Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 407 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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407 erhält die Gestalt des Hehren und Heiligen, dann ist er nicht mit dem Gesang des sündigen Menschen identisch, bann ist er ein Abglanz jenes Gesanges, den die Engel zu Ehren Gottes anstimmen, dann bilden seine Töne ein Stück jener Harmonie, die dir Welt beherrscht und in der die Majestät des Unendlichen sich kund giebt. Dann offenbart er dem Menschen die glorreiche Herrlichkeit des von allen Welten und Sphären Gebenedeiten und läßt seine Seele an den melodischen Klängen sich ergötzen, welche das Universum erfüllen, wenn die Engel, Seraphim und Ofanim ihr „Heilig, heilig, heilig" anstimmen. So sang der König David, als er seine Psalmen dichtete, so sangen unsere Propheten und Heiligen, als sie dem schwergeprüften Israel eine herrliche Zukunft verkündeten, und so sangen die Seelen unserer Märtyrer, als das Feuer der Scheiterhaufen ihre irdischen Hüllen verzehrte und sie mit den letzten Akkorden des „Höre Israel, der Einige ist einzig" zu Gott emporstiegen." Den Vortrag unterbrach das Knarren der Thür, durch die ein robust aussehender junger Mensch hereiutrat, der dem Rabbi David Brod und eine Schüffel mit dampfender Kartoffelsuppe überreichte, indem er mit rauher Stimme zu ihm sagte: „Rebb Chaim, der Wasserträger, schickt dem Rebbe etwas Warmes zum Essen; ich wünsche demRebbe a guten Appetit; nach Mincha werde ich dieSchüssel abholen." Rabbi David schüttelte verlegen das Haupt und blickte traurig dem davon eilenden jungen Menschen nach. Dann aber erhob er sich von seinem Platze, und während er sich zn dem in der Nähe der Thür sich befindenden Waschbecken begab, um sich vor dem Effen die Hände zu waschen, begann er, mit etwas weniger Begeisterung als zuvor, den unterbrochenen Vortrag fortzusetzen: „Allein nicht jeder Mensch kann diese hohe Stufe des Gesanges erreichen. Wer diese Höhe erklimmen will, muß große Vorbereitungen treffen. Das Herz muß von allen sündigen Gedanken, die Seele von allen Bildern irdischer Reize frei sein, das Auge muß in der Schönheit der Welt den Abglanz ihres Schöpfers erblicken, und der Körper muß sich der physischen Kraft entäußern und in das Gewand des Reingeistigen hüllen. Außerdem ist es erforderlich, die Buchstaben des unaussprechlichen heiligen Namens in ihrer höhern Bedeutung, die nur den gottgeweihten Heiligen bekannt ist, zusaminenstelleu zn können, und das Geheimniß dieser Zusammenstellung, Jonathan, will ich Dir heute anvertrauen und —" Eine innere Freude verrathende Röthe zeigte sich auf dem Gesicht Jonathans, der mit sichtlicher Spannung auf die Worte des Rabbi lauschte. Rabbi David aber hat inzwischen den Hahn des Waschbeckens aufgedreht, das Wasser über die Hände laufen lassen, anstatt der Vollendung des abgebrochenen Satzes das übliche Gebet gesprochen, sich alsdann zum Tische zurückbegeben und mit gen Himmel gewandten Augen und zitternden Lippen den Herrn des Alls für die Gabe des Brodes gepriesen. Die abgemagerten Hände ergreifen die Schüssel, aus der ein warmer Dampf euiporsteigt und sein Gesicht überzieht, dann rückt er die Schüffel näher an sich heran, legt die Hände, um sie zu erwärmen, an den Rand derselben, nimnit nachher mit der einen Hand den daneben liegenden Löffel und fängt an, da die Suppe noch kochend heiß ist, zu pusten. Während der ganzen Zeit waren Jonathans Augen linausgesetzt auf de» Rabbi gerichtet. Nur als er den Rabbi den ersten Löffel Suppe herunterschlucken sah, bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen und verfiel in tiefes Nachdenken. Eine Stimme unterbrach die Plötzlich eingetretene Stille. Ein zerlumpt aussehender Junge trat an Jonathan heran und sprach: „Rebb Mendele, der Schneider, schickt Euch etwas Gekochtes zum Essen." Jonathan rührte sich nicht. Rabbi David, der den Vorgang bemerkt hatte, legte den Löffel bei Seite, erhob sich von seinem Sitz und ging an Jonathan heran, und nachdem er ihn eine Weile liebevoll angeblickt hatte, legte er die Hand auf seine Schulter und sprach mit sichtlicher Freude: „Jonathan! man hat Dir Essen gebracht." Nur langsam nahm Jonathan die Hände vom Gesicht weg, das blaß und traurig war. „Ich weiß es, Rabbi" — sprach er — „aber ich werde heute nicht essen." „Was!" — sagte Rabbi David verwundert — „Du wirst heute nicht essen? Du fastest heute? Allein, ohne mich?" „Ja!" antwortete Jonathan, — „es ist ein Fasten, das ich aus gewissen Gründen mir soeben auferlegt habe, ein Fasten als Sühne für eine soeben begangene Sünde." „Was sprichst Du?" stieß Rabbi David erschrocken aus. „Höret, Rabbi, und urtheilt selbst: Ich habe, als ich Euch essen sah, übertreten das Gebot: Du sollst nicht Gelüste tragen." In dem Beth hamidrasch war es still und finster geworden Die beiden Insassen, Rabbi David und Jonathan, hatten in später Nachtstunde ihr Lager, die harte Bank, ausgesucht und sich fest vorgenommen, einige Stunden zu schlafen. Keiner von ihnen regte sich, nur ein leises Schnarchen deutete darauf hin, daß die Natur ihr Recht behauptet hatte. Da rief plötzlich Jonathan mit leiser Stimme: „Rabbi, Rabbi!" Erschrocken fuhr Rabbi David auf und fragte: „Was ist denn vorgefallen, Jonathan? Was? ' „Ich befand mich soeben" — erwiederte Jonathan — „auf der höchsten Stufe des Gesanges." „Ist es möglich?" fragte der Rabbi halb schlaftrunken. „Ich habe es gefühlt," — betheuerte der Schüler. „Du hast es gefühlt, sagst Du?" „Ja, ich habe es gefühlt rmd ganz deutlich empfunden." „Wie? Wie war es?" „Das weiß ich nicht mehr genau," — erwiederte Jonathan mit matter Stimme. „Ich will Euch aber den ganzen Hergang erzählen. Es war kurz nachdeni wir uus hingelegt hatten, Euch hatte der Schlaf übermannt, mich aber floh er, denn ich mußte unwillkürlich immer wieder und wieder an Eure heutigen Worte denken. Da überkam mich plötzlich das Verlangen, jene hohe Stufe zu erklimmen, auf der stehend der Mensch alles Irdische abstreift und jenen erhabenen, göttlichen Gesang anzustimmen fähig ist. Allein es wollte mir nicht gelingen, und vor Gram und Herzweh darüber fing ich an, bitterlich zu weinen. Es war ein seltenes Weinen: mein Herz, meine Seele, alle meine Glieder und Nerven weinten. Doch die Thränen waren nicht sichtbar, sie entströmten nicht meinem Augenquell, sondern ergossen sich durch die Seele direkt vor des Allmächtigen Thron. Hierbei verfehlte ich nicht, inbrünstig den Namen Gottes nach der von Euch mir anvertrauten Lehre anzurufen, und da wurde es plötzlich hell und sonnenklar in mir. Ich hielt zwar die Augen fest geschlossen, aber ich sah das Licht von tausend Sonnen, die mich der Welt entrückten und in ihren Strahlen über dem Erdball wiegten." „Und?" frag Rabbi David, vor Begierde brennend. „Alsdann" — fuhr Jonathan fort — „wurde mir so leicht, so leicht ums Herz. Ich fühlte eine bis jetzt nie gekannte Wonne, eine bis nun nie euipfundene Freude zog in meine Seele ein. Mein ganzes Ich jubelte so süß, so wonnig und fröhlich —" „Ich fange schon an zu begreifen," — schrie der Rabbi laut auf. „Nachher vernahm ich Plötzlich ein Gesumme verschiedener Töne—"