Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 401 (sequence 7)
- Language
- German
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- 401 2. Das biblische und nachbiblische jüdische Schriftthum erklärt den Thierschutz als religiöse Pflicht und enthält eine Reihe durch ihn veranlaßterMnzelbestimmungen, sowie zahlreiche Beispiele innigen Versenkens in die Thierseele. 3. Die Schonung der Pflanzen ist um ihrer selbst willen und im Interesse der Menschen nach den Bestimmungen des jüdischen Schriftthums religiöse Pflicht. 4. Die.Schonung der Thiere und Pflanzen soll in der israel. Schule nicht nur als religiöse Pflicht gelehrt, sondern nach dadurch gefördert werden, daß der Lehrer bei den verschiedenen Zweigen seines Erziehungswerkes darauf bedacht ist, durch Lehre und Beispiel in den Herzen der Kinder die Uirsorgende Liebe zur Thier- und Pflanzenwelt zu wecken und zu pflegen. Das von dem Unterzeichneten Op penheim erstattete Korreferat deckte sich in den wesentlichsten Punkten mit dem Referate und führte nur die in letzterem mit weiser Beschränkung meisterhaft angedeutete methodische Behandlung etwas ausführlicher aus. Nach Ablauf der nunmehr eintretenden Pause ging man zur Generaldebatte über, in der zunächst der eingangs genannte Herr Rektor Peter, Autorität auf dem Gebiete des Thierschutzes, das Wort ergriff. Er dankte Herrn Dr. Munk für seinen vortrefflichen Vortrag und ist hocherfreut, daß er denselben auf einem feststehenden Grunde, — dem der Bibel — aufgebaut habe und nicht auf den sich vielfach widersprechenden und von der jeweiligen Zeitströmung abhängigen Ansichten der Philosophen. Er ist voll und ganz mit dem Referenten einverstanden, der den Thierschutz des ethischen Grundes wegen und nicht aus Zweckmäßigkeitsrücksichten empfiehlt, und regt an, das Referat durch Drucklegung weiteren Kreisen zugängig zu machen. — In seinen weiteren von großer Sachkenntniß zeugenden Ausführungen warnt Herr Rektor Peter vor Auswüchsen in den thierschützlerischen Bestrebungen, wie sie z B. in England (Kinderthierschutzvereine, prämiirte Aussätze) und Frankreich (besonderer Thierschutzunterricht — Vertheilung von Thierschutzkalender an Schulkinder) als vornehmer Sport getrieben würden, und hält es für richtig, daß der Unterricht im Rahmen des Schulunterrichts gehalten werden müsse, wie es beide Referenten betont und wie er es auch in seinen: (preisgekrönten) Leitfaden nachgewiesen habe. Reicher Beifall folgte diesen Ausführungen. Ein Antrag auf unveränderte Annahme der Thesen, sowie auf Drucklegung des Referates auf Kosten der Konferenz wurde ohne Widerspruch zum Beschlüsse erhoben. Auf Anregung des Herrn Levi-Hofgeismar trat ein großer Theil der Konferenzmitglieder dem hessischen Thierschutzvereine bei. An Anträgen lag nur der eine, von Herrn Neumark-Felsberg gestellte vor, in Zukunft die Jahresversammlung entweder zu Pfingsten oder an einem späteren Montage im Juli abzuhalten; der Antrag fand in der Versammlung nicht genügende Unterstützung. Unter den „Mittheilungen" interessirt wohl besonders diejenige, daß der emeritirte Kollege Rothschild-Treysa am 13. Juli seinen 90. Geburtstag feiere, zu welchem der Ausschuß eine Adresse überreichen würde. — Herr Neumark bat den Vorsitzenden, sich der Mühe zu unterziehen, die früher einmal in Aussicht gestellte hebräische Sprachlehre für israel. Volksschulen doch noch herausgeben zu wollen; Herr Dr. Stein will die Ausarbeitung, sobald seine Zeit es ihm gestattet, in Angriff nehmen. Die nächste Jahresversammlung wird zu Bockenheim stattfinden. Die Herren Rosenbaum-Zierenberg als Referent und Flörsheim-Wolfhagen als Korreferent werden über die „religiöse und sittliche Fortbildung der israelit. Schule" Bortrag halten. Auf Antrag des Herrn Heiser-Niedenstein wurde der seitherige Ausschuß durch Zuruf wiedergewählt. Der Vorsitzende schloß die 27. Jahresversammlung, indem er all denen herzlich dankte, die zum Gelingen derselben beigetragen hätten. Danach sprach Herr Rosenbaum-Zierenberg dem Ausschüsse für die umsichtige Leitung den Dank der Versammlung aus. Ein gemeinschaftliches Mahl, im Hotel Rosenthal eingenommen, schloß sich an die Konferenz au. Herr Dr. Stein brachte den Toast auf den Kaiser, der Unterzeichnete Amram auf den Vorsitzenden, Herr Gurkind auf die Referenten und Gäste und Herr Dr. Munk auf die Konferenz aus. Frohes Wiedersehen in Bockenheim! Die Schriftführer: G. Oppenheim. W. Amram. Die Aufgaben des deutsch-israelitischen Feh rer Verbundes. Ein Vortrag von M. Steinhardt, Lehrer in Magdeburg. nr hat unser Jahrhundert, das auf zahllosen Gebieten so unendlich große Fortschritte aufzuweisen hat, nach seinen charakteristischsten Errungenschaften mit verschiedeneil Namen benannt; bald nennt man es das Jahrhundert des Dampfes, das der Elektrizität, das des Parlamentarisrnus rc., ein Name noch gebührt ihm unstreitig mit denkbar größter Berechtigung: das Jahrhundert des Vereinslebens. Wohin wir ttnsere Blicke wenden, überall sehen wir gleiche Stäiide, gleiche Bernfsgenossenschafteii zu Verbünden organisirt, die sich meistens über das ganze deutsche Vaterland erstreckm, und wer wollte bestreiten, daß solche Verbände für ihre Mitglieder viel Gutes geschaffen, ihre materielle Lage gebessert und ihre soziale Stellung gehoben haben! Und wir verstehen sehr wohl es ztl würdigen, wenn heute aus den Reihen der Arbeiterwelt heraus der Ruf nach größerer Vereinsunb Koalitionsfreiheit erschallt. Neben solchen inehr den materiellen Interessen dienenden Vereinigungen sind aber and) jene zahllosen Vereine zu erwähnen, in denen gleichgesinnte Geister, von denselben idealen Bestrebungen geleitete Männer sich zusammengefunden haben, irgend eine sittliche Idee zu verfechten, der Menschheit ihre Dienste zu weihen. Man niag über die Vereinsmeierei. wie sie besonders ini lieben deutschen Vaterlande sich häufig breit macht, nicht mit Unrecht manchmal spötteln, nicht zu bestreiten ist jedoch die Thatsache, daß gar manches Edle, gar manches Große unb auch Nützliche ohne die Vereinsthätigkeit nicht entstanden wäre. In dem sich immer schwieriger gestaltenden Kampfe ums Dasein scheint es in der That, als ob das Einzelwesen gar nicht mehr die Kraft besitzt, sich behaupten zu können, sondern daß nur eine starke, wohlorganisirte Gesammtheit den Preis zu erringen vermag. Etwas, was man in allen Berufszweigen, in allen Ständen, in aller: Schichten der Bevölkerung auch längst eingesehen, und dessen Konsequenzen man folgerichtig gezogen hat, scheint innerhalb der jüdischen Lehrerwelt nur langsam zun: Berstündniß durchzudringen; hier glaubt man, es durchaus mit den Worten der Schweizer Freiheitshelden halten zu müssen: Der Starke ist am mächtigsten allein! Nun hat in dankenswerther Weise der Deutsch - israelitische Gelneindebnnd die Initiative ergriffen und uns den Weg gezeigt, auf welchem wir uns zusannnensinden können; allein sofort zeigte sich wieder in imferem Lager jene verhängnißvolle Uneinigkeit und euer noch weniger entschuldbare Jndifferentismus. Es hat mich tief verstinnnt. als ich, nachdem die Eirknlare des A. I. G. B. an die einzelnen Kollegen versandt worden waren, unmittelbar danach einen von zwei Kollegen des Großherzogthums Hessen Unterzeichneten Aufruf las, der ersichtlich darauf berechnet war, das in: Entstehen begriffene Einigllngswerk zu gefährden. In jenem Aufruf war der Schwerpunkt darauf gelegt, wir dürften uns nicht vom Gemeindebund ins Schlepptau nehmen lassen, wahrscheinlich wäre es jenen Herren lieber gewesen, wir hätten uns dafür von der „freien orthodoxe:: Vereinigung" ins Schlepptau nehmen lassen. Nein, ni l’un, ni Fautre; wir werden, um ein vielgebrauchtes Wort anzuwenden, das Gute nehmen, woher es immer komme, ohne darum unsere Unabhängigkeit und unser Selbstbestiunnnngsrecht preiszugeben. Vom Jndifferentismus geleitet, ruft man uns von anderer gegnerischer Seite zu: Wozu bedarf es eines jüdischen Lehrerbundes; existirt doch der große deutsche Lehrerbund, dem wir