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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-30 · Heft 35 (30.8.1895) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 35 (30.8.1895)
Date
1895-08-30
Page
Seite 410 (sequence 4)
Language
German
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410 flößt Angst ein, der Edle bmigt auch, wen» er das Ziel des Kampfes nicht billigen kann, wenn es ein roher Erobernngskrieg ist, oder wenn der Streit ninthwillig vom Zaune gebrochen worden ist, oder wenn er einen Mißbrauch des Sieges furchtet. Nur wenn alle diese mannigfachen Besorgnisse nicht vorhanden sind, zieht der Redliche, dem es keine Freude ist, Lebe» und Gluck seines Nebenmeuschen zn zertreten, ruhigen Gewissens hinaus, in dem Bewnßtsein, daß Gott für den Gerechten streitet und ihm nicht nur die Trophäen des Sieges, sondern auch die Palme des Friedens bringt. Solche Empfindungen haben auch de» Muth der deutschen Helden belebt, die damals wider den Feind zogen. War es nicht eine maßlose Ilcberhebnng des feindlichen Fürsten, der sonst deutsches Wesen kannte und schützte, daß er es den Deutschen wehren wollte, sich zn einen, daß er die politische Ohnmacht unseres Vaterlandes verewigen wollte? So zogen die deutschen Schaaren hinaus, um das Heiligste zn schützen, um unser Recht, als ein Volk zu leben und unser Schicksal selbst zu bestimmen, nicht antasteu zn lasten. Jeder kannte, Jeder biüigte das Ziel des Kampfes, die Gründung des deutschen Reiches, Jeder wußte, daß der greise Hohenzoüernsürst, nur weil er vom Uebermuth war heransgefordert worden, zum Schwerte gegriffen hatte, Jeder hatte das Gefühl, daß wir auch als Sieger keinen ungebührlichen Siegespreis fordern würden. So wurde uns dieser Krieg ein heiliger Krieg, und die Deutschen durften der Zuversicht sein, daß Gott für die gerechte Sache streiten und ihr den Sieg verleihen werde. Fast Alle, die damals an leitender Stelle um das Heil des Vaterlandes sich gemüht haben, sind entweder ins Grab gesnnkeu, oder sind alt und müde geworden und haben das Steuer aus der Hand legen müsten. Nicht nur Kaiser Wilhelm ist heimgegangeu, auch Kaiser Friedrich fehlt, den die Sichel des Todes vor der Zeit getroffen hat, er, in dem zuerst der Gedanke des deutschen Kaiserthums aufgeleuchtet ist. Aon all' den Berathern des ersten Kaisers lebt nur noch der größte, der hochbetagte Kanzler, dessen weise Staatskunst den Sieg vorbereitet, sowie die Frucht des Sieges klug und kühn aus dem Kampfe getragen und gesichert hat. So Vielen im Lande ist dieser Tag des Triumphes eine Erneuung von Trauer und Klage, da so Viele mit ihrem Herzblute den Sieg haben zahlen müssen; Andere sind mit einem siechen oder verstüuuuelten Körper heimgekehrt; wir haben die Pflicht, allen denen, die an diesen traurigen Folgen des Krieges leiden, die Bürde zn erleichtern. Aber wir müssen, auch daran ermahnt uns dieser Tag, Alles vermeiden, was die Fackel des Kriege? aufs Nene entfachen könnte. Mit bitterem Humor schreibt der große Schlachtenlenker von der Stimmung unserer Nachbarn beim Beginn des Krieges: „Eines Tages erfuhr die französische Nation von ihren Vertreter», daß sie den Krieg mit Deutschland wolle". Lassen wir uns, wenn die Zeiten wieder einmal stürmisch werde», nicht in eine feindselige Erregung hineinhetzen. Unser Kaiser verlangt nicht nach eitlem Kriegsruhm; er will das Heer tüchtig und kriegsbereit; denn nur wer ein scharfes Schwert in der Hand hat, kann in diesem gewappneten Zeitalter den Frieden gebieten; zeigen wir auch im Frieden das Bild eines Volkes, das um den Kaiser treu sich schaart, daß nicht der Unfriede im Innern den Feind an der Grenze ermuthige. Die Eriinierung an die große Zeit, da alle Deutschen einen Bund bildeten gegen den äußere» Feind, wird, so hoffen wir, alich den Segen stiften, daß keine Bevölkernngsklaffe ferner zurückgedrüngt, sondern Allen das gleiche Reckt am Vaterlande eingeräumt wird. Me Woche. Berlin, 27. August. ine wichtige Nachricht bringen deutsche Blätter von der B i schoss - kouferenz in Fulda. Sie lautet: „Weiter bringen wir in Erfahrung, daß die hier versammelten Bischöfe auch die antisemitische Bewegung erörtert und dieselbe als eine absolut unchristliche gekennzeichnet haben. Die bestehenden Schäden auf sozialem Gebiet seien einzig durch solche Maßnahmen zu beseitigen, die sich im Rahmen der christlichen Religion bewegten, niemals aber durch Ausbrüche des Rassen- und Religionshasses. Die Kuratgeistlichkeit soll in diesem Sinn auf die Gläubigen einwirken." Hoffentlich bestätigt sich die Nachricht über die Stellung des Episkopats zum Antisemitismus. Es wäre bedeutungsvoll, wenn die Bischöfe sich mit solcher Entschiedenheit gegen die Judenhetze ausgesprochen hätten. Gerade die niedere katholische Geistlichkeit, die mit bem Volke in fortdauernder naher Beziehung steht, kann sehr viel dazu beitragen, den Frieden zwischen den verschiedenen Konfessionen zu fördern. Auch auf dem jüngsten Katholikentag in München hat der Ehrenpräsident Lingens ausdrücklich erklärt, auf denl Katholikentage sei niemals während seiner Verhandlungen ein hetzendes Wort, zum Beispiel gegen die Juden, gefallen. * In einem trefflichen, die Verhältnisse der Juden in der Armee sachgemäß schildernden Artikel: „Im Interesse des Dienstes", hat das „Berliner Tageblatt" jüngst die Thatsache erörtert, daß voll Amtsulld Verwaltullgswegen nntürlicl) von einem Antisemitismus in der Armee keine Rede sein kölme, daß gleichwohl aber „iul Jllteresse des Diellstes" einer großell Klasse von Bürgern „gegen den Wortlaut der Verfassllllg der Zugallg zu eiitem Amte, das jedem Staatsbürger zugüllglich sein müßte, wlbedingt verschlossen wird." Es heißt in dem betreffenden Artikel weiter: „Aber die Praxis innerhalb der Militärverwaltung hat sich allmälig dahin entwickelt, daß ein jüdischer Freiwilliger nur noch ganz ausnahmsweise in die Lage kommt, zur Offiziersprüfung zugelassen zu werden. Das sind doch offenkundige Thatsachen, die unmöglich abgestritten werden können. Es sind natürlich stets rein dienstliche Gründe, welche verhindern, daß der Einjährige 36. die Knöpfe rechtzeitig genug erhält, um noch zur Prüfung zugelassen werden zu könnnen. Aber mit dem Antisemitismus haben derartige Maßnahmen bei Leibe nicht das Allermindeste zu thun. Das geschieht lediglich im Interesse des militärischen Dienstes. Fragt man jedoch, wie es denn eigentlich gekommen, daß in den sechziger Jahren die Zahl der jüdischen Reserveoffiziere gar keine so geringe gewesen, daß es sogar einige aktive jüdische Offiziere damals gegeben, — dann erhält man zur Antwort ein vielsagendes Achselzucken. „Die jüdischen Einjährigen find kaum noch in der Lage, das Osfiziersexamen ablegen zu können. Dies hängt wieder mit der Erledigung der Vorfrage über das rechtzeitige Aufrücken des Einjährigen in die Klasse der Chargirten zusammen. Alles das geschieht nur im Interesse des militärischen Dienstes und steht nicht im allerlosesten Zusammenhang mit der Antisemitenhetze, für welche nun einfür allemal in der Armee kein Raum ist! Ein anderer angenommener Fall. Die Theilnahme an der Offizierstafel bestimmt sich nach dem Range, so daß ein Vizefeldwebel, ein Arzt, der seiner Dienstpflicht im zweiten Halbjahre im Sanitätskorps genügt, ausgeschlossen bleiben muß. Es pflegt aber die Regel zu sein, daß der Einjährig-Freiwillige in seiner Eigenschaft als Arzt von dem hierzu befugten Offizier die Aufforderung erhält, sich mit an die gemeinsame Tafel zu setzen. Wenn aber der jüdische Arzt diese Aufforderung nicht erhält, und er in demselben Speiseraum abseits, an gesonderter Tafel, vielleicht ganz allein sitzen muß, soll er sich darüber nicht gekränkt fühlen? Allein solch einer Möglichkeit gegenüber ist die Armeeverwaltung vollkommen waffenlos. Hier handelt es sich einfach um die Aufrechterhaltung der bestehenden Rangordnung

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