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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-23 · Heft 34 (23.8.1895) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
Seite 408 (sequence 14)
Language
German
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408 „Weiter, weiter" — rief der Nudln außer Athen,, indem er sich »eben dem Jünger niederließ. „Dann hörte ich, wie es in mir zn singen nnfing: zuerst leise nnd dnn» lnnler nnd lnnter, und so entzückend süß, so —" „Und was hast Du dabei gefühlt? Was? O sprich doch!" „Ich habe gesuhlt, das; ich keine Empfindung für diese Welt mehr hatte, das; Alles, Alles in mir und um mich singt, ganz so, wie Ihr es mir geschildert, ohne Wörter, ohne Lippen, ohne Stimme, so, so —" „ißie? Wie?" „Das weiß ich nicht mehr. Früher habe ich es noch gewußt. Alsdann oerwandelte sich der Gesang in Musik. Ich hörte herrliche Töne. Ach! so lieblich, so herzergreifend, irnd doch so seelenentzückend. Nicht einmal Simcha, der SWefmcr1), wenn er auf seiner Geige Kolnidre spielt, vermag so zu ergreifen, so zu begeistern. Nichts Irdisches, nichts Physisches war darall, Alles, Alles war reingeistig, überirdisch lind göttlich." „Heil luld wohl Dir, Jonathall!" „Jetzt ist Alles weg," — stöhnte Joliathan — „ich sehe mich null alls beut Paradiese verjagt, ich bin in diese erbärmliche Welt wieder zuruckgekehrt. Ach! ich — bin — so müde — so matt, so —" lllld plötzlich richtete er sich hoch auf, streckte die abgenlagerte Hand wie flehend den: sprachlos dastehellden Lehrer entgegen lllld rief mit zitternder Stimme: „Rabbi, sagt mir das Sündenbeteniltniß vor. Man ist lllich holen gekonlillell, ein Engel mit weißen Faltigen winkt mir zn, er fordert mich auf, in den/Engelchor des Himmels einzutretell, es fehlt dort eill Säilger. O Wonne! O Freude! Sche-ina, Sche-lna Israel, Sehe—ma ..." Als der Morgell angebrochen war und die Juden zum Frühgottesdienst illi Beth hanlidrasch sich versamnielt hatten, fanden sie Jonathan auf der Bank als Leiche liegeli. Sie ließen sich von bcm greisen Lehrer den geschilderten Borgallg der verstricheilen Nacht haarklein erzählen lllld wünschten sich ein solches Ellde, wie es bent frommen Jonathan beschieden war. Nilr Rabbi David schiell mit dem von Allen belleideten Ende seilies Schülers nicht Zllfrieden. „Schade, schade," — sagte er — „daß er llicht lloch einige Tage gefastet hatte; er nuiie alsdann ähnlich wie Moses verschieden: dllrch einen knßähnlichen Hauch der göttlichell Gnade. Schade, schade!" Fttterarische Mittheilungen. — Jüd ischer V olks- und Haus-Kalender 1896, von Dr. M. Braun, Breslau, 1895. Th. Schatzky. Preis 1,25 M. Püuktlich ist der 43. Jahrgang des jüdischen Volkskalenders in diesen Tagen erschienen. Wie die früheren Jahrgällge, die der sorgsame Herausgeber bearbeitet hat, bringt auch dieser zuerst ein genaues deutsches und hebräisches Kalendarium bis zum Ende des deutschen Kalenderjahres 1896 (Tebeth 5657), eine Tafel zur Berechnung des Beginns der Nacht, sowie ein Verzeichniß der Jahrmärkte, nach Städten und Monaten geordnet. Einen besonders reichhaltigen und werthvollen Inhalt birgt in diesem Jahr das „Jahrbuch zur Belehrung und Unterhaltung", das sich an das Kalendarium anschließt. An erster Stelle ist die Gedächnißrede Rabb. Dr. Guttmanns an der Bahre David Rosins abgedruckt; sie giebt dem großen Verlust, den die jüdische Wissenschaft, insbesondere aber das Breslauer Rabbinerseminar durch den Tod des edlen Lehrers erlitten hat, ergreifenden Ausdruck. — Mit unermüdlicher Sammelfreudigkeit hat Dr. N. Samte r „die Juden taufen in Preußen in diesem Jahrhundert" zusammengestellt und über- >) Musikant. sichtlich geordnet. Alle diese sogenannten „Beweggründe", sowie die Einwirkung des Staates auf die Judentaufe setzt er an der Hand eines ausführlichen Materials trefflich auseinander, schildert eingehend die Missionsthätigkeit und ihre Erfolge auf Grund der einschlägigen Lilteratur und giebt am Schluffe seiner kultur- und religionsgeschichtlich werthvollen Studie als Antwort auf die Frage: Was sollen wir thun? das richtige Heilmittel an: Das Interesse für jüdische Dinge, namentlich die Kenntniß der jüdischen Geschichte und Litteratur, in die breiteren Schichten des Volkes tragen, dem Volk die Einsicht von der unendlichen Ueberlegenheit unserer Religion über alle andern Glaubensformen verschaffen! — Seinen „Gang durch die jüdische Geschichte" läßt der Herausgeber in diesem Jahre einen „kurzen Gang durch die Geschichte der jüdischen Litteratur" folgen, der einen vortrefflichen Ueberblick über die Geistesthätigkeit unserer Vorfahren seit drei Jahrtausenden bietet und wohl die gleiche rasche und allgemeine Verbreitung wie das erstgenannte Merkchen finden dürfte. In erweiterter Form folgt sodann der Abdruck der „Geschichte des Rabbinats von Sch neide müh l", die Dr. M. Braun zum 80. Geburtstag seines ehrwürdigen Vaters verfaßt hat; die Arbeit ist bereits vom Referenten in dieser Zeitschrift seinerzeit besprochen und gewürdigt worden. — Aus der staunenswerthen Fülle seines umfassenden Wissens legt Professor Moritz Steinschneider den Ursprung und die allmähliche Entwickelung des jüdischen Kalenders in einer kurzen Skizze „der jüdische Kalender" dar; in wenigen Seiten wird ein bisher unbekanntes und wenig bebautes Gebiet mit einem Schlage erhellt — Das Jahrbuch schließt mit einem Schwank „der verwunschene Kantor" von Dr. Franeolm; einen etwas zu gewagten und deshalb unwahrscheinlich klingenden Spaß, den sich zwei polnische „Marschälke" mit den Bewohnern einer kleinen Stadt Polens gestattet haben sollen. — Wir wünschen dem Kalender/ den der Verleger vortrefflich ausgestattet und mit einem Bild Dr. Rosins geschmückt hat, die verdiente Verbreitung. Dr. S. Adler. Sprerhsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! § ist mir befremdlich, ja wunderlich, daß der scharfsinnige Dr. Köhler (s. Nr. 21 Ihrer geschätzten Zeitung. S. 246, Z. 7 von oben), was ich über mn nvrr nr „bis zu diesem Tag" in meinem Buche so klar nachgewiesen, „recht frappant" findet. Demgegenüber beziehe ich auch hier wieder mich auf mein Buch: S. 15. Ferner sagt Herr Dr. Köhler (auf S. 245, Abschnitt 3, Nr. 21 Ihrer Zeitung): „Es ist gewiß Dr. Herzfeld im Recht gegen Wiener 204 - 6, wenn er den Brauch des Salzens vom Opfermahl auf profane Mahlzeiten übertragen sein läßt und ihn nicht unmittelbar aus dem Blutverbot ableitet, um Samuel aus Nehardea zum Urheber zu machen, wie Dr. Wiener will." Dieser Behauptung gegenüber erlaube ich mir einzuwenden: Wäre die Institution des Salzens für Laienmahlzeiten vom Opferkult übertragen, so hätte sich gewiß in der Mischnah bereits ein Vermerk darüber gefunden, und nicht erst wäre Samuel (dem ja wohl auch medizinische Kenntnisse zugeschrieben wurden) als Autor genannt worden. Ueberdies sagt ja Herr Dr. Köhler selbst (in „Jewish Times“ vom Jahre 1872, Nr. 31) „das Salzen" (so. des Fleisches) „läßt sich blos auf den 200 p. Ehr. lebenden, babylonischen Lehrer Samuel zurückführen". Das fromme Votum im Schluffe der Apothoese der Speisegesetze (s. S. 269, Nr. 23 Ihrer Zeitung): „Vom Mutterschooß an sei dein Kind ein Gottgeweihter"; um deswillen gerade die Mutter der verbotenen Speise sich enthalten sollte, hat sich an ihrem eigenen Sohn Simson am wenigsten erfüllt Wir schließen mit dem Ausspruche des Propheten: „Liebet die Wahrheit (die Treue), liebet den Frieden"! Oppeln, im August. Dr. A. Wiener. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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