Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- Seite 398 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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398 Weise gezeigt, in der es sei» Lebe» ei»zurichte» hat, um alle Stürme der Geschichte zu überstehe» und rein zu bleiben für seine welterlösende Aufgabe, »nnilich in den Worten: „Und es sollen gesegnet werden durch dich alle Familien der Erde!" Die erste Offenbarung Gottes in Israel war also die Verkündigung einer Religion der Familie, die in Israel von Geschlecht zu Geschlecht fortzuleben und einmal die ganze Menschheit zu umfassen hat. Seit jenen Tagen ist der Genius der jüdischen Familie nicht gewichen von Israel, das der Bannerträger dieses Menschheitsgedankens geworden ist — und nun sollten wir in dieser neuen Zeit bange verzweifeln müssen an der Zukunft des jüdischen Familienlebens? Das wäre ein Verbrechen wie keines, das wäre eine Thorheit, die in der Geschichte ihres Gleichen nicht hat. Wie einst in alten Tagen, so muß auch heute wieder von allen Kanzeln und in allen Schulen und durch alle Gemeinden und an jede Familie die eindringliche Mahnung ergehen: das alte Pastadinm unseres Stammes, den Geist der Reinheit und Sittlichkeit zu bewahren und zu pflegen, damit dieses heilige Erbgut uns nicht verloren gehe. Rein, lvie trübe auch die Verhältnisse sich gestalten möge», wir können und dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, daß auch die Bethörten wieder zu ihrem Gotte, zu ihrem Glauben, zu dem innigen Faniilienleben zurückkehren iverde». Auch in dieser durch und durch nnterwühlten Zeit lasset uns das Banner der alten jüdischen Sitte Hochhalte» vor den Augen aller Völker. „Und du sollst ausmerzen das Böse ans deiner Mitte. Rein sollst du sein mit dein Ewigen deinem Gotte". „Himveg! Hintveg! Ziehet aus von dort! Rühret nichts Unreines an! Ziehet fort ans dem Bereiche Babels. Reinigt euch, ihr Waffenträger Jahves!" Me Woche. Berlin, 20. August. ieoerholt sind in letzter Zeit Nachrichten über Beschrünknngen im deutsch-russischen Grenzverkehr, speziell für Jude», durch die Blätter gegangen. Es ist bekannt, daß bei Verhandlungen über den deutsch-russischen Handelsvertrag die Angelegenheit von den deutsche» Bevollmächtigten mehrmals in den Kreis der Besprechung gezogen wurde. Aber ohne Erfolg. Von Seiten der russischen Bevollmächtigte» wurde mit aller Entschiedenheit betont, daß dieser Punkt überhaupt jeder Diskussion sich entziehen müsse. Aber die Frage liegt nahe, ob nicht jetzt für eine neue Behandlung dieser Frage das Terrain auch in Rußland viel günstiger läge, Und ob es nicht a» der Zeit wäre, die Hilfe des auswärtigen Amts für Aufhebung dieser Beschränkungen, die doch deutsche Staatsbürger vor Allem betreffen, anznrnfen. Es ist kein Zweifel, daß Seitens der deutschen Behörden einem solchen Ansuchen, wenn dasselbe zu gelegener Zeit käme, bereitwillig entsprochen werden würde. Und selbst unsere lieben Antisemiten könnten dagegen nichts eiuzuwenden haben. Wo bliebe sonst der nationale Stolz, der sich ja wohl nicht nur gegen den französischen, sondern auch gegen den russischen „Erbfeind" zu bewähren hat? * Der bekannte Vorkämpfer katholischer Interessen, Pfarrer Majunke, hat jüngst in einem Artikel über die Streitigkeiten im Eentrnm einen Satz folgendermaßen emgeleitet: „Da wir aber, auch wenn wir keinen „Kulturkampf" haben, ein Fuder Wein lieber bei einem gewissenhaften Katholiken, als bei einem Heiden oder Juden kaufen — wer ein Protestant sei, weiß man heute nicht mehr, da ein Protestant dem andern die Qualifikation dazu abspricht —" u. s. w. Protestantische Pastoren schreiben wenigstens noch „Juden und Heiden", katholische Pfarrer aber gar „Heiden und Inden". Also zuerst die Heiden, dann die Juden! * Die Juden in Rußland sollen nunmehr ein Rabbinerseminar erhalten. Die „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden in Rußland" hat kürzlich dem Unterrichtsminister das Projekt einer Seminargründung unterbreitet. Der Vorstand des genannten Vereins hat eingehende Erkundigungen über die Entstehungsgeschichte und die Einrichtungen, Lehrpläne u. s. w. der westeuropäischen Rabbinerseminarien eingezogen, und dieses dem Unterrichtsministerium vorgelegte Projekt ist nach europäischem Muster zugeschnitten; es unterscheidet sich von dem letzteren hinsichtlich des Lehrplanes nur insoweit, als dem Talmudstudium bedeutend mehr Pflege gewidmet werden soll. Die Entscheidung, welche vom Ministerium binnen Kurzem erwartet wird, dürfte entschieden günstig ausfallen, da ja im Prinzip von der Behörde weltliche Ausbildung der Rabbiner verlangt wird. Allerdings sind die erforderlichen Mittel zur Errichtung eines Rabbinerseminars noch nicht flüssig, nur in Odessa sind etwa 80,000 Rubel für diesen Zweck gezeichnet, jedoch gedenkt der Verein durch Cirknlare unter den russischen Juden das erforderliche Kapital aufzutreiben, und ein großes Verdienst um die russische Judenheit würden sich sicher die Wohlthätec erwerben, welche dieses Institut zu fördern sich zur Aufgabe machen. & Auch die Unruhen in Mazedonien gehen nicht spurlos an den bulgarischen Juden vorüber, wie die folgende Mittheilung unseres Korrespondenten aus Sofia vom 15. d. M. beweist: Das mazedonische Komitee machte in der vergangenen Woche wieder von sich reden. Es hatte die Kühnheit, drei hiesigen Juden die Aufforderung zuzuschicken, man solle ihnen alsbald 10,000 Francs zu Revolutionszwecken senden. Und als die Betreffenden auf diese Forderung nicht antworteten, schickten mazedonische Aufrührer an den stellvertretenden Grandrabbin Jizchak Bakisch einen Drohbrief, in dem fie die Summe von 10,000 Francs energisch forderten. Beide Briefe wurden der Regierung zur Einsicht übergeben. Den Mazedoniern aber wurde weder Geld noch eine Antwort zu Theil. Von einzelnen dieser Führer kann man in unbewachten Momenten erfahren, daß mit Ausbreitung der Revolution die Aufständischen zuerst sich auf die Juden und dann erst auf die Türken werfen werden. Freilich ist dieses edle Vorhaben leichter gedacht als vollsührt, da die Türken sehr geübte Kopfabschneider sind und die Banden durch ihre geschickte Operationsweise rasch dezimiren. So lange die Türken allein in Mazedonien regieren, können unsere Brüder ganz ruhig sein. Wer aber kann bestimmen, ob nicht einmal die europäischen Mächte sich entschließen werden, russische Arbeit zu leisten? Nie Gedenkfeier der stegreichen deutschen Kämpfe 1870/71. Berlin, 20. August. ®j)S( ilitärische Kommandorufe sind selten auf jüdischen Friedhöfen; ^c^)V mn Sonntag den 18. August ertönten sie auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe zu Ehren der im Kriege 1870 ihren Wunden erlegenen, dort ruhenden Kameraden. Etwa 500 alte Soldaten, unter ihnen wohl die Hälfte Veteranen aus den großen Kämpfen um Deutschlands Einheit, traten mit einem Musikkorps um 10 Uhr vor der festlich geschmückten Halle auf dem Friedhofe in vier Zügen an, welche