Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 Personen nicht zu fassen vermochte. Die beiden Gemeindesynagogen auf „Kohlhöfen" und in der „Elbstraße", sowie das Gotteshaus der „Tempelgemeinde" in der „Poolstraße" liegen aber für die „draußen" wohnenden Juden zu entfernt, und so trat die Bedürfnißfrage immer dringender in den Vordergrund. Einige für das Judenthum begeisterte, opferwillige, thatkräftige und angesehene Männer traten mit einem diesbezüglichen Gesuch an den Vorstand des D. I. Synagogen-Verbandes, um diesen zum Bau einer Synagoge zu veranlassen; aber die eigenthümlichen hier herrschenden Verhältnisse, sowie die leidige Geldfrage ließen die genannte Behörde zu einem verneinenden Beschluß kommen, und nun stellten sich diese Herren auf eigene Füße, nahmen im Vertrauen auf Gottes Beistand und die bekannte jüdische Opserwilligkeit den Bau vor und haben in kurzer Zeit ein den Verhältnissen entsprechend würdiges Gotteshaus geschaffen. Am 15. d. M. fand denn die feierliche Einweihung desselben statt. Die Staatsbehörde war hierbei durch die in Amtstracht erschienenen Herren Senator Kühler und Senatssekretär Dr. Hagedorn, die Bürgerschaft durch ihre Präsidenten Hinrichsen und Adloff, die hier bestehenden verschiedenen Gemeinden durch ihre Vorsitzenden vertreten. Nachdem sich die zur Feier sehr zahlreich eingefundenen Herren und Damen in dem prächtig geschmückten, mit elektrischen Licht erleuchteten Gotteshause versammelt hatten, erklang unter Harmoniumbegleitung der Chorgesang Ma towu. Während desselben begaben sich die vorher genannten offiziellen Vertreter von Staat und Stadt an die Eingangsthür, und Senator Kühler öffnete mit dem ihm in üblicher Weise übergebenen Schlüssel bei dem vom Kantor in der Vorhalle gesungenen?itbellu li die Pforten des Gotteshauses, wo die mit den Thorarollen erscheinenden Personen vom Chor mit dem Gesang des B. H. empfangen wurden. Sechzehn reich mit Gold- und Silbergeräthen behangene in kostbare Mäntel gehüllte Thorarollen wurden von den hierzu bestimmten Personen, unter denen sich der Prediger der Tempelgemeinde Dr. Seligmann, der Klausrabbiner Weiß und der Rabbiner der Nachbargemeinde Wandsbeck, Dr. Hannover, befanden, umhergetragen. Nach dem „Einheben" unter abwechselndem Gesang zwischen Chor und Kantor bestieg der Prediger der „Neuen Dammthor-Synagoge", Dr. Grunwald (Schüler des Breslauer Rabbiner-Seminars), die Kanzel, um ein kurzes, aber gehaltvolles Weihegebet zu sprechen und das ewige Licht zu entzünden. Dem Absingen der Psalmen 117 und 118 folgte die Festrede des genannten Predigers, die — so hoffen wir — durch Drucklegung weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden wird; wir unterlassen deshalb ein näheres Eingehen auf dieselbe, die in inhaltreicher, formvollendeter Weise die Fragen: „Wozu brauchen wir gemeinsame Andacht? Was wollen wir mit diesem Bau? behandelte. Nach dieser von allen Zuhörern mit Befriedigung aufgenommenen Predigt sang der Chor Psalm 100. In einem Schlußgebet, in dem der Segen Gottes über Kaiser und Reich, über die hohe Obrigkeit von Staat und Stadt angerufen, das uneigennützige, lobenswerthe, fromme Werk der Verwaltung und Mitarbeiter an diesem hehren Werke gerühmt wurde, folgte der Chorgesang des Psalms 150. Nun wurde das Abendgebet verrichtet und mit dem von Chor und Kantor gesungenen Adon Olam schloß diese erhabene und erhebende Feier der Einweihung. Eine gute Acquisition hat die Verwaltung, an ihren Beamten gemacht. Der Prediger, eine junge, thatkräftige, von Liebe für sein Amt durchglühte, das Wort der Rede beherrschende Persönlichkeit, der Kantor Landau, früher Beamter der Gesellschaft Ahawas reim in Berlin, ein vorzüglicher Baryton, der das traditionelle Chasonus mit dem modernen Synagogengesang wohl zu vereinigen weiß, der Chordirigent, Musikdirektor Beit u. s. w., sie Alle haben bewiesen, daß sie den Ansprüchen, die, um einem weihevollen, zeitgemäßen uno doch in den Bahnen des frommen Judenthums sich bewegenden Gottesdienstes gerecht zu werden, nicht nur den Willen, sondern auch die Fähigkeit und die Kraft haben. M. Hamburg, 17. August. Zu den vielen Vereinen, welche in unserer Gemeinde so segensreich wirken, gehört in erster Linie der „Verein zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder" (Ferien- Kolonien). Wie alljährlich, so war der Verein auch in diesem Jahre bestrebt, einer Anzahl von Kindern die Wohlthat eines vierwöchentlichen Landaufenthalts zu verschaffen. Es wurden daher von Seiten des Vereins in diesem Jahre 82 Kinder, nämlich 45 Mädchen und 37 Knaben, nach dem Soolbad Oldesloe, und 7 Kinder, nämlich 4 Mädchen und 3 Knaben, nach dem Luftkurort Wandsbeck entsendet. Während die Wandsbecker in Familien untergebracht wurden, beziehen die Oldesloer Kinder ein gemeinsames Ouartier. Es ist nämlich von Seiten des Vereins die frühere Rubensche Papierfabrik für seine Zwecke gemiethet worden. Zur Aufsicht der Kinder sind zwei Lehrerinnen, 1 Lehrer und eine barmherzige Schwester mitgegangen. Angemeldet waren für die diesmalige Kolonie über 160 Kinder, von denen leider aus Mangel an Geldmitteln nur etwas über die Hälfte berücksichtigt werden konnten. Aw. Baden im August. Es ist schon oft genug die antisemitische Behauptung widerlegt worden, daß die Juden im Jahre 1870 keinen wahren Patriotismus gezeigt und vor der Dienstpflicht, wo es ging, sich gedrückt hätten. Wenn in Nachstehendem ein besonderes Beispiel für die Vaterlandsliebe angeführt wird, so geschieht es eben nicht, um diejenigen, die nicht belehrt sein wollen, Lügen zu strafen, sondern um einen besonders erwähnenswerthen Fall den Lesern zur Kenntniß zu bringen, besonders erwähnenswerth deshalb, weil der Jubilar ein Doppeljubiläum, nämlich Kriegs- und Standesjubiläum, feiert. Herr Dr. A. Lewin, Bezirks¬ und Stadtrabbrner in Freiburg i. B., bekannt durch eine Anzahl größerer wissenschaftlicher Arbeiten, für die ihm erst jüngst vom Ministerium ein Stiftungspreis zuerkannt wurde, ist es, der mit mehreren Kollegen im Jahre 1870 freiwillig sich dem Kriegsministerium zur Verfügung stellte, um auch seine Kraft dem Vaterlande zu widmen. Mit der nöthigen Legitimation versehen, weilte er im Feindeslands als Seelsorger für die jüdischen Soldaten bei der III. Armee (Armee des Kronprinzen Friedrich) bis März 1871. Die Hospitäler in Versailles und St. Cyr, ganz besonders in den Tagen nach dem 18. Januar, forderten seine Aufmerksamkeit. Bevor er in den Feldzug ging, hatte er bereits das Rabbinatsexamen abgelegt und erhielt am 27. Januar 1871, also zur Zeit, als er noch im Felde weilte, von dem Breslauer Seminar das Rabbinatsdiplom ausgestellt, so daß er demnächst auch sein 25jähriges Rabbinalsjubiläum zu feiern das Glück haben wird. Als Anerkennung für seine pflichttreue Theilnahme an dem siegreichen Feldzuge erhielt er am 20. Mai 1871 die Kriegsdenkmünze. Seitdem war Herr Dr. Lewin als Seelsorger in Koschmin und Coblenz thätig und ist seit 1885 Bezirks- und Stadtrabbiner in Freiburg. Möge es ihm vergönnt sein, in voller Kraft das goldene Jubiläum zu feiern. K. A. Heidelberg, 16. August. Vom 3.-5. August fand anläßlich des fünften Stiftungsfestes der freien Verbindung Badeniader erste von den drei schlagenden jüdischen Korporationen in Deutschland beschickte Kartelltag statt. Auf dem Konvente gab der Vertreter der Sprevia-Berlin namens seiner Korporation die Anregung zur Begründung einer Kartellverbindung in München, deren Zustandekommen durch Delegation einer Anzahl von Spreven gesichert ist. Die Festlichkeiten, deren geschicktes Arrangement allgemein anerkannt wurde, fanden in dem großen Festkommers am zweiten Tage und dem Ausflug mit Damen nach Neckarsteinach am dritten Tage ihren Höhepunkt. Namentlich die Rückfahrt in illuminirten Booten auf dem Neckar wird für alle Theilnehmer eine poesievolle Erinnerung bilden. Der Ernst der Sache trat in den Reden zu Tage, die auf dem Kommers gehalten wurden. Der Erstchargierte, Herr cand. med. Ballin, begrüßte die Gäste aufs Herzlichste im Namen seiner Verbindung, die offiziellen Vertreter der Kartelle Herr eand. med. Krause (Viadrinae) und Herr eand. jur. Friedemann (Spreviae) überbrachten der Schwesterverbindung die Glückwünsche ihrer Korporationen. Herr Dr. Oppenheimer legte die Tendenzen der Badenia in langer Rede dar, wies nach, daß der Kampf, den die jüdische akademische Jugend für ihre politische und soziale Gleichberechtigung kämpfe, die Pflicht jedes ernst denkenden jüdischen Studenten sein müsse. „Unsere Verbindungen sollen ganze Männer erziehen," so ungefähr führte er aus, „Charaktere, denen Wahrheit und Recht höher stehen, als die Gunst der Parteien." Herr Rechtsanwalt Dr. Friedberg (Karlsruhe) dankte namens der Gäste. Nach dem Landesvater rieb Herr cand. rer. nat. Kahn einen Salamander auf Kaiser, Großherzog und Reich, Herr stud. chem. Oberländer toastete auf Viadrina und Sprevia, Herr stud. med. Klee auf die alten Badenen. Nach der Verlesung einer großen Anzahl von Telegrammen schloß das Officium. Der Verlauf der Feierlichkeiten und die rege Betheiligung zeigten aufs Neue, wie immer mehr die Erkenntniß sich Bahn bricht, daß die Selbsthilfe im vollsten Lichte der Oeffentlichkeit der einzige Weg ist, das jüdische Selbstbewußtsein zu heben und den schweren Kampf gegen den Antisemitismus durchzukämpfen. 4k Straßburg, 18. August. Folgende Ziffern der amtlichen Korrespondenz über die höheren Schulen Elsaß-Lothringens