Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 392 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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392 4. Mahlzeiten, die mit der Erfüllung einer religiösen Pflicht in Verbindung standen, wie das Mahl bei Hochzeiten, Beschneidungen und dergleichen, wurde von solchen, die einfach der Geselligkeit wegen veranstaltet wurden, unterschieden. Gelehrte sollten nur an Mahlzeiten ersterer Art theilnehmen, sollten nie in der Gesellschaft roher, unwissender Menschen zu finden sein: ein Gelehrter, der allenthalben zu Tische bleibt, zerstört sein Haus, macht sein Weib zur Wittwe und seine Kinder zu Waisen; sein Wissen schwindet, er entfacht Streit, und sein Wort findet kein Gehör; er entweiht den göttlichen Name», den Namen seines Lehrers und seines Vaters und schafft sich und seinen Kindern nnd Kindeskindern bis an das Ende der Geschlechter einen böse» Namen. 5. Zu größeren Mahlzeiten erfolgten Einladungen. Der gute Ton heischte es, daß man Einladungen, die nicht eindringlich genug geschahen, nicht leicht Folge leistete; hingegen galt es als ebenso unhöflich, sich lauge bitten zu lassen, und als Beleidigung, eine Einladung nicht anzunehmen. 00 Schmerzen befallen Jenen, der die Einladung des Nächste» vernimmt, ihr aber nicht Folge leistet. Wir folgen einer au uns ergangenen Einladung, zumal uns eine Sänfte zur Versügung gestellt wird. Das Haus unseres Gastgebers befindet sich in der Hauptstraße, fast am entgegengesetzten Ende der Stadt. Der Weg dahin ist reinlich, da er täglich gefegt wird. Er führt uns über den Marktplatz, woselbst, obgleich der Tag fast seinem Ende naht, ein reges Leben und Treiben wahrzunehmen ist. — Der fünfte Tag der Woche ist heute, und Jeder sorgt für des Sabbath-Bedarf. Eine drängende und stoßende, kreischende und feilschende Menge umsteht die Buden. Hier steht ein Tyrier, der schmunzelnd ans seine muntern Fische in seinem Vivarium, einem Holzzuber, blickt. Männlein und Weiblein umgeben seinen Stand. Neben ihm hat sich ein Bäcker postirt. Obgleich die Konkurrenz nicht gering ist, drängen sich doch die Meisten um ihn; er ist ein Jude, aus Michmasch, der durch sein schönes Gebäck einen Ruf sich erworben hat. Weiterhin erblicken wir einen Krämer, der seine Vorkost anpreist. Plötzlich wird sein Blick scheu nnd ernst. Was ist's? Stolz schreitet vor seinem Laden ein Mann einher, der prüfend sein Auge auf ihm ruhen läßt — ein übelbeleumundeter Kornhändler ist's, dem der letzte Einkauf noch nicht bezahlt worden ist. Was sinnt er wohl? Vielleicht will er den lebhaften Marktverkehr ausnutzen und eine Vertheuerung des Getreides herbeiführen. Wir ziehen weiter. Neue Bilder tauchen auf vor unfern Augen. Hier hockt ein Weib auf der Erde, Kräuter und Grünzeug verschiedener Art feilbieteud; dort hat ein junger Zimmermann seine weißen Rollhölzer zum Wälzen des Teiges ausgebreitet; ein Konditor lockt jüngere rmd ältere Kinder zum Kalifen seiner Näschereien an, dürr nnd armselig sieht er aus, das Geschäft scheint nicht lohnend genug zli sein. Feister ist Jener, der billigen Zythum für durstige Kehlen kredenzt. Viel beschäftigt ist auch der Breihändler, bei dem zumeist Heiden vorsprechen, um auf der Straße ihr frugales Mahl einzunehmen. In einiger Entfernung von dem Getriebe, etwas isolirter sitzt ein Geldwechsler, der sein Tischchen mit stechendem Blicke bewacht. Wir bemerken ein ärmlich gekleidetes Mädchen, das schüchtern ihm naht und schen ein Halskettchen in seine knöchernen Finger legt. Mißtrauisch besieht der Mann den Schmuck, das Mädchen rannt ihm einige Worte ins Ohr, er zählt seine Münzen ihr zu und legt den erstandenen oder verpfändeten Schmuckgegenstaiid in sein Kästchen. Kaum aber war das Mädchen einige Schritt weit entfernt, da erhebt sich ein tvüster Lärm: Aus einem Fleischerladen stürzt ein sehniger Geselle, der seine amalekitische Geistesverwandtschaft nicht zli verleugnen vermag, und donnert dem Geldwechsler entgegen: „Alter | Wucherer, wie viel Zinsen hast Dll von dem Mädchen genommen?" „Junger Hazardspieler," entgegnete schlagfertig der Angeredete, „wie viel hast Du in der letzten Nacht verspielt?" „Wucherer, dein Wort ist Lüge und das Zcugniß ungiltig," polterte ein weinseliger Schiffer, den der etwas laut geführte Dialog herbeigelockt hatte — „du lügst, das gutmüthige Brüderchen hat in der letzten Nacht gar nicht gespielt, denn schon in der vorletzten hatte er Alles, was er besessen, an den Kamel- und Eseltreiber verloren, und darum wollte auch der Bartscheerer nicht mehr mit ihm spielen!" „Zügle Deine böse Zunge, alter Schwätzer, und netze Deine heisere Kehle mit aegyptischem Zythum. denn des palüstinensische» Weines bist Du nicht werth!" rief erregt der Fleischer, und bald wäre es zu einem Handgemenge gekommen, wäre nicht der Marktanssehe*- dazwischen getreten, um die Streitenden auseinander zu halten. Nun wird auch der Weg für uns frei. Wir werfen noch einen Blick auf die fleißigen Handwerker, die unbekümmert um das Lärmen des Marktgewühls und um das Gaffen faulenzender Zuschauer, in den Süulengängeu um den Marktplatz ihre Werkstätten aufgeschlagen haben; wir athmen unwillkürlich den Duft ei», der uns aus dem obskuren Parfümerieladen eines an den Markt stoßenden obskuren Gäßchens entgegenströmt, und hinter uns haben wir Lärm und Jagen; uns winkt das Haus unseres Gastgebers, das an seinem stolzen Vorbau leicht erkenntlich ist. 0. Wir sind am Ziele. Wir verlassen die Sänfte und schreiten ungehindert durch den Thorweg, denn die Riegel, die diese sonst verrammeln, sind geöffnet. Eine ungedeckte Halle führt uns in den mit Säulen umrahmten Vorhof. Von da aus gelangen wir auf einem niit Steinen ausgelegten Weg in das Vorzimmer. Teppiche dämpfen unsere Schritte. Wir machen' uns durch ein kleines Geräusch bemerkbar — so verlangt es die gute Sitte — die Thür öffnet sich, rin Beamter des Hauses tritt an uns heran, begrüßt uns im Namen des Gastgebers nnd führt uns in jenen Theil des Hauses, in dem die Männerwohnung sich befindet, in das Speisezimmer. Hier ist der Speisemeister mit dem Ordnen der Tische beschäftigt; Diener kommen und gehen, empfangen Befehle und führen sie aus; auch der Koch, der an seiner Kleidung leicht zu erkennen ist, wird sichtbar, er raunt dem Tafelmeister einige Worte ins Ohr und lenkt rasch der Küche zu seine Schritte. 7. Die Gäste sind noch nicht versammelt, Nur wenige Männer und Frauen sind anwesend. Alle haben sie ihre Festgewünder angelegt. Unter den Anwesenden haben wir keine Bekannten. Es bleibt uns demnach, ehe wir zu Tische gehen, noch Zeit, einen Blick auf die Einrichtung zu werfen. Unser Herz weitet sich, denn Alles, was wir sehen, kündet Wohlhabenheit, die nicht geizt und zu geizen nicht nöthig hat. Obenan befinden sich Ehrenplätze für die Vornehmsten, weiterhin für alle Eingeladenen. Längs der Wände ziehen sich Divane, die mit Kissen belegt sind. Die Tische, zumeist für 3 Personen eingerichtet, gewinnen durch die Decken, die auf ihnen ausgebreitet liegen, sowie durch die Servietten für die Gäste ein freundliches Aussehen. — Die Geräthe, zumeist Silber, glänzen, als wären sie neu oder mindestens frisch polirt; Schüssel und Teller, Krüge und Flaschen, Schalen und Becher verschiedener Art und Form sind in Reih und Glied aufgestellt; Messer, Gabel und Löffel liegen sriedlich nebeneinander, und auch an Zahnstochern fehlt es nicht. — Seitwärts ruht auf einem Gestelle ein Waschbecken und daneben befindet sich eine Wasserkanne. (Fortsetzung folgt.)