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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-16 · Heft 33 (16.8.1895) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 33 (16.8.1895)
Date
1895-08-16
Page
Seite 388 (sequence 6)
Language
German
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388 gerade so wie der Geheime Sanitatsrath Lehfeldt und Professor Bernays in den Kreisen ihrer Berufsgenossen Ausnahmen waren. Viel typischer und bedeutungsvoller ist das überraschende Auftreten Dr. K. Köhlers, Rabbiners der Beth-El Gemeinde in New-Nork, der auf der Versammlung des amerikanischen Rabbinerverbandes Central Conference ol’ American Rabbis) im Juli vorigen Jahres offen für Rückkehr zu mehr ritualistischen Prinzipien im Gottesdienste eintrat. Kahler ist nicht nur als Rabbiner einer der bedeutendsten Gemeinden des Landes und als Gelehrter ein Mann von Gewicht; sein Ruf nach Einhalt auf dem schnellen Vorwartsmarsche der Reform ist umsomehr von Bedeutung, als er seit der Leipziger Synode der Refonn angehört, als Schwiegersohn David Einhorn's, des radikalen Führers der entschiedensten Refonn hierzulande, dem linken Flügel beitrat und mit besonderem Eifer die Ersetzung der Sabbathdurch eine Sonntagfeier vertrat. Wenn ich nicht irre, war seine Gemeinde in Chicago die erste, welche Sonntagsgottesdienst hielt, und der erste Sabbath, an welchem die Thore ihres Tempels geschlossen blieben, war der Tag, an welchem das furchtbare Brandunglück über die neue Weltstadt hereinbrach. Es wird mir schwer, ein klares Gesammtbild von Kohler's theologischer Grundanschauung zu entwerfen. Ich ziehe es daher vor, einige der markantesten Satze seines Vortrages „Die geistigen Kräfte des Judentyums" in treuer Uebersetzung wiederzugeben. Er sagt: „Trotz aller Achtung vor den Tahingeschiedenen und den noch lebenden Pionieren der Reform, behaupte ich, dasz Reform-Theologie, wenn einzig und allein auf dem Fundament der Vernunft errichtet, auf Sand- und Moorboden gebaut ist. — Frau Ruskay ist im Rechte, wenn sie klagt, das; Reform nicht im Stande war, das Haus und das tägliche Leben des Juden mit jener Heiligkeit zn durchdringen, welche das alte jüdische Haus hatte, als noch die traditionellen Zeichen unb Symbole beobachtet wurden." „Radikalismus ist zur Tollheit entartet (bas rnn mack). Ehre den großen Pionieren und Nestoren der Reforni. p2 rrpMD Ihr Riederreißen geschah mit dem Hinblicke auf den Plan zu eitlem neuen Gebäude. Das Bauen unserer Radikalen jedoch ist Zerstörung."— „Es giebt kein atlderes Judenthum als Rassejudenthum. Jüdischer Monotheismus ohne die Ration als lebendige thätige Kraft ist Deismus, Theismus, Pantheismus, kurz Alles, nur kein Judenthum." Dabei macht Köhler auch scharfe Ausfälle gegen die auf der Rew-Uorker Konferenz voll 1892 beschlossene Zulassung von Proselyten ohne Beschneidtlng, und tadelt an jenem Beschlüsse die Jgnorirung geschichtlicher Fakten. Dieser Theil seiner Rede dürfte am meistell Aufsehen erregt haben, da Köhler, wenn das gedruckte Protokoll der Konferenz voll 1892 richtig ist, für die Aufnahme der Proselyten ohne Beschneidullg selbst gestimmt hat. Die angeführten Sätze könnten den Eindruck Hervorrufen, als ob Köhler in das Lager des Konservatismus zurückgekehrt sei. Ganz im Gegentheil! Er spricht davon, daß in dem Talmud, in den vorgeschriebetien Riten und Gebetformeln teilt Leben sei; er klagt die mittelalterlichen Philosophen der Vernachlässigung der gemüthlichen Seite der Religion an, er spricht von bent orientalischen Gewände des Judenthums und verlangt für die Wunder der Bibel nur deswegen einen höheren Rang als für heidnische Mythen und Volkssagen, weil die biblischen Wunder dem idealen Verhältnisse zwischen Gott und Menschen Ausdruck geben, nicht aber, weil sie objektiv wahrer seien. Dieser Widerspruch erhöht für mich die Schwierigkeit, die theologische Anschauung Kohler's zu definiren, zumal er seine Prinzipien nicht in Thesen niedergelegt hat. Ich sehe nur, daß er dem weiteren Aufräumen mit Formen des synagogalen Lebens ein „Halt" zurufen wollte. In demselben Sinne sprach auch Herr Leo N. Levi aus Galveston, Texas, auf dem Gemeindetage in New-Orleans im Dezember v. I., worüber ich in meinem nächsten Aufsatze sprechen will. So scheint denn unverkennbar ein Sehnen nach einem Halt auf der Bahn der Reform durch das amerikanische Judenthum zu gehen. Nicht zurück ist die Losung, aber Ruhe. Nur noch ein Paar echt amerikanische Neuigkeiten zum Schluffe! Der Rabbiner von Pattison, New-Jersey, Herr Benson, wurde unter der Beschuldigung verhaftet, als Advokat einen seinem Klienten gehörigen Betrag unterschlagen zu haben. In Selma, Alabama, ist Herr M. I. Meyer als einziger Kandidat für das Amt eines Mayors aufgestellt worden, und in Savannah, Georgia, mußte kürzlich der jüdische Mayor, Hermann Meyer. Polizei und Miliz herausrufen, um in einem lokalen Religionskriege zwischen Katholiken und Protestanten Ordnung zu schaffen. „Dieses ist Amerika!" Nie Juden in der Kurpfalz. Von Bezirksrabbiner Dr. Mayer in Zweibrücken. n der Schöpfungsgeschichte wird uns erzählt, daß dem Garten Eden ein Strom entsprang, der sich dann in vier Ströme theilte. Aehnlich etwa verhält es sich mit der jüdischen Geschichtsschreibung der Gegenwart. Grätz, mit großem Jntuitionsvermögen begabt und mit beivundernswerthem Spürnnd Scharfsinn ansgeriistet, hat den großen Wurf einer allgemeinen „Geschichte der Juden" gewagt, ohne daß die Vorbedingungen hierzu, Spezialforschungen in genügendem Maße, für ihn vorhanden waren. So mußte er sein eigener Znlanger sein — Baukünstler und Stein- und Mörtelträger in einer Person. Da nun aber e i n Mann, und wenn derselbe auch ein Grätz war, das gau^e über alle Länder der Erde sich erstreckende Gebiet der jüdischen Geschichte unmöglich umspannen und mit seinem Blick überschauen konnte, so mußte natürlich das Grätz'sche Geschichtswerk namentlich in Einzelheiten der Richtigstellung noch viel Raum übrig lassen. Die Hauptsache jedoch ivar, daß Grätz Schule machte, daß aus dem breiten und tiefen Strom seiner Geschichtsdarstellung Schüler, mittelbare und unmittelbare, tranken und hierdurch zu weiterem Wissensdurste, zu eigenem Forschen angeregt wurden, um das Werk des Meisters durch Einzeldarstellungen zu ergänzen, zu vervollkommnen. Der große Strom nährte die kleinen Flüsse, deren Wasser ihm später schon wieder zufließen werden, wenn ein zweiter Grätz erstehen wird. Solche historische Einzelforschnngen sind in den letzten Dezennien in nicht geringer Zahl von namhaften Forschern geliefert worden. Güdemann, Perles, Stobbe, Kaufmann, Horowitz, Braun, Stern u. A. haben nach Grätz das Gebiet der jüdischen Geschichte tvacker bearbeitet. Unter diesen Anderen nimmt Bezirksrabbiner Dr. Löweustein in Mosbach nicht den letzten Platz ein. Die Arbeiten dieses Gelehrten sind, abgesehen von ihrem inneren Werthe, um so anerkennenswerther, als derselbe unter ungünstigen äußeren Verhältnissen zu arbeiten gewungen war. Seine erste größere Schrift über „Die Geschichte der Juden am Bodensee" erstand in Gailingen, einem weltentlegenen badischen Dorfe an der Schweizer Grenze, wo er Rabbiner war, von wo er vor Jahren nach Mosbach, einem kleinen Städtchen im badischen Odenwalde, übersiedelte. An beiden Orten fehlt es an Anregung und vor Allem an allen nöthigen Hilfsmitteln, so daß Löwenstein ganz auf seine eigene Bibliothek angewiesen war. Was das heißen will, weiß Jeder. Trotz alledem hat L. n znschaffei »Geschieh gestattet, mitzuthe Die Knrpfalz fürsten 5 Anfang aufzntan Juden i der älter welche , („Fettste gaben, , werden genomni Androhi handeln die Judl in eigen die den iverden Anfenthl findet. 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