Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 sprachen den berechtigten Erwartungen nicht einmal annähernd. Es muß allerdings anerkannt werden, daß die den Unglücksstätten zunächst gelegenen Ortschaften in ihrer großen Mehrzahl das Menschenmögliche gethan haben, um durch schleunige Herbeischaffung von Lebensmitteln und Kleidern die augenblickliche Noth zu lindern, daß einige wenige Städte auch später noch fortgesetzt hohe Beträge für die Aermsten zusammenbrachten Die Stadt Bialy stock beispielsweise, deren Bevölkerung größtentheils aus armen jüdischen Fabrikarbeitern besteht, hat bisher insgesammt über 45 000 Rubel aufgebracht. Es soll aber auch nicht verschwiegen werden, daß andere große und verhältnißmäßig reiche Gemeinden sich bei dieser traurigen Gelegenheit nicht gerade mit Ruhm bedeckt haben. Speziell St. Petersburg und Odessa, die beiden Centren der jüdischen Intelligenz, werden nicht behaupten können, ihre Pflicht gegen ihre unglücklichen Glaubensbrüder voll und ganz erfüllt zu haben. Als in den ersten Tagen nach der Katastrophe von Brest - Litowsk das russische Eisenbahnministerium den Abgebrannten freie Eisenbahnfahrt gewährte, begaben sich in mehreren Zügen insgesammt ca. 1000 Seelen nach Odessa in der Hoffnung, hier die Möglichkeit zu dauernder Niederlassung zu erhalten. Die reichsten und selbstverständlich angesehensten unter unseren Glaubensgenossen in dieser Stadt traten zu einem Hilfskomitee zusammen, und die Angekommencn wurden auch thatsächlich mehrere Wochen lang verpflegt, einigen Dutzenden von ihnen sogar die Mittel zur Wiederaufnahme ihres Handwerksbetriebes gegeben. Nachdem das Komitee 9000 Rubel (für eine Gemeinde wie die Odessaer eine horrende Summe . . .!) ausgegeben hatte, begannen die Quellen zu versiegen, die erholungsbedürftigen Herren Komiteemitglieder verreisten in die Bäder, und das Komitee löste sich auf. Jetzt beförderte die Eisenbahnverwaltung die vergeblich Hilfesuchenden unentgeltlich von Odessa nach Brest-Litowsk zurück. . . Was St. Petersburg betrifft, so sind einige der jüdischen Millionäre hier mit Summen bis zu 100 Rubel (!) herausgerückt, im Uebrigen ist für die unglücklichen Glaubensgenossen nichts Wesentliches geschehen. Mittlerweile wird die Noth immer größer, der grausame russische Winter naht heran, und zu den alten Opfern gesellen sich immer neue hinzu. In den letzten Wochen sind wiederum eine größere Anzahl von Juden bewohnter Städte und Flecken von Feuersbrünsten heimgesucht worden. In Grajewo (Gouv. Lomsha) sind 140 Häuser ein Raub der Flammen geworden, in Gowarow 113, Schidlowitz 40, in Neshiza 80 Häuser und 40 Kaufläden; auch in Ostrolenka, Kalvaria und Nowogradok haben ausgedehnte Feuersbrünste gewüthet. Der Himmel weiß, wie die Unglücklichen den harten Winter überstehen werden! Türkei. g. Jerusalem, 24. Juli. Herr E. M. Henriques aus Manchester berichtet der Anglo Jewish Association über die hiesigen Schulen und insbesondere über die technische Schule. Es befinden sich in derselben 29 Zimmerleute, 28 Eisenschmiede, 16 Mechaniker, 17 Kupferschmiede und 25 Bildhauer und Holzschnitzer. Kürzlich ist eine neue Schmiede eröffnet worden, welche bereits die Eisenarbeiten für das deutsche Hospital und den Credit Lyonnais geliefert hat und in den letzten Wochen auch Aufträge aus Jaffa und anderen Nachbarorten erhalten hat. Die Bedeutung der technischen Schule lietit vor Allem darin, daß die Schüler nach Vollendung des Unterrichts in verschiedenen Landestheilen ihr Gewerbe beginnen und zur Ausbreitung der technischen Fertigkeiten beitragen. Herr B. Guini, Leiter der Maschinenwerkstätte, berichtet selbst an die Association nach London, daß zwei im letzten Jahre ausgebildete junge Leute, die Herren Elias Farhi und Moses Arari, jetzt in den Eisenbahnwerkstätten in Beyrut und Damaskus thätig sind; Moses Barazani und Schalom Cohen widmen als Drechsler ihre Thätigkeit der Kolonie Rischon Lezion. Eine sehr interessante Mittheilung macht Herr I. Kaitan, der Leiter der von der Association unterstützten Schmiedewerkstätte. Dieselbe erhielt kürzlich den Besuch eines Architekten, den der Sultan nach den Patriarchengräbern von Hebron geschickt hatte, um dort einige Reparaturen vorzunehmen. Die Stadtverwaltung von Jerusalem hatte die Preise der jüdischen Schmiede zu hoch gefunden und ursprünglich einen Schmied aus der Stadt empfohlen. Diesen hatte der Architekt wegen Untauglichkeit entlassen müssen und gab selbst die Arbeiten in der jüdischen Lehrschmiede auf, ein eisernes Thor für „Josephs Grab", eines für „Abrahams Grab", ein Thor und 3 Fenstergitter für „Isaaks Grab" und ein Thor und 2 Fenstergitter für „Rebekka's Grab". Während im Lause dieses Jahrhunderts selbst fürstlichen Persönlichkeiten, wie dem Prinzen von Wales, dem verstorbenen Kronprinzen von Oesterreich, nur vermittelst eines Kaiserlichen Jrade der Zutritt zu den Patriarchengräbern gestattet wurde, wurde es dem Leiter der jüdischen Lehrschmiede gestattet, ohne besondere Erlaubniß diese von den Mohammedanern so eifersüchtig gehüteten Gräber in Hebron in Augenschein zu nehmen Amerika. n. Philadelphia, 6. August. Der bekannte Rabbiner Dr. Joseph Krauskopf und ein sehr angesehener jüdischer Kaufmann unserer Stadt, Arpold Cohn, haben in der Nähe der Stadt eine Farm ge' kauft, die in eine für jüdische Knaben und Mädchen bestimmte Ackerbauschule umgeändert werden soll. Im Sommer, sollen die Kinder in der Farm praktischen Unterricht und im Winter höheren Unterricht erhalten. Die Kinder für diese Schule werden zum größten Theile den israelitischen Waisenanstalten des ganzen Landes und den im Staate Neu-Jersey angesiedelten russischen Juden entnommen werden. Dr. Krauskopf hat für diese Anstalt 3500 Dollars bestimmt, die er für Vorträge erhalten hat, und erwartet weitere Geldgeschenke zur Förderung des Humanitären Unternehmens. Usn Nah und Fern. Dem Banquier Wilhelm Kopetzky zu Berlin ist der Charakter als Kommerzienrath verliehen. — Wieder hat sich ein neues antisemitisches Fraktiönchen gebildet, das den hochklingenden Namen sich beigelegt hat: „Antisemitischer Freiheitsverein." Was die Leute sich darunter denken, ist ihnen wohl selbst nicht klar. — Vor einiger Zeit bat ein Beamter der Herrschaft Smogulec in Posen den Arbeitern gerathen, nicht bei Juden zu kaufen. Graf Hutten - Czapski, der Majoratsherr jenes Gutes und k. Major, hat den betreffenden Beamten rektifizirt und Maßregeln getroffen, um ein Hineintrager? der antisemitischen Agitation in seine Besitzungen zu verhindern. — Das Offizier-Korps des 4. Magdeburgischen Infanterie-Regiments hat auch den Verein ehemaliger 67 er in Köln eingeladen, zur Feier der 25. Wiederkehr des Schlachttages von Gravelotte am 18. August einen Vertreter zu entsenden. Als solcher ist vom genannten Verein sein Schriftführer, der Bildhauer Siegmund Rosenbaum, vorgeschlagen und demzufolge auch vom Offizier-Korps eingeladen worden. — Die antisemitische Vereinigung für Aachen, Burtscheid und Umgebung hat in einer außerordentlichen Generalversammlung ihren Namen geändert und sich Christenschutz genannt. — Nach seinem letzten Rechenschaftsbericht besitzt der Verein „Gemiluth Ch’ssadim“ in Krakau ein Vermögen von 21,307.84 Fl. Die Einnahmen und Ausgaben balanziren mit der Summe von 40,000 Fl. — Im Badeorte Szawnica in Galizien wurde eine größere jüdische Gesellschaft im öffentlichen Garten von antisemitischen Rowdies überfallen und arg gemißhandelt; das Gleiche geschah einem jüdischen Hausirer in Bialobaznica, welcher in Folge der erlittenen Mißhandlung jetzt schwer darniederliegt. — Eine interessante Gerichtsverhandlung fand in voriger Woche vor dem Friedensrichter in D erbent (im russischen Gouvernement Daghestan) statt. Eine große Anzahl jüdischer Gewerbetreibender wurden von zwei armenischen Wucherern wegen Wechselschulden verklagt. Die Verklagten wiesen aber nach, daß sie durch die von ihnen jahrelang an die Armenier gezahlten hohen Zinsen (30 pCt. und darüber) arg geschädigt worden seien, und der Friedensrichter wies die Klage der Armenier ab, da nach dem neuen russischen Wuchergesetze derartig qualifizirte Forderungen nicht einklagbar seien. Auch ein Beitrag zum Kapitel vom „jüdischen Wucher..."— In Charkow wurde derRechtsanwaltSochnin zum Krön- Rabbiner gewählt. - Sir Julian Goldsmid ist zum Vizekanzler der Universität London gewählt worden. — Bei den letzten Parlamentswahlen ist auch Arthur Strauß (lib.-union.) gewählt worden, also der achte jüdische Abgeordnete im englischen Parlament. — In London ist der bekannte Maler Lionel Cowen, Mitglied der königl. Gesellschaft englischer Künstler, gestorben. — Asher Leven ton in Dublin hat die Stelle eines Militärarztes im indischen Sanitätsdienst erhalten. — Sam. Marks hat dem Präsidenten Krüger 10,000 L. St. für die Armen von Pretoria zur Erinnerung an die Eröffnung der Bahn nach der Delagoa-Bay übergeben. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwiü in Berlin.