Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 393 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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393 Ver Salon 1895. Von M. Friedeberg. II. s giebt nur wenige Gebiete der antiken Kunst, die sich nicht irgendwie mit der Religion berühren. Seltener ist in dem ermüdenden Getriebe der modernen Welt diese hohe Kunst zu finden, die den Menschen den Frieden in die Seelen gießt. — Wenn es auch gemeinplätzlich wahr ist, daß namentlich die moderne Kunst durch die Strömungen der Zeit beeinflußt wird, so kann man doch den Grundcharakter der diesjährigen Ausstellung dahin feststellen: es überwiegt an innerem Werth das Retrospektive, die Anlehnung au die Vergangenheit, sowohl in stofflicher Beziehung, wie der malerischen Richtung nach, gegenüber dem Modernen. Wie ein Vergleich zwischen den Oppenheim'schen Bildern aus dem jüdischen Familienleben und der „Sabbathruhe" von Hirschenberg, die doch ganz dem modernen slavischen Typus, aus dem sie hervorgegangen ist, gerecht wird, beweist, ist gerade der jüdische Geist zu einer Vermittelung zwischen dem Altpatriarchalischen und dem Extrem der schrankenlosen Moderne geeignet und geneigt. Allerdings hat er fürjdie „Traumkunst" und den gefährlichen modernen Mystizismus, der auch im diesjährigen Salon wieder wahre Orgien feiert, wenig übrig. Ein einziges Bild des Meisters Pli vis deChavannes, den diese Nachbeter nie erreichen werden, müssen wir erwähnen, weil es ganz und gar aus der frommen Welt der Bibel stammt. Sein Gemälde „Der Schlummer" versetzt uns in die Patriarchcuzeit des alten Testaments, dem die landschaftliche Staffage entlehnt ist. Unter freiem Himmel übernachten Mann, Weib und Kind, Greise und Jünglinge, hier die Herren, dort in einer anderen Gruppe die Knechte und Mägde. Die erhabene Ruhe des Schlafes ist stimmungsvoll zum Ausdruck gebracht, aber um diesen Geist des Friedens herbeiznzaubern, mußte der moderne französische Maler den Weg in die alttestamentarischen Gefilde antreten. Dagegen ist auf der Ausstellung das moderne Naturevangelium, das Max- Lieb er mann aus der Schule von Fontainebleau nach Deutschland verpflanzt hat, nicht bedeutend genug vertreten. Bo» Liebermamr selbst, der bei Millet lernte, wie man von den gleichzeitig erregenden und abstumpfenden Einflüssen des Großstadtgetriebes zur Natur zurückkehrt, ist kein einziges Bild vorhanden. Unter den Zeichnungen und Radirungen führt der Katalog von A. Krüger-Berlin ein Bilduiß nach Liebermann auf, aber es fehlt jedes seiner hervorragenden Dokumente der demokratisirenden Kunst, die den Millet'schen idyllischen Naturalismus auf die Schilderung der Parias der Großstadt übertrug, unzweifelhaft von einem Stück „semitischen" Geistes mit beeinflußt und darum bestgehaßt bei allen Obskuranten. Vielleicht liegt hier der Grund dafür, daß Max Lieberinauu nicht in Berlin ausstellt. Zu billigen ist in keinem Falle das konsequente Fernbleiben von den großen Berliner Ausstellungen. Es ist wahr, Max Liebermann gilt im Pariser Salon, wo er bereits die goldene Medaille errungen, mehr als in den kunstakademischen Regionen der Reichshauptstadt, in deren kritischen Organen ihm öfters der Vorwurf des Kosmopolitismus gemacht wird. So wirft ihm auch dieses Mal eine Berliner „unparteiische" Zeitung, während sie seine Malweise und die Einfachheit seiner Komposition gegenüber den auf der Ausstellung vertretenen Franzosen rühmt, vor, daß er seine Stoffe und Modelle aus Holland hole. Der letzte Einwand, den eine gewisse Partei gegen die Juden immer erhebt, ist, die Juden Hütten durchweg eine kosmopolitische Tendenz, also keine nationale Gesinnung, und in der That ist jeder Kosmopolitismus, der das Vaterland verwirft, einseitig und unnatürlich. In abstracto ist aber jede Kunst kosmopolitisch, wie auch diese von allen Nationen beschickte Ausstellung beweist. In abstracto ist auch der Blick des Jndenthums auf die gesammte Menschheit gerichtet, schon in MoseS, weiter bei den Propheten und Pfaluiisten. Hiervon merken tvir aber wenig gerade bei jüdischen Künstlern der Gegemvart. Man hält sie nicht für „deutschnational", und es muß uns demgegenüber mit besonderem Schmerz erfüllen, daß Künstler unseres Stammes von Weltruf das Stoffgebiet des Judenthums, ihres angestammten Erbes, ganz vernachlässigen. Die Bildhauerkunst ist in diesem Salon durch eine mehrfache Darstellung des von Kain an Abel verübten Brudermordes vertreten. Warum findet sich kein Maler unseres Glaubens, der die bunten Sächelchen und die nichtssagenden Symbolistereien einmal vergißt rmd in einer Zeit, in der die Furien des Hasses so furchtbar rasen, der Menschheit ins Gewissen redet und mit erhabenem künstlerischen Schaffen auch dem Judenthum sein Recht schafft im geweihten Reiche der Knust und den an der Menschlichheit versöhnten Brudermord versöhnt? Der bloße Naturalismus als photographisches Abschrciben der Wirtlichkeit hat in der That seine Rolle ausgespielt innerhalb des künstlerischen Schaffens. Der technischen Fertigkeit halber und wegen der sich an das Licht drängenden eigenartigen Begabung sei ein in die Lieberinaunsche Schule gehörendes Bild hier erwähnt, „die Sackflickerinnen" von I. Birkholin, einem jungen Manu von eüoa 20 Jahren, der zur Zeit als Anstreicher in der Dekorationsmalerei bei Herrn Julius Bodenstein beschäftigt ist. Es ist ein Stück „Arme Leut' Malerei" von herbster Wirkung. Möge die Aufnahme des Bildes in den illustrirten Katalog den jungen Künstler zu erfolgreichem, höheren« und auch stofflich bedeutender begründetem Schassen ermuntern. Aus dein vieluinstritteneil Gebiet der Portraitmalerei seien hier die drei Bildnisse des Herrn Ernst Nelson-Berlin erwähnt, von denen uns namentlich das Bild der Frau R. F. (Nr. 1205 des Katalogs) in angenehmer Erinnerung geblieben ist. Meisterhaft ist das Bildniß eines älteren Herrn von Karl Blos, der in München bereits durch die goldene Medaille ausgezeichnet worden ist. Es ist angenehm, sich sagen zu können: die Züge dieses dir unbekannten Herrn, es sind die milden, fein durchgeistigten Züge eines Glaubensgenossen, jedes Uebermaß in der Wiedergabe des sonst leicht zur Karrikatur Anlaß gebenden „semitischen" Typus war hier ausgeschlossen, und im Geiste reicht der Beschauer dem dargestellten Greise die Bruderhand. In Kabinet 53 hängt ein sehr charakteristisches und fein stilisirtes Portrait des Kardinals Prinz z«l Hohenlohe, des Bruders des deutschen Reichskanzlers, von Emil Loew enthal in Rom. Bon diesem Kabinet gelangen wir leicht zurück in die Skulpturenhalle, >vo das im Nachtrag des Katalogs unter Nr. 2322 erwähnte Bild von Felix Borchardt-Dresden seinen Platz gefunden hat. Es ist ein Kolossalbild, das den Titel führt „Die These". Disputation neapolitanischer Mönche. Ei» Mönch als Redner trügt die These aus einem Dogmeustreit den zahlreichen, gleichfalls in die Kutte gehüllten Zuhörern vor. Die Abwechselung in den ausdrucksvoll individualisirten Zügen der Zuhörer geht vom fanatischen Ingrimm bis zur stumpfen Apathie. — Bildnisse haben ferner ausgestellt Julie Wolf und Betty Wolfs-Berlin. — In Kabinet 37 hat Paul Meyerheim, der bisher zumeist durch seine Thierbilder und Genreszenen berühmt war, seine neuen orientalischen Studien gruppirt. Neben Charakterköpfen aus Aegypten finden sich „der Markplatz in Jaffa" (Nr. 1188), leider nur in flüchtigen Strichen skizzirt, und Nr. 1189 „Teinpel am Libanon", Alles interessant und lebensvoll. Die Orientmalerei ist mehrfach in der Ausstellung vertreten. An der Schmalseite des Saales 12, in dem sich Malkunst und Skulptur vereinigen, sehen wir „Hagar und Jsinael in der Wüste"