Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 394 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228128--52062-3272838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
394 von dem Dänen Tuxen (Nr. 1172), eine Schilderung der Wüste, bei der die Figuren im Wesentlichen Staffage sind, so daß das Bild in seiner Gesammtwirknug nicht entfernt eine malerische Darstellung von 1. Mose, Kaf>. 21, Vers 15 genannt werden kann: „Da zog sie hin und ging in der Wüste irre bei Beer Saba". V. 15. Da nun das Wasser in der Flasche aus war, warf sie den Knaben unter einen Baum. V. 16. Und sie setzte sich gegenüber von ferne, denn sie sprach : „Ich kann nicht Zusehen des Knaben Sterben. Und sie setzte sich gegenüber und hob ihre Stirn auf und weinte." V. 17. Und der Engel Gottes rief vom Himmel: „Was ist Dir Hagar? Fürchte Dich nicht, denn Gott hat erhöret die Stimme des Knaben, da er lieget". ... Ist hier nicht die Sprache der Bibel förmlich ein Leitstern für den verständnißvolleu Jünger der Malkunst? Und in der Thal hat Professor Schirmer für die Nationalgalerie diesen Vorgang in zwei meisterhaften Darstellungen gemalt. Warum ziehen sich die jüdischen Künstler von diesen ergreifende» biblischen Stoffen zurück? Selbst dein modernen Zionismus ist es noch nicht geglückt, auch nur einen jüdischen Maler in den Kreis der Orientmalerei zu bannen. Was sagt uns dagegen gleichfalls in Saal 12 Max Kahn-Paris mit seinem „Vampyr"? Man weiß, daß ein schlechtes Weib dem Manne die beste Kraft des Herzens und Charakters aussauge» kann. Muß darum dieses Weib mit Flederinausflügeln, muß der ganze Vorgang malerisch dargestellt werden, wie der Vampyr auf der Brust des auf seiner Lagerstätte schwer athmenden, bleichen Mannes liegt, so daß ihm der Schlaf keinen Frieden und keine Erholung bringt? Ein großes technisches Können ist an einen unkünstlerisch wirkenden Stoff vergeudet, denn Sensation um jeden Preis heißt die Parole dieser Epigonen. Viel ausgesucht wird das in der Mitte des Saales 12 (unmittelbar an dem Eingang von der Stadtbahn aus gelegen) stehende große Modell zum Heine-Denkmal, dem jetzt für New-Uork bestimmten Loreleybruunen. Via» begreift nicht, wie Düsseldorf und Main; diesen herrlichen Brunne» im vornehmsten Akademiestil aus tendenziöser Antipathie gegen Heinrich Heine ablehne» konnten. Die Hauptfigur des schicksalsreichen Brunnens ist die der Loreley, welche den Sockel krönt, und in der durch Heine's „Ich weiß nicht, was soll cs bedeuten" unsterblichen Situation „ihr Haar kämmt". Auf dem Sockel befindet sich ein etwas flaches Reliefbild Heine's, die Sockelfiguren stellen den Weltschmerz, die Lyrik und die Satire dar. Die Inschrift am Rande des Brunnens kündet den ultramontanen Stadtvätern in der Metropole des Rheins ewigen Hohn, obwohl sie einfach lautet: „To the memory of tlieir great Pool the Germans in New-Yoik.“ Die Züge des Dichters sind weich und sympathisch wiedergegeben, die Augen scheinen wie von einem lieblichen Traum beseelt, auf dem edlen Gesicht liegt ein kindliches Lächeln, das nichts ahnen läßt von jener Satire, welche am Brunnen der Jünglingsschalk mit der Peitsche verherrlicht, der den Drachen, der ihn anblökt, erschlügt. Sehr schön ist auch die Figur der Lyrik, welche eine Rose in die Höhe reicht. Doch da fehlt noch der Geist des Romanzero, und da fehlt noch so manches Andere, das den Staub aus Zöpfen und Perrücken fegte, daß cs wieder einmal hell ward in dem durch den Obskurantisnnls des öfter» heimgcsuchten Lande -des Nordens, das der Dichter Heine so kindlich liebte, so sehr, daß nur selten sein Geist sich zurückwandte zu de» Gefilden der Vater. . . . Und mir ist, als hör' ich psalmodireii Männerstimmen, Wort und Weise, unaufhörlich schwirren heut' sic mir im Ohr. m MWuM i— W imuimnmi MMM M I 1 FEUILLETON I & 1 m lMflEijdü. “UU“: m -^-1 —i iMMtÜI Hiwnuuiwi i— ii Ber Iudendoklor von Herrenstem. Von M. v. Schlägel. (Schluß.) dele saß in rathloser Pein am Lager des kleinen Kranken, der sich ruhelos umherwarf und immer mühsamer um Athem rang, lvährend seine sieberbrennenden Hände die eiskalten seiner Mutter umklammerten. „Adele," flehte ich, „sei stark, es muß sein!" „Mein Kind," schluchzte sie, „mein süßer, einziger Hansi!" „Willst Du ihn denn durchaus opfern? Was wird Kurt sagen, wenn er kommt, und Astes ist zu spät." „Was soll ich thun? O Gott, was soll ich thun!?" „Sieh Hans-Ulrich an! Sieh, wie er leidet — höre sein Röcheln - willst Du ihn langsam in qualvoller Pein enden sehen?" „Sagt er, daß er ihn retten kann?" „Er hofft es zuversichtlich." „Er hofft es! Sag' ihm, daß er es verspricht, und ich wist es sofort geschehen lassen!" „Du hörst, daß er es nicht kann, er ist gelvissenhaft und will Niemand täuschen, aber er sagt, andern Falles ..." „Andern Falles?" keuchte die gequälte Frau. Ich zuckte nur die Achseln. Eine Weile verharrten wir schweigend, dann trugen wir ablvechselnd das leidende Kind im Zimmer umher, oder saßen neben ihm, wie lange, weiß ich nicht. Da klopfte es. Wir schraken auf, der Arzt trat ein. „Meine Zeit ist gemessen, gnädige Frau. Was haben Sie beschlossen?" „Wie finden Sie das Kind?" Der Arzt, der sich über das Bett gebeugt hatte, erhob sein tiefernstes Gesicht: „Die Krankheit macht so rapide Fortschritte, daß ich Ihnen jetzt sagen muß, der Knabe ist verloren ohne die sofortige Operation." Adele warf sich mit einem herzzerreißenden Wehlant über ihr Söhnchen, das sich angstvoll bewegte und mit den fieberglänzenden Augen ausdruckslos um sich blickte. „Hausi, kennst Du Mama denn nicht?" Allein der kleine Kranke blieb theilnahmlos. „Fassen Sie sich, FrauBaronin," mahnte Doktor Lukas eindringlich, „mit Klagen ist hier nichts auszurichten, hier hilft nur rasches Handeln." „Adele, willige ein," beschwor ich sie, „Du hast kein Recht, Hansi dem sicheren Tode zu überliefern! Du bist Kurt verantwortlich für ihn." Noch immer zögerte sie. Ihr gepeinigter Ausdruck verrieth, daß ihr die Operation einer Hinrichtung gleichkam. „Wenn Sie die Operation nicht wünschen," sagte der Arzt jetzt in ruhigem, völlig geschäftsmäßigem Ton, „so darf ich wohl sofort um den Wagen bitten. Meine Zeit gehört nicht mir." Das entschied. Adele sprang auf. „Machen Sie, was Sie wollen," schluchzte sie und eilte ins Nebenzimmer. Die erschreckte Bonne folgte ihr auf meinen Wink. „Gnädiges Fräulein," sagte der junge Mann jetzt dringlich, „wir müssen den Augenblick benutzen, es ist die höchste Zeit. Darf ich um Ihren Beistand bitten?"