Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1895)
- Date
- 1895-08-16
- Page
- Seite 391 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachdem ich vorstehend den reichen Inhalt des Löwensteinschen Buches in großen Zügen zu skizziren versucht habe, erübrigt mir noch hinzuzufügen, daß die ganze Darstellung auf eingehenden archivalischen Studien beruht. Der Verfasser hat nebst den großen Archiven die Akten der in Betracht kommenden Verwaltuugsämter und Rathhäuser sowie auch jüdische Gemeindeakten durchstöbert und reiches, bisher.vielfach unbekanntes Material seinen Zweiten dienstbar gemacht. Erst wenn über alle Laudestheile Deutschlands solche genaue Darstellungen vorliegen, wird ein künftiger Historiker an eine zuverlässige „Geschichte der Juden in Deutschland" sich heranwagen können. Zu einer solchen ist das besprochene Buch ein werthvoüer Beitrag. Bon besonderm Reiz sind die vielen im Texte und besonders in den Note» befindlichen Nachrichten über jüdische Gelehrte und Gemeinden in der Kurpfalz und in de» angrenzenden Ländern; de» drei Geschlechtern jüdischen Geistesadels (Oppenheim, Sinsheim und Katzenellenbogen) liefert der Verfasser ausführliche Stammtafeln; ein Sproß der letzteren Familie war der bekannte Gabriel Rießer. Namentlich die Familiengeschichte alt angesehener Familien in Frankfurt, Worms, Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe u. s. w. wird reiche Ausbeute in dem Buche finden. Nicht minder werden zahlreiche Gemeinden, wie Mannheim, Heidelberg, Worms, Frankfurt, Bingen, Landau, Fürlh, Mosbach, Kreuznach, Mainz, Neustadt, Speyer u. A., über ihre Vorgeschichte in dem Buche interessante Notizen finden. Möge dies ein Ansporn mehr sein, daß das Buch, welches der Verfasser auf seine Kosten hat drucken lassen, nicht nur in Fachkreisen, sondern auch aus dem Schooße der Gemeinden heraus zahlreiche Käufer finde, damit der Verfasser bei seinem der Wissenschaft geleisteten Dienste wenigstens keine materielle Einbuße erleide. Geselligkeit und Geselligkeitsfreuden in Bidet und Talmud. Von Dr. Adolf Rose »zweig, Rabbiner in Berlin. Z 4. Mahlzeit und Gastmahl. 1. Die Festsetzung bestimmter Essenszeiten bei den Völkern hängt von deren Hauptbeschäftigung und Kulturstand ab. Hirten und Landleute verlassen am Morgen ihre Hütten, um sie erst am Abend wieder aufzusuchen, daher Völkerschaften, deren Hauptbeschäftigung Ackerbau und Viehzucht bilden, auch nur zwei Hauptmahlzeiten: den Morgeuimbiß und das Abeudbrod, kennen. Diese Einrichtung bestand auch in Israel seit uralten Tagen, daher das talmudische Zeitalter die Einführuiig dieser beiden Mahlzeiten auf Moses zurücksührt. Gelegentlich wurde auch am Tage, etwa zur Mittagszeit, etwas genossen; Schnitter aßen ihr Brod, das sie in Essig tauchten. Selbstverständlich war die Essenszeit bei den verschiedenen Ständen verschieden. Als der Gesundheit besonders zuträglich galt das Morgenbrod — Schnellläufer laufen einher, so lautet ein diesbezügliches Wort, holen aber nicht Jenen ein, der früh seinen Imbiß genommen; auch viele Krankheiten sollen durch das Morgenbrod verhütet werden. Der Imbiß bestand zumeist aus Brod und etwas Zukost; schon früh am Tage sich gütlich thun, galt als verwerflich, als Kennzeichen eines üppige», schwelgerischen Lebens. Die Zeit für das Frühstück erstreckt sich bis zum Mittag — die Lydier aßen schon in der ersten Stunde, unehrliches Volk i» der zweiten, glückliche Erben, denen ein günstiges Geschick alle Mühe» der Arbeit ersparte, in der dritten, in der vierten aße» Arbeiter und in der fünften die übrigen Gesellschaftsklassen; hier und da galt auch die vierte Stunde als Essenszeit für die verschiedenen Geseltschaftsklassen, die süufte für die Arbeiter und die sechste für die Gelehrten; von da au und weiter, so nahm man au, gleicht alles Essen, dem kein Morgenbrod vorangegaugen war, dem Steine, der ins Wasser geworfen wird. Die Hauptmahlzeit fand am Abend, aber nicht allzu spät, statt: nach talmndischer Anschanung sollte »in» stets vor völligem Einbruch der A'aeht essen, weil schon der Anblick des Essens au sich in gewisser Beziehung sättige. An der Abeudinahlzeit nahmen in der Regel alle Glieder des Hauses Theit. 2. Für die Ernährung und Erhaltung des Hauses sargte in Israel der Manu. Charakteristisch ist das Wort: wer auf de» Erwerb seine Weibes oder auf den Ertrag von seiner Mühe angewiesen ist, der sieht keinen Segen. Keine der weiblichen Gestalten des biblischen Schriftthums arbeitet für de» Man» oder an seiner Statt: Rahel und Lea erscheinen nur so lauge als Hirtiuneu, als sie Labans Töchter sind; sobald Jakob sie heimsührt, weilen sie im Zelt daheim, während er, als der Hirte Labans, die Heerde auf die Trift treibt; auch die Töchter Jethros, des inidianitischeu Priesters, treiben das Vieh ihres Vaters zu den Tränkrimie»; sobald aber Zippora die Gattin des Moses geworden, zog er mit den Schafen seines Schwiegervaters i» die Wüste. — Die Muße benutzte das israelitische Weib, um Gegenstände für des Hauses Bedarf zu verfertigen; war dieser gedeckt, daun wurde, was ihre Hand geschaffen, dem kauaaiütischeu Kaufmann zu Kauf dargeboten (Spr. 31, 19 f., 24. B. Kama 10, II; vgl. Tvsefta ib. 11,5). 3. Ei» anderer Grundsatz, der im jüdischen Haushalte maßgebend geworden, schürft ei», mehr Gewicht auf Kleidung als a»fs Essen zu legen: bringe Theures auf deinen Leib »ud thue Billiges in deinen Leib! Mit aller Eindringlichkeit wird betont, die Art der Ernährung mit dem Stande des Vermögens in das richtige Verhältniß zu bringen: besitzt Jemand nur eine Mine, daun kaufe er nur ein Liter Kraut; besitzt er zehn Minen, dann kaufe er ein Liter Fische; besitzt er füuszig Minen, dann kaufe er ei» Liter Fleisch; besitzt Jemand hundert Minen, daun setzt mau für ihn täglich einen Topf auf den Herd. — Nur selbst erarbeitetes Brod schmeckt gut, macht froh und bringt Heil (Ps. 128, 2); finster aber ist die Welt für Jenen, der auf-den Tisch Anderer hoffen muß — fein Leben ist kein Leben; darum ziehe lieber dem Aase das Fell auf der Straße ab, mache deinen Sabbath dem Arbeitstage gleich (betreffs des Esseus), aber nimm nicht Menschen in Anspruch! Nur derjenige, der Vater und Mutter zu ernähren hat, aber nichts besitzt, darf betteln. Diesem Grundsätze gemäß trug das Mahl, namentlich in der ältesten Zeit, den Charakter größter Einfachheit, die sich am deutlichsten in der Art, wie Abraham seine Gäste bewirthete, ausprägt: Brodkuchen wurde gebacken, und ein junges Rind wurde geschlachtet (Gen. 18, 68; 19, 3) — iß Zwiebel und sitz im Schatten (in Ruhe), iß aber nicht Hühner und Gänse mit unmuthigem Herzen! Am Morgen nahm man Brod und etwas Geröstetes oder Milch zu sich, am Abend wurde Fleisch genösse».