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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-30 · Heft 35 (30.8.1895) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
Seite 414 (sequence 8)
Language
German
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414 gläubige herzlich beimlUoitumtet hat, ihre jüdische Abstammung in Vergessenheit zn bringe» versucht habe». Der obligatorische jüdische Religionsunterricht wird die heilsame Wirkung ausüben, dnst die staatlichen Aufsichisbehörden diesen von Zeit zu Zeit iuspiziren lassen und sich überzeuge», dast Alles, was in antisemitischen Schmähschriften über die jüdische Religiouslehre gesagt ist, nichts als Lügen und Berleumduiigen sind, das; vielmehr die jüdische Religiouslehre nur die reinsten, erhabenste» Sittenlehre» enthält. Für uns jüdische Religionslehrer aber würde sich ohne Zweifel der Modus nnsercr Anstellung ändern müsse». Vor Kurzem sind die jüdischen Lehrer in Hessen-Nassau hier mit dem Beispiel vorangegangen. Sie haben in einer Eingabe an die Regierung diese darum ersucht, die Religionslehrer den Elenientarlehrern gleich definitiv anznstellen und den Gemeinden das Kündignngsrecht zn entziehe». Die königliche Regierung hat, in richtiger Erkenntniß der Sachlage, wohlwollende Erwägung zngesagt. Wen» es nun auch, besonders in Altprenßen, nicht wahrscheinlich ist, das; wir in baldiger Zeit die definitive Anstellung der Religionslehrer erzielen, so muß sich doch durch gcmeinsaines Vorgehen erreichen lasse», daß das Kündignngsrecht der Gemeinden beschränkt wird, besonders daß jede Kündigung der Regierung gegenüber begründet und von dieser genehmigt werden muß. Auch noch ein in den jüdischen Gemeinden tief eingewurzeltes Nebel würde ans diese Weise wohl für immer beseitigt werden. Die kleine» Gemeinden, besonders im Osten Deutschlands, lieben es/ Heine noch »vie vor hundert Jahre», bei einer etwaigen Vakanz lediglich darauf zn sehen, daß der Anzustellende im Besitz einer guten Stinnne ist, und auch als Schächter die nöthige Autorisation besitzt; daß tuie so tüchtige Persönlichkeit nun auch eine tüchtige Lehrkraft ist, erscheint den Herren Gemeindevorstehern selbstverständlich. So kommt cs, daß zur Zeit noch in vielen Gemeinden der Re-i ligionsnnterricht von solchen Elementen ertheilt wird, die nicht nur keine pädagogische Bildung ansznweisen haben, sondern denen überhaupt jede allgemeine Bildung fehlt. Wer von uns hat nicht schon solche Herren kennen gelernt — seminaristisch nichtgebildete Lehrer pflegen sie sich mit besonderer Vorliebe zn nennen —, die im vorgerückten Lebensalter in irgend einem »liberal Berufe Schifsbrnch erlitten, und nun, nachdem sie plötzlich ein Knltnsbeamtentalent in sich' entdeckt, als Kantor, Schächter und Lehrer Anstellung finden, und dann natürlich, da sie, aller modernen Bildung bar, mit deni Dativ und Accnsativ ans dem Kriegsfüße stehend, den jüdischen Religionsunterricht zum Gespötte der Jngen.d machen? Wer von uns weiß es nicht, daß so Vieles, worunter die heutigen jüdischen Religionslehrer zn leiden haben, durch jene „Anch-Lchrer" verschuldet ist? Hier liegt ein sehr großer Mißstand vor, dessen Beseitigung int Interesse des Jndenthnms und im Interesse niiseres Standes, ja im Interesse jener Elemente selbst mit allen denkbaren Mitteln erstrebt werden muß. Eine besondere Anfnierksanikcit muß nnser 311 gründender Verband auch den materiellen Interessen des jüdischen Lehrerstandes zuwende». Selbst lvenn wir das zweifellos wichtigste Ziel, definitive Anstellung, erreichen, lvird für die materielle Lage unseres Standes noch viel zu thun übrig bleiben. Haben doch auch die verschiedenen Provinziallehrervereine sich genöthigt gesehen, durch Unterstütznngskassen (die Pestalozzivereine) in Roth und Armuth gerathenen Lehrern oder deren Hinlerbliebcnen, für welche meistens die staatlich gewährte Pension bei Weitem nicht ansreicht, einen privaten Zuschuß zn gewähren. Eine solche allgemeine Unterflützniigskasse für jüdische Lehrer und deren Hinterbliebene» existirt ja bereits seit etwa 30 Jahren in der Achawa mit dem Sitz in Frankfurt a. M. Wir haben alle Achtung vor dieser Schöpfung unseres verewigten Kollegen Klingensteiu, die bereits einen bedeutenden Fonds anfweist und manche Thräne armer Lehrerwittwen und Lehrerwaisen getrocknet hat. Alle Achtung auch vor jenen Männern in Frankfurt, die mit der größten Hingebung und Aufopferung dieses Werk haben fördern helfen. Wir jüdische Lehrer aber müssen beschämt und reuig eingestehen, daß wir für diese großartig angelegte Schöpfung so gut wie gar nichts gcthan haben. Ein Blick ans die Spendenlisten und Jahresbeiträge der Achawa zeigt uns eine überaus große Hochherzigkeit der jüdischen Gemeinde Frankfurt und einiger anderen Gemeinden Süddentschlands; im ganze» Norden und Osten Deutschlands scheint man jedoch für die Bestrebungen der Achawa kein Verständniß zn haben. Nach meinem Dafürhalten müßte unser Verband die Achawa als Verbandsunterstützungskasse erklären und in Wort und Schrift besonders in Norddentschland eine rege Agitation für ihre Zwecke entfalten. Sollte es uns gelingen, die großen Gemeinden Norddeutschlands, tvie Berlin, Hamburg, Posen, Breslau rc., für die edlen Bestrebnngen der Achawa zu gewinnen und ihnen ein Verständniß für ihre Ehrenpflicht dem jüdischen Lehrerstande gegenliber beiznbringen, so ist nicht zn zweifeln, daß in nicht ferner Zeit die Achawa allen Anfordernnge», die an sie herantreten, gerecht werden kann. Eine weitere Aufgabe unseres Verbandes wäre es, den Seminarien gegenüber »nsere Wünsche in Bezug ans Lehrerbildung zn präzisiren; ich will mich kurz fassen, für den schweren Kampf ums Dasein, den wir Alle zu bestehen haben, ist eine gediegenere und umfassendere musikalische und fremdsprachliche Bildung durchaus wünschenswerth und erforderlich. Um nn» unsere Wünsche nicht im stillen Kämmerlein »»gehört verhallen zu lassen, sondern sie immer wieder bis zu ihrer Erfüllung vor der Oeffenllichkeit zu erörtern, das Ange der Behörden und die Anfmerksamkeit der Gemeinden auf die schreienden Mißstünde und die unhaltbaren Verhältnisse innerhalb der jüdische» Lehrerschaft hinzulenken, ist es erforderlich, daß »vir ein Organ besitzen, das unsere Interessen rückhaltlos vertritt. Der Verband der jüdischen Lehrervereine muß seine eigene Presse haben. Ich will die Frage unentschieden lassen, ob es richtiger ist, eine neue Zeitung zur Vertretung der Interessen des jüdischen Lehrerstandes ins Leben zu rufe», oder ob wir mit einem der bestehenden jüdischen Blätter in Verbindung treten, dasselbe unter gewissen näher festzusetzende» Bedingungen zu unserem Organ erkläre» und nun für dessen Verbreitung mit alle» Kräften eintreten. Aber für einen dieser beiden Wege müssen wir uns entscheiden; mir durch permanentes öffentliches Eintreten für nnser Recht kann Besserung herbeigeführt werden. Darum werden wir nicht bei dem Einignngswerke, das für sämmtliche jüdischen Lehrervereine Deutschlands geplant ist, bei Seite stehen; ich hoffe, »vir »verden Alle mit Begeisterung und Einstimmigkeit dem zn gründenden Verbände beitreten, und hoffen »vir Alle auf die Bewahrheitung des alten Ausspruchs: Durch Einigkeit zum Sieg! Pädagogische Plaudereien. Von Dr. B. Kuttner in Frankfurt a. M. Die «escyeloenyelr. ^^ach einem bekannten Sprichtvort ist die Bescheidenheit eine \L, Zier. Und in der That: »vo giebt es einen Menschen, der anderer Meinung »väre! Schon von so früher Jugend an hören »vir, daß »vir bescheiden sein sollen, daß »vir es ganz selbstverständlich finden, die Bescheidenheit für eine Tugend zu halten. Aber auch sie zn üben? —

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