Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 396 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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396 So war das seltsame Zusammentreffen auf ganz natürliche Weise erklärlich. Selbstverständlich führte Doktor Lukas die Behandlung des kleinen Patienten, dessen Heilung ganz normal verlief, völlig zu Ende. Selbstverständlich blieb er unser Aller Hausarzt, wie ihm auch nach und nach die ganze Praxis auf unserer Begüterung und in Folge dessen noch in den meisten übrigen Gütern zufiel. Intime Freunde sind sie nie geworden, der Majoratsherr und der Judendoktor, dazu war ihr Standpunkt von Grund ans z» verschiede». Allein über der endgiltig begrabenen Vergangenheit baute sich ein wohlthuendes Verhältnis; gegenseitiger Achtung und Anerkennung auf, das wcrthvvller war und dauerhafter blieb, als vielleicht eine Sludcnteufrcundschast geworden wäre, wie sich deren so manche in Kneipe und Fcchtbodcn eiitspinuen, und welche den Keim baldigen Endes schon in sich tragen. Ich selbst habe in meinem späteren langen Leben manche jungen Männer kennen gelernt, doch kaum einen, dessen in sich gefesteter, zielbewnßier Charakter und braves Herz im Verein mit vielseitiger Begabung mir solch' Vertrauen eingeflößt, solche Achtung abgernngen hätte, wie der Judendoktor von Herrcnstein. Are kleine Kapelle mit der großen Sammelbüchse. Nach dem Ungarischen der Marie Jöszai von E. Bl. si Pisty-i», 10. August. in schönes Gotteshaus ist ein erhebender Anblick. Es ist immer das verkörperte Bild der Kraft. Wer könnte es leugnen, daß die Religion die größte Kraft ist, die aus dem Schwächsten einen Helden macht? Tie Religion ist Kraft: Der Jude ist religiös — der Jude ist stark. Die traurig vor sich hinblickeuden diistern Gestalten, die während des Musikkonzertes auf den abseits liegenden Bänken des Partes so gedrängt nebeneinander sitzen, denen Jedermann answeicht und die durch ihre große Zahl unangenehm zu lvcrden anfange», da sie täglich mehr Bänke einnehmen — diese stillen Leute mit den, langen Röcken sind sehr stark. Ihre Kraft hat ihnen auch hier, in dem Staubmeer, ein solch prächtiges Gotteshaus geschaffen, daß des Menschen Auge, einen Blick auf die im heißen Staube sich hinzichenden schmutzigen Gassen Pistyäns werfend, freudig daran haften bleibt und mit Vergnügen an den Sternenfcnstern des selbstbewußt hervorragende» jüdischen Gotteshauses ansruht, auf dessen Frontseite die Steiutafeln mit den zehn Geboten zu sagen scheinen: Ich erhebe mich hoch über euch Wohnnugen schwacher Menschen, die ihr das Elend deckt, denn ihr seid der Leib, ich aber bin die Seele! Das ist der jüdische Tempel in Pistyün. Ich sage nicht, daß zur Ehre unseres guten Gottes kein Lokal wäre. Es mag so groß sein, wie etwa einer meiner Kleiderschräuke. Wenn drei alte Frauen und der blinde Bettler drinnen nieder kniccn, da habe ich mit meiner Wirthschafterin nur auf der Gasse Platz. Ich wrmdere mich, daß diese unverschämt lange Büchse mit der großen Ocffuuug, welche den halben Eingang versperrt, nicht schon 3) Obige Skizze aus der Feder der gefeierten ungarischen Tragödin, Marie Jäszai, selbstverständlich keiner Semitin, erschien in der dieswöchcntlichen Nummer des „Magyar Gdniusz". längst das Ganze verschlungen hat. Ich wundere mich, daß der liebe Herrgott in seinem Unmuthe nicht schon längst dieses „Haus" in den Sack steckte. Und da ist der Patronatsherr ein dreißigfacher Millionär, ein ungarisch - ultramontaner katholischer Magnat, der im Mcignatenhciuse gegen Szilagyi donnerte, weil die Regierung die Lämmer Gottes nicht in den Stall der Kirche lenke. Ich sage nicht, daß nicht Alles geschieht, um Geld für eine prächtige Kirche zu beschaffen; man bettelt die Kranken an; es ist ja jeder nach Pistyän Ankommende ein geeignetes Subjekt der Wohlthätigkeit, er ist dazu mürbe gemacht. Dem Kurgast wird eine ganze Liste wohlthätigcr Zwecke vorgelegt, welchen Spenden zu widmen sind, und an erster Stelle steht die Sammlung für die katholische Kirche. Es werden Tauzunterhaltungeu mit Tombola, Bazare - von jüdischen Damen veranstaltet, und zu diesem Zweck tanzt - die jüdische Jugend der Umgebung. Ich habe es gesehen. Der anmuthige Eifer, mit welchem sich die Frauen und Töchter der jüdischen Aerzte als Slovakinnen, Ungarinnen, Ziegeuueriuneu verkleideten, wie sie wetteiferten für die katholische Kirche nur mehr Geld aus den Taschen ihrer Berwandten und Bekannten herauszufischen, das hat mich so ergriffen, daß ich nach Hause ging und schluchzte wie ein geprügeltes Kind. Und immer dachte ich nur daran: Warum bin ich jetzt nicht reich? Ich sage nicht, daß die Familie des Patronatsherru an den Bazaren nicht thcilgenommen hätte; auch die Komtessen schlugen ein Zelt auf, in welchem sie Weihwasser verkauften, aber weit von den jüdischen Damen, 1i dom;, jenseits der Waag, auf der Insel, wo sie allein »ud abgesondert waren imb wo sie gerade so viel verkauften, als das Weihwasser fiir die Kirche kostet. Also wer ist der Starke? Bas Iahrzeitlämpchen?) Von I. E. Poritzky. fas junge Judenweib schaut bleich. Verzweiflungsvoll in die Wiege, Sie singt ein müdes Schlummerlied Und schaukelt die leere Wiege. Das Jahrzeitlämpchen brennt sie au Und wiegt es auf ihren Händen, Und preßt's, als wär's ihr todtes Kind, Ans Herze, und möcht' so enden. Wehsel'ge Thränen fallen stumm Der Wahnsinnigen aus den Augen — Die kleine Flamme sehnsuchtsvoll That sterbend die Thränen saugen. Und nächtig schaurig wird's ringsum . . . Die Sterne funkeln ins Zimmer, Da steht das bleiche Judenweib Und weinet und singt noch immer.. .. *) Im Nachlaß Heinrich Heine's fand sich unter mancherlei Gedankensplittern, Bildern und Farbenstrichen auch das folgende: „Die wahnsinnige Jüdin, die das Jahrzeitlämpchen des Kindes wiegt". Das schauerliche, echt poetische Bild hat einen begabten jungen Dichter zu obigen Versen begeistert. Die Red. Truck und Bertaa von Rudolf Mosse iu Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: M ax Baucbwitz in Berlin.