Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1895)
- Date
- 1895-08-30
- Page
- Seite 412 (sequence 6)
- Language
- German
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4l2 Eine Heiligthumsschändung. „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern," so lautete der Schlachtruf der deutschen Nation, mit dem sie in den heiligen Kampf des Jahres 1870 zog, der ihr unter nichtigem Vorwand muth- und böswillig aufgezwungen worden, und welcher sie ebenso und wohl noch mehr als „die Wacht am Rhein" und analoge patriotische Lieder zu dem Heldenmuth begeisterte, durch den ste Wunder der Tapferkeit vollbrachte, wie sie die Völkergeschichte kaum je zuvor gesehen. Denn diese Einigkeit und Einmüthigkeit der Fürsten und Völker im Osten und Westen, Norden und Süden Deutschlands machte sie vor Allem dem Sprichwort gemäß, „stark" und unwiderstehlich, und nicht minder als der genialen Führung und vollendeten Taktik sind ihr darum die glänzenden Siege und Nuhmesthaten jenes heiligen Kampfes für die Freiheit, Größe und Integrität des deutschen Vaterlandes zu verdanken. Wären damals Preußen und Baiern, Sachsen utib Württemberger, Mecklenburger unb Hessen nebst allen andern Bundesländern nicht von diesem einigenden Geiste beseelt gewesen, so daß sie Alle für Einen und Einer für Alle unentwegt eingestanden, oder hätten Katholiken und Protestanten, Juden und Dissidenten sich durch die Verschiedenheit ihrer Konfession irgendwie beeinflussen, zu gegenseitiger feindseliger Gesinnung hinreißen lassen, fürwahr! alle Kriegskunst und Disziplin wäre ob solcher Zwietracht zu Schanden geworden. Ist diese absolute Einigkeit nun das Palladium, dessen Nachfolge wir vor Allem den Sieg und die Einigung schulden, so ist es sicher nicht zuviel gesagt, wenn wir sie als ein unantastbares Heiligthum preisen, dessen Verletzung einem Verrath am Vaterlande gleichzuachten wäre. Nun, die, welche seit Jahren ein solches Gebahren sich zur Norm gesetzt, sie hatten es auck nicht verschmäht, jetzt bei der Jubiläumsfeier jener glorreichen Tage den von ihnen gepredigten Klassen- und Rassenhaß von Neuem zu schüren, indem sie, der Wahrheit frech ins Gesicht schlagend, unfern Glaubensbrüdern im Heere vorwarfen, sie hätten sich möglichst vom Kampfe zuriickgehalten und lieber ihre Genossen als sich selbst in Tod und Gefahr gehen lassen. Welch' frivole Verleumdung! Tausende von ihnen haben sich durch ihre Tapferkeit und Pflichttreue das allgemeine Ehrenzeichen, Hunderte sogar durch besondere Auszeichnung das eiserne Kreuz verdient, und nicht einem Einzigen von ihnen konnte nachgesagt werden, daß er sich feige dem Kugelregen und den Strapazen des Feldzuges entzogen. Neulich sprach ich mit einem jüdischen Mitkämpfer von Anno 1870, der mir dabei u. A. berichtete, daß, als einstmals zu einem Streifzuge aufgebrochen werden sollte, der kommandirende Offizier es, da nicht so viele Leute, als im Regiment vorhanden, dafür nöthig waren. Jedem freistellte, zurückzubleiben, von den jüdischen Soldaten aber keiner von dieser Erlaubniß Gebrauch gemacht habe. Instar omnium vermag ich nun ein hervorragendes Beispiel von Tapferkeit eines jüdischea Reservisten: Siegfried Karfunkelstein aus Berlin (in Beuthen O.-S. gebürtig), der bei Le Bourget den Heldentod gefunden, beizubringen, wovon folgender Preisgesang eines hohen Adligen unleugbares Zeuguiß ablegt: Die Fahne von Le Bourget. Von George Baron Dyherrn. Am dreißigsten Oktober, — Das war'ein Kämpfen heiß, — Wo wieder die preußische Garde — Errang den höchsten Preis. — Da stürmten die Grenadiere — Im lauten Hurrah heran, — Die Wacht am Rhein ertönte, — Hoch flog die Fahne voran, — Und als sie im Kugelregen — Durchlöchert zu Boden fiel, — Karfunkelstein, der brave, — Rafft auf sie im Kampfgewühl. — Und als er todesmuthig — Das wehende Banner hält, — Wird seine Brust getroffen, — Und wieder die Fahne fällt. — Da stürmt heran Budritzki, — Der greise General, — Aus seinen Augen flammt es — Wie glühender Nordlichtstrahl. — Die Fahne saßt gewaltig — Die linke Eisenfaust, — Und in der Rechten der Säbel — Wie zündender Blitzstrahl saust. — Jedweder Stein wird Schanze, — Zur Festung jedes Haus, — Die Grenadiere fallen — Wie Eichen im Sturmesbraus. — Hoch über den Heldenleichen — Ragt siegreich in die Höh', — Gefärbt von edlem Blute, — Die Fahne von Le Bourget. Die Nutzanwendung von alledem ergiebt sich, dem oben Gesagten entsprechend, leicht von selbst. Berlin, 22. August. Dr. M. Stern. * Was Ihren heutigen Leitartikel betrifft, so habe ich mit zwei jüdischen Landwehr-Offizieren zusammen gedient. Der eine starb im Jahre 1870/71 beim 3. Garde-Regiment z. F. Es war der Makler für Metalle, Löwenberg, er starb an einer Verwundung, die er bei St. Privat erhalten hatte. Der andere war Albert Marcuse, vereidigter Börsenmakler, ein ausgezeichneter Mensch und einer meiner besten Freunde. Er ist Ende Mai 1894 gestorben. Achtungsvoll Hartmann, Oekonomierath. 4t Posen, 23. August. Vielleicht interessiren Sie die beiden Ausschnitte aus der Posener Zeitung vom Jahre 1870 für Ihr Thema, der eine aus Versailles vom 21. Januar 1871 und lautet: Durch Allerhöchste Kabinetsordre sind die Vizefeldwebel Kubischek, Haber, Friedländer, Hoffmann, Göschen, Heytemayer vom 1. Niederschl. Jnf.-Rgmt. Nr. 46 zu Sekondelieutenants befördert worden. Daß von den ernannten Offizieren zwei Israeliten sind, ist ein erfreulicher Beweis, daß diese große Zeit auch Vorurtheile beseitigen hilft und daß die Gnade Sr. Majestät den aus der Wahl des Offizierkreises hervorgehenden kein Hinderniß in den Weg legt. Der zweite ist aus Nürnberg, von dort wird berichtet: Unter den laut Ausweis der bayerischen Armeebefehle dekorirten Militärpersonen befinden sich folgende Juden: Regt-Arzt Dr. Bauer und Dr. Ullmann, Bat.-Arzt Dr. Stein und Dr. Karpeles, Landwehr- Offizier-Aspirant Rosenzweig. Dieser Tage erlag zu Orleans seiner im Kampfe um Orleans erhaltenen Wunde nach bereits überstandener Amputation des rechten Armes der Landwehr-Lieutenant Bayer von Nürnberg, ein Enkel des Rabbiners Dr. Aub in München. Wir bitten, uns auch ferner einschlägige interessante Mittheiluugen zugehen zu lassen, namentlich über jüdische Soldaten, die in dem glorreichen Feldzuge mit dem eisernen Kreuz dekorirt unirden. Eine möglichst vollständige Liste aller Ritter des eisernen Kreuzes her- .'ustellen, wäre eine schon im geschichtlichen Interesse wichtige Leistung. Me Aufgaben des deutsch-israelitischen Lehrerverbandes. Ein Bortrag von M. Steinhardt, Lehrer in Magdeburg. II. esscrnng der Berhaltnisse könne» wir in der That mir dann erreichen, wenn wir »ns zu einem großen Verbände znsaninicnschaaren und gemeinsame Maßregeln zur Beseitigung der vorhandenen Mißstände ergreifen. Es sei mir mm gestaltet, gewisse Forderungen anfzustellen. deren endliche Erreichung ich im Interesse nnseres Standes lind somit auch im Interesse des Jndenlhmns für unerläßlich erachte. Die erste dieser Forderungen ist: Errichtung jüdischer Elementarschulen »nd Erhaltung der bisher bestehenden. Ich weiß es, daß diese Forderung ans großen Widerstand innerhalb der jüdischen Gemeinden stoße» und daß auch die liberale Presse uns dicserhalb mit Acht und Bann belegen, zinn Mindesten nnS aber als engherzig und konfessionell beschränkt bezeichnen wird. Unsere jüdischen Eltern geben sich vor lvie nach trotz aller gegentheiligen Erfahrungen so gern dem Wahn hin, daß ihre Kinder eine Simnltanschule besuchen. Bon wenigen Ausnahmen, die dazu immer seltener werde», abgesehen, sind die öffentlichen Eleinentarschnlen Preußens, ich kann wohl sagen, ganz Deutschlands, vollständig konfessioneü gehalten, entweder protestantisch oder katholisch, neben welchen es in einzelnen Provinzen auch jüdische Elemeiitarschnlen giebt. Unsere jüdischen Kinder, welche die öffentlichen Elemeiitarschnlen besuchen, genießen nichts weniger als eine» simultanen Unterricht, vielmehr sind viele