird sich dementsprechend bemühen müssen, wenn er nicht Zurückbleiben nnd unter Umständen gar Schaden nehmen will. So verstanden, enthalten die oben erwähnten Worte keine Ueberhebung, keine Unbescheidenheit. Aber nun beginnt auch erst die Schwierigkeit. Welche Dnrchschnittsforderungen stellt den» mm unsere Zeit an das Wissen nnd Können des Einzelnen, und wo kann dieser sich diese nothwendigen Kenntnisse nnd Fähigkeiten am sichersten erwerben? Es ist ja natürlich, daß Jeder glaubt, seine Kinder seien zu den höchsten Dingen berufen. Hier zur Bescheidenheit zu mahnen würde ganz vergebens sein. Und thatsächlich sind ja doch schon aus den bescheidensten Verhältnissen die bedeutendsten Männer hervorgegangen. Trägt ja doch jeder Soldat, wie man sagt, den Marschallstab im Tornister. Aber jeder Soldat weiß auch, daß nur sehr wenige Auserwählte es wirklich bis zum Marschall bringe». Dazu gehören eben ungewöhnliche Fähigkeiten des Körpers und des Geistes, sowie ganz besondere Glücksnmstände. Wenn also die Eltern mit ihre» Kindern hoch hinanswollen — wohl! Aber sie sollen vor allen Dinge» die körperliche Beschaffenheit ihrer Kinder, deren geistige Fähigkeiten, und nicht zuletzt auch die Verhältnisse berücksichtigen, in denen sie leben — erst dann mögen sie entscheiden, in welche Schule sie sie schicken wollen. Sind die Verhältnisse beschränkt, nnd werden sie es voraussichtlich auch in absehbarer Zukunft bleiben, so ist den Eltern besondere Vorsicht anzurathen. Soll nämlich das Kind etwas Rechtes lerne», so gehört ihm von Anfang an eine Stelle, wo es in Ruhe arbeiten kann; ein sauberer Tisch, auf dem es seine Bücher und Hefte ausbreiten darf; ein Platz, wo es seine Sachen so aufheben kann, das; sie sauber und ordentlich bleiben nnd jederzeit zu finden sind; sein Schulbedarf muß gut nnd brauchbar sein; seine Kleidung, seine körperliche iliid geistige Pflege bedürfen der sorgfältigsten Ueberwachnng, erfordern also Zeit, Mühe und Geduld; das theure Schulgeld ist auch iricht zu vergesse» — kurz, die Eltern müssen in aller Ehrlichkeit gegen sich selbst, d. h. in Bescheidenheit prüfen, ob ihre Verhältnisse es ihnen gestatten, dem Kinde alles dieses zu bieten. Wenn nicht, dann sollen sie es in eine billigere Schule schicken. Damit null ich nun keineslvegs ausgesprochen haben, daß Personen ans ärmeren Klassen das Streben nach besseren Lebensstellungen aufgeben sollen. Kinder, die es trotz aller beengenden Verhältnisse zu tüchtigen Leistungen in der Schule bringe», haben ihre Berechtigung zum Besuche einer höheren, also theureren Schul« bewiesen, und für diese, aber auch nur für diese, mag der Vater immerhin sich den letzten Groschen absparen, denn aus ihnen werden gewöhnlich tüchtige Leute. Uebrigens ist für unbemittelte, aber begabte Schüler an jeder höheren Schule Hilfe zu finden. Aber diese Hilfe muß in der angedcuteten Weise verdient sein; wollten die Eltern diese von vornherein in Anspruch nehmen, aus dem einzigen Grunde, weil ihnen die Schule für ihre Verhältnisse zu theuer ist, so wäre das eine Unbescheidenheit, die gebührend zurückzuweisen wäre. Aber auch da, wo die Verhältnisse mehr Freiheit gestatten, prüfe man vor allen Dingen die körperlichen und geistigen Fähigkeiten des Kindes und lasse sich bei der Wahl einer Schule nicht blos von seinem Ehrgeiz oder seinem Vorurtheil leiten. Wessen körperliche Beschaffenheit eine lange oder gar anstrengende Schullhütigkeit nicht aushalteu kann, muß sich mit Wenigerem begnügen; wessen Geist der Aufnahme von Wissen dauernde oder gar unüberwindliche Schlvicrigkeiten entgegenstellt, der muß sich gleichfalls bescheiden. Für Beide lassen sich noch genug Berufsarten finden, in denen sie an ihrem rechten Platze sind und mit Fleiß und gutem Willen zu einer geachteten Lebensstellung kommen können. Bringt man sie aber in eine ihrer Leistungsfähigkeit nicht entsprechende Schule, so wird diese ihnen nnd sie der Schule zur Last — nnd die Elter» kommen aus den Verdrießlichkeiten nicht heraus. Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste. Aber wer einmal eine höhere Schule besucht hat, auch wenn er noch so wenig darin gelernt hat, bildet sich etwas darauf ein, sieht auf Andere, die sie nicht besucht habe», stolz herab, wird leicht unbescheiden und hält sich zu vornehin für die Arbeit. So geht manche gute Kraft für redliche Arbeit verloren nnd wird den Unzufriedenen in die Arme getrieben. Denn wenn Eltern ihren Kindern eine Erziehung geben, die eigentlich über ihre Verhältnisse nnd Bedürfnisse hinausgeht, wenn sie für Ansprüche erzogen werden, die nicht im Einklang stehen mit ihren Mitteln, so ist die Unzufriedenheit mit allen daraus entspringenden Uebeln die unausbleibliche Folge. Andrerseits kann man oft die Erfahrung machen, daß Leute, die wegen mangelnder körperlicher oder geistiger Fähigkeiten in ihrer Jugend tvenig gelernt haben, dies später durch besondere Tüchtigkeit in ihrem Berufe anszngleichen suchen. Der Uebelstand, daß heutzutage mehr Leute höhere Schulen besucht oder gar studirt haben, als verwendet werden können, hatte nicht den bedenklichen Umfang erreicht, wenn die Eltern mehr der Vernunft und weniger ihrem Ehrgeiz nachgegeben hätten, also bescheidener gewesen wären. Wie viele erfahren nun bittere Enttäuschungen — aber die Einsicht kommt dann meist zu spät. So sehen wir, wie Eltern schon bei der Wahl einer Schule für ihre Kinder Bescheidenheit zeigen und nicht glairben dürfen, vor allen Dingen müsse ihr Kind in die höchste und theuerste Schule kommen. Stellt sich die Möglichkeit rmd Zweckmäßigkeit einer höheren Schnle heraus, so kann das Kind immer noch in diese gebracht werden. Wie bei der Wahl der Schule, so werden die Eltern oftmals in Betreff der Versetzung ihrer Kinder aus einer Klasse in die andere von falschem Ehrgeiz geleitet. Es ist oft geradezu ein Segen, wenn ein Kind „sitzen bleibt". Denn warum bleibt es sitzen? Weil seine Leistungen nicht ausreichend sind, d. h. weil es nicht soviel gelernt hat, als es lernen konnte und sollte. Würde es nun dennoch, obgleich schwach, vielleicht als Letzter (oder Letzte) — womit ja viele Eltern schon zufrieden sind — in die höhere Klasse versetzt, so würde es in dieser noch viel weniger fortkommen nnd das nächste Mal sicherlich

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