Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 405 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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405 Knallbonbon-Mützen u. dergl. vorhanden, mit derartigen Kopfbedeckungen. Nun wird das Tischgebet hebräisch vorgetragen. Die Einen beten mit oder hören es ruhig an — das sind gewiß die, die es kennen und verstehen, jedenfalls die Gebildeten und Anständigen, Juden wie Nichtjuden. Andere setzen ihre Tischunterhaltung fort, noch Andere machen unpassende Bemerkungen. Ist das ein würdiger Abschluß der Hochzeitsfeierlichkeit? Und wer trägt die Schuld? Nicht das Tischgebet, aber seine hebräische Fassung. Ein deutsches Tischgebet, kurz die schönsten Stellen des Hebräischen zusammenfassend, ohne die (seltsamer Weise nur aus den Synagogengebeten, nicht aus dem Trauungs- und Tischgebet in den modernen Gebetbüchern beseitigten Erinnerttngeir an und Fürbitten für Jerusalem) würde der Feststimmung weit entsprechender sein, würde die Anwesenden, weß' Glaubens und welcher Richtung auch immer, innerlich erfassen, während die jetzige Form Vielen befremdlich erscheint; sie würde mit Einem Schlage die orientalische Frage der Hutanfsetzung beseitigen und dem religiös begonnene» Akt auch die wirtlich religiöse Schlußweihe geben. Unsere Zeit und unser heranwachsendes Geschlecht bedarf der religiösen Erhebung, kann rmd wird sie aber nur in schönen, entsprechenden Formen erkennen und würdigen. Geselligkeit und Geselligkeitssrenden in Bibel und Talmud. Von Dr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Berlin. 8. Wir haben lange die Einrichtung des Eßzimmers und den Lisch in Augenschein genommen. Inzwischen sind noch andere Gäste angelangt. Der Gastgeber tritt an Jeden von uns heran und äußert seine Freude darüber, daß wir seiner Einladung gefolgt sind. Bald eilen geschäftige Diener durch unsere Reihen, hier ein Glas Wein, dort Fische mit pikanter Sauce reichend — es ist der Vortisch, der die eigentliche Mahlzeit einleitet, durch den der Appetit angeregt werden soll. Die Sitzplätze werden nicht nach Belieben eingenommen, sondern werden uns angewiesen. Nicht wie im Lehrhnuse sitzt auch bei der Mahlzeit der Gelehrte auf dem ersten Platz, sondern der Aelteste und Vornehmste nimmt diesen ein. Neben ihm sitzt ein Leidtragender, auch ein Bräutigam, der mit uns am Mahle theilnimmt; sodann folgen die Uebrigen. Die Tischnachbaren machen sich mit einander bekannt, die aristokratische Gepflogenheit schürft es ein: man setzt sich nie mit Leuten zu Tische, die man nicht kennt. Nunmehr sind die Plätze an der Tafel vertheilt, zwei sind unbesetzt geblieben; der Hausherr greift »ach dem Verzeichnisse, das die Namen der Geladenen enthält, vergleicht, zählt die Gäste, sodann befiehlt er, die Thür zu öffnen, und mit vernehmlicher Stimme, die draußen gehört werden kann, ruft er: „Wer hungrig ist, er komme und esse mit!" — Stiller Ernst dämpft die lebhafte Unterhaltung; es mahnet das freundliche Wort, auch in der Stunde der Freude und des Genusses der Armen zu denken; es mahnt an den alten Grundsatz: wer einen Armen hungrig bei einer Mahlzeit stehen läßt, ist ein Hartherziger schlimmster Art. — Kaum hat der Hausherr die Worte gesprochen, da treten, als hätten sie die Einladung erwartet, zwei Fremde als zufällige Gäste ein; ihnen werden die zwei leergebliebenen Plätze angewiesen. Jetzt befiehlt der Hausherr dem Aufwärter, die rechte Seite des Vorhanges an der Eingangsthür.nach links zu kehren — ein in Jerusalem heimisches Zeichen, um anzudeuten, daß fortan keinem Gaste mehr der Eintritt gestaltet sei —, eine Vorsichtsmaßregel, die nicht ganz unnöthig war, denn auch in Jerusalem gab es wie in Rom, Tellerlecker, Gefräßige, die ein Schreck der Gastgeber und der Gäste waren, Schmarotzer, die dem Rauche der Oefen nachgingen. Nicht selten waren es fahrende Gelehrtenschüler, welche die ihrem Stande gegenüber gebotene Gastfreundschaft tüchtig auszunützen verstanden und allenthalben zn finden waren, wo es gute Bissen gab. 9. Nunmehr beginnt die eigentliche Mahlzeit. Wir erheben uns, um unsere Hände zu waschen. Keiner versäumt, dieses zn thun; denn wenngleich der Brauch des Händewaschens Reinheitsrncksichten seinen Ursprung verdankte, weswegen er auch vor dem Genuß von Früchten in Anwendung kam, so hat ihn später der Pharisäismus aus Opposition gegen den zumeist dem Sadduzäismus zuneigeudc» Priesterstande, um auch dem Genuß des Laien den Charakter des Priesterlicheu, des Heiligen anfzudrückc», zum charakteristischen Merkmal des Juden und des Jüdischen gestempelt; daher mit besonderm Nachdruck auf seine Erfüllung gedrungeir ward: wer das Gebot des Händewaschens gering schätzt, geräth in Arinuth, und Iver es nicht erfüllt, wird aus der Welt vertilgt. Jene, die ihre Hände bereits gewaschen habe», reichen dem Andern das Wasser und reiben mit einem Tuche ihre Hände trocken. Wir begeben uns auf unfern Platz. Der Hausherr oder der Obenansitzende, der das Brod brechen soll, spricht den Segen über dasselbe, »vorauf die Anwesende» mit „Amen!" einstimmen; sodann bricht, der den Segen gesprochen hat, das Brod und reicht auch den Anwesenden davon. Gegen die alte Gepflogenheit, das Mahl einfach sitzend einznnehmc», hat sich unter dem Einfluß fremder Sitten der Brauch eingebürgert, ans den kreisförmig angebrachten Sitzen der Tafelrunde den Platz so einzunehme», daß man sich mit dem linken Arm auf das im Rücken befindliche Kissen lehnt, während der rechte Arm frei bleibt. Als Regel für das Mahl gilt: man spreche nicht viel während des Essens, die Speisen könnten statt in den Schlund in die Luftröhre dringen, wodurch leicht der Erstickungstod herbeigeführt tverden kann. So hielten es auch die Perser; sie machten sich bei dem Mahl nur durch Zeichen verständlich. Während des Essens soll man auch vermeiden, einem Niesenden „zur Gesundheit!" zuzurnlen, damit er sich nicht verschlucke. Ansspucken vor Jemand, zumal während er ißt, galt als Beleidigung. Man esse nicht zu rasch — langes Leben ist verheißen denen, die lange bei Tische sitzen. Stets lasse man einen kleinen Rest von der Speise zurück; da, wo kein Rest zn sehen ist, da ist auch kein Zeichen von Sättigung wahrzunehmen. Einzelne pflegten auch während der Mahlzeit ihre Hände zu waschen, um sie zu reinigen; Andere wieder sie mit den Servietten, die vor ihnen auf dem Tische oder auf ihrem Polsterkiffen lagen, zn säubern. Zuweilen wurde auch Oel benutzt, um den Schmutz, der sich beim Essen an die Finger setzt, zu entfernen; auch der bei römischen Parvenüs heimische Luxus, das wohlriechende Oel, mit dem man »nährend der Mahlzeit die Hände bestrich, an dem Kopfe des zur Seite stehenden Dieners abznreiben, fand in Jerusalem Eingang und Nachahmung. 10. Der eigentlichen Mahlzeit schloß sich der Nachtisch an; feine Bäckereien, Konfekt, frisches und getrocknetes Obst wurde nmhergereicht. Zuweilen wurde auch, wie bei den Römern und Griechen, Salz genommen, um die Verdauung zu fördern rmd die Trinklnst zn wecken. Zur Reinigung wurde kaltes Waschwasser gereicht, hier und da auch Sesamtrester», die mit Jasminwasser geknetet, getrocknet und sodann zerstoßen wurden; auch Salben verschiedener Art und wohlriechendes Wasser, mit dem die Gewänder besprengt wurden, waren am Schluß der Mahlzeit in Gebrauch. — Derjenige, der für den Vortrag des Tischgebetes bestimmt war, wusch zuerst seine Hände,