Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 männlichen Mitglieder unserer Gemeinde stattfinden wird. Solche Gemeindefeste sind die besten Mittel, den Gemeinsinn zu beleben und das Interesse am Gemeindeleben zu stärken. — Der „Hannoversche Courier" schließt seine Mittheilung über die Vereinigung jüdischer Studirender an der Universität Berlin und über die in Heidelberg vor einiger Zeit gebildete farbentragende jüdische Verbindung mit den Worten: „Durch derartige Gründungen, die geflissentlich die Absonderung der jüdischen Studenten herbeiführen wollen, wird dem Antisemitismus überaus wirksam Vorschub geleistet." Die ehrlich gemeinte Warnung, die in diesem Satze ausgesprochen, hat Vieles für sich und sollte in den betreffenden Streifen nicht unbeachtet bleiben; die Gefahr, die in dieser 'Absonderung liegt, zu der die augenblicklich auf den meisten Universitäten herrschenden Verhältnisse getrieben haben, darf für eine spätere, bessere Zeit nicht unterschätzt werden. (>. Kehl, im August. Ohne Zweifel wird Sie ein ausführlicher Bericht über die Gerichtsverhandlung interessiren, welche vor dem hiesigen Schöffengericht wegen Beleidigung der jüdischen Soldaten jüngst stattgesunden hat. Am 9. September 1894 hielt Thomas Reuther, damals Redakteur des „Bad. Volksboten" in Heidelberg, jetzt Käsehändler in Offenbach a. M., eine antisemitische Versammlung in Scherzheim bei Lichtenau in Baden ab, in welcher er neben den üblichen Schimpfereien über die Juden die Behauptung aufstellte: „Die Juden besitzen keinen Patriotismus, 1870 sind die jüdischen Soldaten mitgegangen, weil sie mußten, siedrückten sich aber, wo sie konnten und gingen lediglich darauf aus, die verwundeten und tobten Soldaten auf dem Schlachtfelde zu berauben und sich durch Aneignung deren Pretiosen zu bereichern." Reuther, der nie Soldat gewesen und daher von militärischem Ehrgefühl keinen Begriff haben kann, hatte wohl selbst nicht geahnt, welche furchtbare Beleidigung er mit dieser Behauptung allen Juden zufügt, welche 1870 mitgekämpft und Gut und Blut für das Vaterland gewagt haben. Mit Recht hat daher der „Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus" diese Beschuldigung zum Gegenstand einer Beleidigungsklage gemacht, welche endlich am 27. v. M. vor dem Schöffengericht in Kehl zum Austrag kam. Im Laufe der Verhandlung wurden die Aussagen Reuthers durch den die damalige Versammlung überwachenden Gendarmen und durch den Bürgermeister des Ortes bestätigt. Reuther, der noch nicht einmal den Versuch machte, den geringsten Wahrheitsbeweis für seine Behauptung anzutreten, leugnete seine Aussage, er habe nicht alle jüdischen Soldaten gemeint, er lasse Ausnahmen gelten und dgl. Der Vertreter der klagenden Partei, Rechtsanwalt Freiherr Schott von Schottenstein aus Straßburg i. E.. entgegnete treffend hierauf, Reuther hätte dies in Scherzheim bei der Versammlung sagen sollen, dann wäre die Klage wahrscheinlich unterblieben. Nicht nur als Anwalt habe er diese Vertretung übernommen, sondern als ehemaliger Soldat, der 1670 mit dabei war. Damals hätte man keine Christel! und Juden gekannt, sondern nur Soldaten, es sei ihm Bedürfniß, hier für das aufs Schwerste gekränkte Ehrgefühl seiner Kameraden einzutreten. Das Urtheil lautete auf drei Wochen Gefängniß und Tragung sämmtlicher Kosten; in der Begründung führte der Vorsitzende des Gerichtshofs aus, daß Reuther zwar ein „bezahlter antisemitischer Agitator" sei, zu deren Beruf das Hetzen gehöre, aber man müsse doch darauf achten, daß wenigstens die Armee vor dieser Zeitströmung bewahrt bleibe. Als Nebenkläger lvaren Kaufmann Joseph Merklinger von Badersweier und Handelsmann Simon Bloch von Rheinbischofsheim erschienen; der Erstere hat die Feldzüge 1600 und 1870 1671 rnitgemacht, der Letztere hat sich 1870 wegen hervorragender Tapferkeit vor dem Feinde eine allerhöchste Auszeichnung erworben; ein Vergleich zwischen diesen beiden Männern, die ihren Patriotismus praktisch auf dem Felde der Ehre bethätigt haben, und dem Angeklagten lag nahe und fiel wahrlich nicht zu dessen Gunsten aus, so daß einer der Nebenkläger versicherte, er hätte sich nicht an der Klage betheiligt, wenn er R. vorher gekannt haben würde; er meine, solch ein Mensch wäre überhaupt nicht im Stande, einen alten deutschen Soldaten zu beleidigen. 2p? Kassel, 8. August. Ich habe Ihnen heute eine Trauerbotschaft zu melden. Gestern starb hier der Rechtsanwalt und Notar, Justizrath Jakob Hirsch, einer der ältesten hessischen Anwälte, der wegen der Gradheit seines Charakters allgemeine Beliebheit und Achtung genoß. Seine Bet Heiligung an den Versaffungskämpfen veranlaßte die kurhessische Regierung, ihm die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft zu versagen, und diese Zulassung wurde ihm erst nach der Einverleibung zu Theil. Seine Selbstlosigkeit und seine Betheiligung an allen gemeinnützigen und wohlthätigen Bestrebungen schufen ihm eine große Zahl von Freunden, die seinen Tod aufrichtig beklagen. Der Verstorbene nahm auch regen Antheil an dem jüdischen Gemeindeleben und war bis zu seinem Tode Mitglied und Sekretär des israelitischen Kirchenvorsteheramts in Kassel und vieler hiesigen Wohlthätigkeitsvereine. Friede seinem Andenken! o. Geisig, 9. August. Hier fand am 2. d. M. die Einweihung der neuerbauten Synagoge statt. Die Weiherede hielt Bezirksrabbiner Dr. Weingarten in Gegenwart vieler jüdischer und christlicher Gäste und fesselte durch seine ergreifenden Worte alle Zuhörer. Die Dörfer der Umgegend hatten sämmtlich Deputationen zum Feste geschickt, doch sie mußten vor der Synagoge Platz nehmen, weil der enge Raum sie nicht fassen konnte. Tie Festoersammlung, die am Abend stattfand, legte besonders Zeugniß ab von dem friedlichen harmonischen Verhältniß, in dem die gesammte andersgläubige Bürgerschaft mit den israelitischen Mitbürgern sich befindet. Die Reihe der Reden wurde von Herrn Bezirksrabbiner Dr. Weingarten durch den begeistert ausgebrachten und begeistert aufgenommenen Kaisertoast eröffnet. Lehrer Friedberg aus Koblenz toastete auf die Civilgemeinde, und der Bürgermeister des Ortes auf die jüdische Gemeinde. Die Festlichkeit am nächsten Tage wurde eingeleitet durch eine treffliche Predigt des Herrn Dr. Weingarten. Das ganze Fest nahm einen sehr schönen Verlauf. W. Bad Ems, 8. August. Am 31. v. M. fand zu Ehren des hier plötzlich verstorbenen langjährigen Emser Kurgastes, Herrn Professor Dr. Josef Derenbourg aus Paris, ein Trauergottesdienst in der Synagoge unter sehr zahlreicher Betheiligung von Kurgästen statt, die den berühmten Verblichenen persönlich oder ans feinen Werken kannten. Bezirksrabbiner Dr. Weingarten als Ortsrabbiner widmete dem Verstorbenen in formvollendeten, tief empfundenen Worten einen Nachruf, indem er ihn als Gelehrten und Menschen schilderte und darauf hinwies, das blos der Körper zur Ruhe bestattet würde, der Geist aber als hellleuchtender Stern am Gelehrten Himmel weiterglänze. Hierauf bestieg Herr Rabbiner Dr. Guttmann aus Breslau die Kanzel, um seinem Heimgegangenen Freunde unter Thränen den letzten Gruß zu senden. Die Liturgie hatte Herr Oberkantor Luckardt aus Hannover übernommen. A. Hattingen a. d. Ruhr, 7. 'August. Einen herben Verlust hat unsere Glaubens- und Stadtgemeinde unerwartet erlitten. Am Sonntag den 4. d. Mts. starb nach nur sechstägigem Krankenlager der Kaufmann Nachmann Gumperz. Seiner Familie ist das geliebte Oberhaupt, der hiesigen jüdischen Gemeinde ihr langjähriger Führer und Vorsteher, der Kommune ein Mann, der für ihr Wohl als Stadtverordneter in Liebe gearbeitet hat, entrissen worden. Ein großer Leichenzug bewegte sich bei seiner Beerdigung denr jüdischen Friedhof zu, um dem edlen Heimgegangenen die letzte Ehre zu erweisen. Biederkeit des Charakters, strenge Redlichkeit im geschäftlichen Verkehr und Liebenswürdigkeit im Umgang machten ihn beliebt bei allen Konfessionen. Sein Tod bringt in unserem Gemeindeleben eine kaum zu ersetzende Lücke hervor. 3E Karlsruhe, 12. August. Der Redakteur, Drucker, Verleger und Setzer des antisemitischen Organs „Deutsche Volksmacht", Ehr. Faaß, hatte vor einiger Zeit wiederholt an ausfallender, schwarz eingerahmter Stelle folgende Warnung veröffentlicht: Du sollst dein Recht keinem jüdischen Advokaten, deinen Leib keinem jüdischen Arzt, deine Kinder keinem jüdischen Lehrer anvertrauen, auf daß ihr nicht Schaden nehmet an Ehre, Leib und Seele!" In Folge dieser verhetzenden Aufforderung fühlten sich neun israelitische Aerzte der Stadt in ihrer Ehre gekränkt und in ihrem Berufe geschädigt, weshalb sie Klage gegen Faaß angestrengt haben. Neuerdings hatte er sich vor dem Schöffengericht wegen Beleidigung eines angesehenen Bürgers zu verantworten. Als der Großherzog vor einigen Wochen die verschiedenen gewerblichen und industriellen Etablissements hier besuchte, befand sich unter den führenden Herren auch Herr Rudolf Herrmann. Das genannte antisemitische Blättchen brachte daraufhin einen unqualisizirbaren Artikel, der sich über die israelitische Religion Herrmanns in hohnsprechender Weise lustig zu machen suchte. Herrmann erhob gegen Redakteur Faaß Beleidigungsklage, und das Schöffengericht verurtheilte denselben zu 150 Mark Geldstrafe. 8. Gailingen, 6. August. Gestern fand die Enthüllung des von der Gemeinde Gailingen für ihre Helden von 1870/71 errichteten