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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-23 · Heft 34 (23.8.1895) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 34 (23.8.1895)
Date
1895-08-23
Page
Seite 406 (sequence 12)
Language
German
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406 und seiner Aufforderung Folge leistend, einte sich die ganze Tischgesellschaft zum Preise Gottes, von dessen Brod sie gegessen. Sodann entfernten sich die Frauen, sowie Jene, die an dem etwa darauffolgenden Trinkgelage nicht theil zu nehmen beabsichtigten. Ehe das Gelage begann, wurde der Fußboden namentlich von den Brodkrumen zwischen den Sophas reingefegt und die Zwischenzeit von denen, die an der Mahlzeit theilnahmen, benutzt, um sich Bewegung zu verschaffen; denn „wer gegessen hat und nicht mindestens vier Ellen geht, dessen Essen geht in Berwesung über und erzeugt üblen Geruch". — Bei fröhlichem Gelage bekränzten Zecher schon in alten Zeiten ihr Haupt mit Blumengewinden (Jes. 28, 1, Weish. 2, 8), und Parfüm mannigfacher Art wogte durch die Trinkzimmer (Ps. 23, 5, Am. 6, 6, Weish. 2, 7). Diese Sitte fand namentlich in der römischen Zeit solche Verbreitung, daß in den Häusern der Vornehmen Sorge getragen wurde, daß es auch an Sabbathen an Räucherwerk nicht fehle, — mein entzündete zu diesem Zwecke am Freitag das Räucherwerk in durchlöcherten eisernen Pfannen oder Schüsseln, ließ es fortglimme» und öffnete am Sabbath die Löcher, aus denen der in der Pfanne angesammelte Duft in das Zimmer strömte. Auf diese Sitte allein ist der Brauch, am Ausgange des Sabbathes bei der Habdala auch Gewürze zu nehmen und über solche die Benediktion zu sprechen, zurückzuführen; der Grund, der später für den Brauch angegeben wurde, nämlich: der scheidenden Sabbathseele de» Abschied zu erleichtern, entstammt der kabbalistischen, irrthnmlichen Deutung des bildlichen Ausdrucks: mfp flötttt. entstammt einer Zeit, in der der Ursprung des Brauches, der sich unter dem Einfluß eines Vorganges im alltäglichen Leben entwickelt hatte, bereits vergessen war. Wie am Freitag Abend zu Beginn der eoena beim Trinken des Weins vor der Mahlzeit (sMN s") die Heiligung des hereinbrechenden Sabbaths im Kiddusch Ausdruck gefunden, so wurde auch am Ansgang des Sabbaths zu Ende der Mahlzeit (sllrrN "in^ir s") die Habdala gesprochen, an welche die Benediktion über das Räucherwerk, das hereingebracht wurde, und über das Licht angeschlossen ward. (Fortsetzung folgt.) e- Il-5 niKannimiiiEv? MnWvmM j * 1 FEUILLETON 1 g»3!IHLIIMllldH: ülsu!wllUuW'' — ---1 —I pmarnrnaB i- David und Jonathan? Von Albert Katz. f ie Zeit, in der talmudische Gelehrsamkeit bei den Juden hoch im Kurse stand, ist längst vorüber. Die alten „Jeschiboth“ (Talmndschnlen) sind von der Bildfläche verschwunden, das Talmudstudium hat den Namen „jüdische Theologie" erhalten und ist in Rabbinerseminare übergesiedelt, wo es nur noch von den künftigen Rabbinen und Predigern als ein „Baum des Lebens" gepflegt wird. Auch die einst so berühmte Jesclnbali in L. hat zu cxistiren aufgehört. Nur ihr ehemaliges Oberhaupt, der greise Rabbi David, und sein Jünger Jonathan, die unbekümmert um den Fortschritt der Zeit, in unverbrüchlicher Treue noch immer in der alten Klaus ver- ') Frei nach einer Skizze im Jargon von Leon Peretz-Warschau. weilen und „Tag und Nacht" dem Studium der Väterlehre obliegen sind die letzten Säulen, die von der verschwundenen Pracht zeugen. Rabbi David ist eine lange, hagere Gestalt. Ein langer, zerzauster Bart umrahmt sein Gesicht, aus welchem zwei blaue Augen gläubig und sorgenlos in die Welt hineinblicken. Sein Jünger Jonathan, ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, ist ebenfalls lang und schmächtig, hat eine blaffe Gesichtsfarbe, einen pechschwarzen Bart, lange Ringellocken an den Schläfen, eingefallene schwarze Augen, die finster um sich schauen und für die Freuden des Lebens keine Sehkraft besitzen. Beide, der Lehrer und der Schüler, tragen lange, schäbige Röcke, hohe zerriffene Stiefel und auf dem Haupte Käppchen, die wohl einst eine schwarze Farbe gehabt haben mochten. Sie allein sind also die Ueberreste der einst berühmt und von vielen Dutzenden von Jüngren besucht gewesenen ckesebidab. Ja, Rabbi David kann sich von der Stätte seiner früheren Wirksamkeit, seines ehemaligen Ruhmes nicht trennen. Hier hat er einst gelebt und hier will er sterben, und sein treuer Jünger Jonathan soll ihm, wenn es so weit sein wird, die Augen zudrücken. Die armen Gemeinde-Mitglieder betrachten sie als Heilige und suchen, so gut es geht, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Allein der Rabbi und sein Schüler nehmen die Mildthätigkeit ihrer Glaubensgenossen nicht allzu stark in Anspruch; sie verschmähen die Gaben von Menschenhand und — fasten oft. Ja, sie fasten, und zwar mit Vorliebe und aus gewissen Gründen; denn das Fasten verscheucht den Schlaf, und das Wachen veranlaßt den Menschen zum Nachdenken, erweckt in ihm die Lust zum Forschen nach dem Ueberirdischen, Reingeistigen und Ewigwahren. Und in der That, wenn man schon am Tage fastet und die Nächte durchwacht, warum soll man nicht einen Nutzen daraus ziehen? Ist es doch bekannt, daß Fasten und Kasteiungen dem Menschen die Pforten des Himmels erschließen und ihn in die geheimnißvollen Sphären der heiligen Engel und Seraphim versetzen! Kein Wunder also, daß sich unser Rabbi David und sein Schüler Jonathan schon lange mit der Kabalah (Geheimlehre) befassen und alle Räthsel der Weltorduung zu lösen bestrebt sind. Niemand außer ihnen ist in dem Beth-Hamidrasch anwesend. Es ist bereits Nachmittag, sie aber haben noch nicht gefrühstückt — indeß sie sind daran gewöhnt. Rabbi David ist in Gedanken vertieft. Doch bald fährt er mit der Hand über die Stirn, die bis jetzt ins Leere starrenden Angen zeigen plötzlich Leben und Bewegung, die Lippen thun sich auf, der Rabbi beginnt einen Vortrag, und der Schüler spitzt die Ohren und hört aufmerksam zu. „Das Singen, Jonathan, ist heilig, ein göttliches Kleinod. Nur die Auserkorenen und Heiligen sind von der Vorsehung mit der Gabe des Gesanges bedacht worden. Der Gesang äußert sich in mannigfachen Formen. Die niedrigste Stufe des Gesanges ist, wenn er in Wörter gekleidet ist. Eine höhere Stufe ist das Singen ohne Wörter. Aber der Gesang muß sich der Stimme des Menschen, seines Mundes, seiner Lippen bedienen — und die Lippen, Jonathan, sind physisch. Ja, die Stimme bildet die Grenze zwischen dem Geistigen und Physischen im Menschen. Darum ist ein Gesang, der, obwohl nicht in Wörter gekleidet, aber von den Lippen abhängig ist, noch immer nicht destillirt, noch immer nicht rein geistig. Der wahre Gesang bedarf der Stimme, der Lippen überhaupt nicht. Wenn es im Herzen singt, so daß sich das ganze Innere daran erbaut, die Seele dadurch in Begeisterung, Verzückung geräth, dann ist der Gesang von allen Schlacken des Physischen gereinigt und

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