Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-16 · Heft 33 (16.8.1895) · p. Seite 395

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
Seite 395 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228128--52063-3272839
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

395 Ich erklärte mich zu Allem bereit, und nun begannen die Vorbereitungen. Ein elegantes Kofferchen wurde hereingebracht und Alles zur Operation auf einem großen Tisch hergerichtet. Das Zimmer ward noch Heller erleuchtet, und dann begann das ernste Werk. Es dauerte ziemlich lange, bis die Narkose vollständig war; die kräftige Natur des Kleinen sträubte sich gegen die Bewußtlosigkeit. Er schlug mit Händen und Füßen lim sich und machte es uns schwer, ihn zn halten. Endlich lag er regungslos da. Die Dienerschaft hatte gemessene Befehle für ihr Verhalten. Der Tisch, ans welchem der Knabe lag. hell von der Lampe beschienen, war so gestellt, daß ich dem Doktor gegenüberstand mit dem Blick gegen die Eingangsthür. Ec hatte seinen Rock abgelegt und war nun mit einem weißen Leinwandmantel bekleidet, in welchem er aussah wie ein Opferpriester mit dem blitzenden Messer in der Hand. Alle seine Beweglingen waren fest und sicher; ich wandte, seiner Anordnungen gewärtig, keinen Blick von ihm. Eben setzte er das Messer an zu dem verhängnißvollen Schnitt, da entstand im Korridor ein Geräusch von eiligen Schritten, und die Thür ward geöffnet. Ein zorniger Blitz aus den weilgcöffneten Augen des Arztes fuhr über mich hinweg nach dem großen Spiegel dicht hinter mir. . . Plötzlich sank die Hand mit dem Messer nieder und eine erschreckende Blässe überzog das eben noch leicht geröthete junge Antlitz bis in die Lippen. Einen Augenblick stand er wie zu Stein geworden, hinter ihm. ebenfalls wie angewurzelt, die entstellten Züge fahl vor Erregung, mein Vetter. Ich wagte mich nicht zu rühren, sondern schaute athemlos, zitternd vor Schreck auf Doktor Lukas. Mit fast übermenschlicher Anstrengung rang dieser sichtlich nach Fassung; ei» blntiger Tropfen lag auf seinen festgeschlossenen Lippen. Plötzlich erhob er, als sei nichts geschehen, das Messer von Neuem und senkte es in den Hals des Knaben. Was er dann noch that, sah »ch nicht; mir schwindelte, ich schloß die Augen. Im Zimmer herrschte Todesstille; auch das schreckliche Röcheln des Kranken hatte aufgehört. „Er ist todt! Mörder, Du hast ihn umgebracht!" gellt es plötzlich neben uns, und Kurt, mein Vetter stürzte vorwärts, mit erhobener Faust, als wollte er sich auf den Arzt werfen. „Kurt!" schrie ich und streckte beide Hände aus, als könne ich den Bedrohten schützen. Dieser regte sich nicht, lieber das Kind gebeugt, horchte er, als ginge die ganze Außenwelt ihn nichts an. . . Jetzt richtete er sich langsam auf und seine, in seltsamem inuern Feuer glühenden Allgen fest auf das entstellte Antlitz des Majoratsherrn heftend, sagte er mit seiner klangvollen unbewegten Stimme: „Er ist gerettet." — Weiter nichts. Die wliudervoll geformte kraftvolle und doch so zarte Hand stützte sich einen Augenblick fest auf deir Tisch; ein leises Zittern fuhr, wie mir schien, durch die geschnieidige Gestalt. „Gerettet!" wiederholte ich glückselig und beugte mich zu dem Kinde nieder. Leicht und regelmäßig wie schon lange, ach so lange nicht mehr, hob sich die kleine Brust in fast unhörbaren Athemzügen. Nascher fast, als es sich erzählen laßt, war dies Alles geschehen. Ein leichtes Geräusch machte mich aufsehen. In der Thür stand Adele, auf die Boirne gelehnt. Aufgeschreckt durch den eindringenden Kurt, hatte sie sich nicht länger zurück halten lasten. „Gerettet!" flüsterte sie mit entzücktem Lächeln und warf sich vorwärts eilend an die Brust ihres Gatten; dann zog sie ihn mit sich ins Nebenzilnmer. Dort blieben sie. Der Arzt hatte unterdeß alles noch Nothwendige gethan, dann legten wir den Kleinen in sein Bettchen zurück. Die Narkose war bereits in Schlaf übergegangeu; ich stand neben Hans Ulrich mit gefalteten Händen, ich glaube, ich weinte. Doktor Lukas ordnete jetzt seine Instrumente. Da kam Kurt zurück. Mit einem Ausdruck in seinen dunkelgerötheten Zügen, den ich mir nicht zn deuten wußte, schwankte er durch das Zimmer, als gehe er auf einem Schiflsverdeck, an das Bett seines Söhnchens, und stand über ihn gebeugt, als könne er sich nicht satt sehen an dem lieblichen Gesichtchen, das sehr bleich aber friedlich zwischen den weißen Kiffen und Hüllen ruhte. Dann trat er mit gesenktem Blick auf den Arzt zu. der eben seinen Koffer geschlossen hatte. „Ich habe Sie in meiner Todesangst schwer beleidigt," sagte er mit etwas rauher Stimme, deren Beben er nicht zu bemeistern vermochte. Doch der Arzt ließ ihn nicht weiter reden. Ihre Beleidigungen treffen weder den Arzt noch den Menschen," entgegnete er mit eisiger Höflichkeit. „Gnädiges Fräulein," wandte er sich zu mir, „ich darf wohl darauf rechnen, daß alle meine Auorduungen pünktlich befolgt werden. . . Dürfte ich nun um den Wagen bitten?" Er verbeugte sich mit weltmännischer Artigkeit gegen mich und verließ das Zimmer. In wortloser Berwundernng blieb ich stehen; auch mein Vetter stand wie angewurzelt auf demselben Fleck; ihn anzusehen wagte ich nicht. Daß diese beiden Männer sich nicht zum ersten Mal im Leben begegneten, daß eigenthümliche Beziehungen zwischen ihnen obwalte» mußten, wäre selbst für den Unbefangensten leicht erkennbar gewesen. Noch ehe ich mich von meinem Erstaunen über diesen seltsamen Austritt erholen konnte, siel bereits die Thür hinter Kurt mit mehr Geräusch ins Schloß, als im Krankenzimmer angemessen war. * Die guten Herrensteiner mögen am nächsten Tage recht verwunderte Augen gemacht haben, als zur Besuchsstunde der schönste Viererzug aus den Ställen von „adlig Herrenstein" mit denr neuen Koupee vor der Wohnung des „Judcudvktors" hielt, und der gallonirte Diener vom hohen Sitz heruntersprang, um den Schlag zu öffnen. Der Majoratsherr im feinsten Besuchsanzug entstieg demselben und begab sich in die Wohnung des jungen Arztes. Was dort zwischen den Beiden verhandelt worden, hat Niemand je erfahre», nur wollten die Halisgenossen die vertvorrenen Töne einer sehr erregten Unterhaltung vernommen haben. Nach einer für alle Neugierigen ziemlich langen Zeit, während welcher das Juckergespann langsam auf dem holprigen Marktplatz hin- und hergeteukt wurde, erschien der Majoratsherr »nieder, diesmal von dem jungen Arzt begleitet. Beide bestiegen den Wagei», m»d fort rasselte er zum Thore hinaus. Unterdeß mein Vetter diese Fährt unternahm, erklärte meine Cousine mir den näheren Zusammenhang. Doktor Lukas war derselbe junge Mann, der mit seinem Cerevisnamen „der Italiener" hieß, welchen Pinnowitz auf jenem Kommers so unritterlich provozirt hatte. In der allgemeinen Erregung des Abends war der wirkliche Name des ihm »och fremden Studenten wohl gar nicht genannt wordei». Kurts hartnäckige Ablvehr, sich näher mit der peinlichen Augelegeuheit zu befaffen, im Verein mit seiner plötzlichen Abreise und den darauf folgenden Ereignissen, thalen dann das Uebrige, das; mein Vetter den rechten Namen des Beleidigten gar nicht erfuhr oder doch nicht beachtete. Auch dieser konnte nicht wissen, daß er in dem Majoratsherrn von Herreustein jenen Pinnolvitz finden würde; denn mit dem Antritt des Majorates hatte Kurt auch den Namen „Herrensteiil" annehmen müssen. Der jliuge jüdische Arzt, der wohl schwerlich auf Praxis unter dem Landadel dieser Provinz gerechnet hatte, mochte noch lveuiger Lllst gezeigt haben, sich um die Vergangenheit des Herrensteiners z»l kümmern, als dieser um die Antecedenzien des „Judendoktors".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.