Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 399 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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399 von je einem -Ober- und Unterführer geführt wurden. Die Mitglieder der Züge, welche in zwei Gliedern rangirt wurden, gehörten fast Alle dem Militär- und Sanitätsverein „Deutsches Vaterland" an, der sich um die erhebende Gedenkfeier große Verdienste erworben hat. Obwohl die Veteranen unter ihnen gar Manches durchgemacht, wurden der Marsch sowie die Aufstellung in militärischer Weise durchgeführt und während der mehrere Stunden andauernden Feier eine musterhafte Haltung in geschlossenem Zuge bewahrt. Die ersten Züge enthielten nur mit Orden und Ehrenzeichen dekorirte Kameraden mit ihren Unteroffizieren am rechten Flügel. Noch einmal ertönten Kommandos, und Alle standen in fester Haltung vor der Friedhofshalle. In der Halle hatten die Ehrengäste Platz genommen, die Angehörigen der im Feldzuge gefallenen Krieger, sowie die Mitglieder der Kranzdeputation des Vereins „Deutsches Vaterland", die Herren Sanitätsrath Dr. Züllchauer, die Kameraden Meyer, Tau und Kretschmer; die Brust des Letztern schmückte das eiserne Kreuz. Um 10*/* Uhr begann der Synagogenchor das Seelenseier-Lied „Enosch kechozir jomow" von Lewandowski unter Leitung des Dirigenten Herrn S. Baruch, und nachdem die ergreifenden Klänge verrauscht waren, bestieg Herr Rabbiner Dr. Weisse die vor der Halle errichtete Kanzel. Der Redner begann mit der Erinnerung an Jene, die in den Kämpfen für das Vaterland ihr Leben gelassen; vor 25 Jahren übertönte der Jubel des Sieges die Seufzer der Hinterbliebenen, der Schmerz und die Trauer verklärten sich in dem Bewußtsein, den Zoll der Treue auf dem Altar des Vaterlandes errichtet zu haben. Diese Männer waren treu ihrem Glauben und darum treu dem Vaterlande. In der Stunde, in der für Kaiser Wilhelm I. der Grundstein für ein Denkmal gelegt wurde, für ihn, der ein Vorbild der Demuth und der Gottergebenheit war, sei es auch an der Zeit, auf die Treue hinzuweisen, mit der die deutschen Juden auch ihrerseits am Bau der deutschen Einheit mitgeholfen. Sie haben das Wort Jeremias bewahrt: „Fördert das Wohl des Staates, in den euch Gott geführt". Als im Anfänge dieses Jahrhunderts sich das Volk zu den Freiheitskriegen erhob, haben nach dem Zeugniß des damaligen ersten Rathgebers der Krone die Juden seltene Beispiele hervorragenden Muthes gegeben. Auch in dem letzten Kriege, dessen fünfundzwanzigjähriges Gedenkfest wir begehen, standen mehr denn 12,000 Krieger jüdischen Glaubens — darunter auch viele Freiwillige — unter Waffen, viele haben das eherne Ehrenzeichen errungen, viele sind als Krüppel heimgekehrt. Wir gedenken heute dankbar des Fortschritts auf allen Gebieten, der Begründung des Reiches, die durch ihre Mitwirkung errungen. Es könne aber auch nicht verschwiegen werden, daß nicht mehr heute die Liebe und die Begeisterung herrschen wie vor 25 Jahren, da doch unter den Kampfgenossen der Haß selbst manche Abneigung hervorgerufen. Hier im Angesicht des Todes sei die Mahnung dorthin gerichtet, wo Haß und Zerklüftung genährt werden: Wer seinen Gott liebt, darf feinen Nebenmenschen nicht hassen, der Glaube muß uns demüthig und Liebevoll machen, und am tapfersten ist, wer sich selbst bezwingt. . . Nach Schluß der Ansprache intonirte der Synagogenchor die Trauerklänge von Beethoven. Wieder ertönten seitens des Kameraden Vizefeldwebel Kunz Kommandorufe: Bataillon stillgestanden, Deputation vor! Die Deputation mit den Kränzen für die gefallenen Krieger trat an die Spitze des Zuges, und es begann das Defiliren an den Gräbern der Krieger. Unmittelbar an den von der jüdischen Gemeinde mit Blumen und Guirlanden festlich geschmückten Gräbern der 5 aus dem 70er Feldzuge auf dem Friedhof Schönhauser Allee beerdigten Kameraden — einer, Stabsarzt Dr. H. Behrend, ruht an anderer Stelle des Friedhofs in einem Erbbegräbniß, andere sind an anderen Orten beerdigt, — machte der Zug Halt. Redakteur Max Karfunkel, der den Feldzug von 1870, damals als Hörer des Breslauer Rabbinerseminars, mitgemacht hat, trat vor und hielt folgende Ansprache, während die Kränze auf den Gräbern niedergelegt wurden: „Kameraden! Ihr, die Ihr vor 25 Jahren mit draußen wart (der Redner gab im Ganzen die Zahl der jetzt vom Verein „Deutsches Vaterland" vertretenen jüdischen Kombattanten auf 17 Offiziere, 67 Unteroffiziere und 72 Gefreite an), erinnert Euch mit Genugthuung des Geschaffenen, an dem nach unserm Theil mitzuhelfen wir berufen waren. Wir zogen hinaus, fest vertrauend auf die gute Sache, die gute Führerschaft und die Kraft des eigenen Armes. Damals fragte man auch nicht, ob der Krieger, der im Gefecht stand, Jude oder Christ war, und e feindlichen Kugeln haben auch nicht danach gefragt. Darum fällt heute umsomehr ein bitterer Tropfen der Wehmuth in den Becher der Freude, denn man versucht heute, allenthalben die Schranken wieder aufzurichten, die wir nach den glorreichen Tagen von 1870 gänzlich gefallen wähnten. Tiefgedrückt sind die Juden zu allen Zeiten gewesen, aber sie haben nimmer den Muth sinken lassen. Und wenn die Menschen die Erinnerung verwirren wollen, so sollen diese Steine reden, die den für ihr Vaterland gestorbenen Glaubensgenossen von ihren Angehörigen gesetzt sind, diese werden erzählen: Sie sind gestorben zum Ruhm ihres Gottes, zum Ruhm ihres Glaubens! Boruch meschanne ittim! So hoffen wir, daß Gott, der die Zeiten ändert, nach abermals 25 Jahren auch die gegenwärtige Zerklüftung ändert, so daß uns und unseren Söhnen freie Bahn im Vaterlande gegeben wird." Die Kameraden hatten tief ergriffen zugehört, ebenso die zahlreiche Menge, welche die Gedenksteine der gefallenen Krieger umgab, als Rabbiner Dr. Weisse mit lauter Stimme das Kaddischgebet sprach und Alle einfielen: Amen. An den Gräbern flössen die Thränen der anwesenden Angehörigen unaufhörlich. Möge ihr Schmerz geweiht und gemildert werden durch das erhebende Bewußtsein, daß Vater, Gatten, Brüder für eine große heilige Sache, in Erfüllung ihrer Bürgerpflicht ihr Leben eingebüßt haben. Unter den Klängen eines Chorals, ausgeführt von der Musikkapelle, zerstreute sich die Menge; der militärische Abmarsch des Militärvereins „Deutsches Vaterland", dem neben dem Vorstande der Gemeinde großer Dank für die erhebende Feier gebührt, vollzog sich erst nach geraumer Zeit. Der alten Krieger harrte noch eine große Aufgabe, sie betheiligten sich fast alle mit ihren Familien an dem zweiten Theil des Festes, dem Festkommers, der Nachmittags 5 Uhr in den großen Festsälen des „Grand Hotel Alexanderplatz" begann. Nachdem Herr O. Hirschfeld die Gäste und Kameraden begrüßt hatte — es waren weil über 1000 Personen anwesend — brachte Herr Karfunkel das Hoch auf Kaiser Wilhelm II. aus, an den das folgende von Herrn Rechtsanwalt Gutfeld verlesene Telegramm abgeschickt wurde: „500 alte Soldaten, Mitglieder des Militär- und Sanitätsvereins „Deutsches Vaterland", welche sich hier in den Festsälen des Grand Hotel Alexanderplatz vereinigt haben, um die ruhmreichen vor 25 Jahren von der Armee erfochtenen Siege festlich zu begehen, nahen sich in altbewährter Treue Ew. Majestät, ihrem erlauchten obersten Kriegsherrn, mit der allerunterthänigsten Bitte, das Gelöbniß ihrer ewigen Treue und Ergenbeheit huldvollst entgegennehmen zu wollen. I. A.: O. Hirschfeld." Nach dem von Fräulein Kroner vorgetragenen Weihelied, dem bekannten studentischen Landesvater, mit dem schönen Text „Alles schweige. Jeder neige ernsten Tönen nun sein Ohr," hielt Herr O. Kroner-Berlin, von den 2. Jägern in Greifswald, der als Mitglied des Vereins ehemaliger Jäger der deutschen Armee auch dem Festkomitee des in Greifswald gefeierten Säkularfestes seines Regimentes angehörte, die Gedächtnißrede für die gefallenen und in Frankreich 1870 bestatteten Kameraden Herr Kamerad Kunz, in seiner schneidigen Uniform eines Feldwebels der schwarzen Husaren, ließ nach einem deklamatorischen Vortrag mit Musik den Salamander auf die deutsche Armee steigen. Der Kommers schloß des Tages Feier würdig ab. Und nun zum Schluffe noch ein Blick auf die Gräber der^1870. gefallenen Krieger, welche auf dem jüdischen Friedhof, Schönhauser Allee, ruhen; sie befinden sich in bevorzugter Stelle unweit der Erbbegräbnisse, Dort schläft auch an der Seite seiner Gattin Stabsarzt Dr. H. Behrendt, den Herr Rabbiner Dr. Weisse an erster Stelle erwähnte. Mit Kränzen wurden zunächst die Gräber zweier Unteroffiziere geschmückt; der eine, Julius Rosenthal, geboren 9. Juli 1844, starb am 20. Oktober 1870 in.Folge seiner schweren Verwundung bei Marslatour im Barackenlazareth Nr. 2. Er war Unteroffizier im Infanterieregiment Nr. 72. Neben ihm schläft den ewigen Schlaf Robert Rahlson, geboren 17. September 1847, gestorben 12. Juni 1871 in Berlin, er erlag den Strapazen bei der Belagerung von Paris, wie die Inschrift auf seinem Denkstein kündet, nach monatelangen schweren Leiden. Auf der Heimkehr in die Heimath aus Feindesland starb Gustav Behrendt, geboren am 24. Dezember 1848, gestorben am 22. Juni 1871. — Unteroffizier im 57. Westfälischen Füsilierregiment war der daneben ruhende Joseph Königsberger, geboren zu Posen. Wie die Inschrift des dem Dahingeschiedenen von seinen bei der Feier vertretenen Angehörigen gesetzten Denksteines besagt, war er als Einjährig-Freiwilliger des 2. Garde-