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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-08-09 · Heft 32 (9.8.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 32 (9.8.1895)
Date
1895-08-09
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 den Eindruck einer überspannten Exklusivität. Häßlich ist es, daß dieser kleinliche Streit in die politischen Zeitungen gebracht worden ist. Was sollen sich christliche Leser dabei denken, daß Dr. Dünner seine Amtsgenossen einer Übertretung des neunten Gebotes beschuldigt? Wir verkennen die gute Absicht nicht; Dünner will die geistlichen Aemter in Holland für seine Schüler erhalten; vielleicht ist auch noch ein Unterschied zwischen Amsterdamer und deutscher Orthodoxie; aber die christliche Bevölkerung sollte mit diesem Zank nicht behelligt werden. UnmKnirn. ■r. Bukarest, 27. Juli. Den Juden, welche in Rumänien Politik treiben, drohte immer die Gefahr, innerhalb 24 Stunden über die Grenze geschafft zu werden. Obwohl den rumänischen Juden gesetzlich, gleich den andern Einwohnern des Landes, Preß- und Vereinsfreiheit zustehen, bedienen sich die Behörden gegenüber den Juden oft des Paragraphen des Gesetzes, welcher die Ausweisung mißliebiger Fremder bedingt, und als Fremde wurden eben die Juden behandelt. In letzter Zeit hat aber eine starke Agitation unter den Juden begonnen, und es sind innerhalb einiger Wochen eine Reihe von Fachvereinen gegründet worden. Mit der bekannten Devise „Einigkeit macht stark" glauben die jüdischen Arbeiter den ihn drohenden Gesetzesparagraphen begegnen zu können, denn sie setzen voraus, daß wohl ein, zwei, ja zehn Arbeiter ausgewiefen werden können, jedoch fürchten sie nicht, daß eine Gesammtausweisung aller jüdischen Arbeiter, die ja einen bedeutenden Rückgang der Industrie bedeuten würde, durch die Bildung der Fachvereine von Seilen der Regierung in Szene gesetzt werden wird. So bildeten sich: 1. ein Fachverein der Bäcker und aller im Bäckereiberufe Bediensteten (durchweg Juden), 2. ein Verein der Handelsbediensteten Rumäniens (fast gleichfalls ausschließlich Juden). Auch ist die Gründung eines allgemeinen jüdischen Klubs in Aussicht genommen. Amerika. n. Newyork, 18. Juli. Aus dem soeben erschienenen Bericht der Leitung des Hebrew Union-College läßt sich ein Rückblick auf seine Erfolge und seine Wirksamkeit seit seinem Bestand werfen. Aus dem Seminar gingen 40 Rabbiner hervor, welche nunmehr Stellungen in den bedeutendsten Gemeinden des Landes einnehmen, früher natürlich wurden alle Rabbiner aus Europa importirt, diese vermochten auch — reichlich mit theologischem Wissen ausgerüstet — einen bedeutenden Einfluß auf die Gestaltung der jüdischen Gemeinden Amerikas auszuüben. Sie legten auch den Grund zur Neugestaltung des amerikanischen Judenthums. Sie brachten aus Deutschland die Reform-Ideen mit, welche hier bald die Majorität des Judenthums zu ihren Fahnen anzog. Allerdings kam der Gebrauch der deutschen Sprache in Wegfall. Sie ist nunmehr durch die englische verdrängt worden, und in den Gemeinden, denen früher das deutsche, poestereiche Einhorn'sche Gebetbuch den Reformgedanken zur vollen Klarheit brachte, ist heute das in englischer Sprache abgefaßte Unions-Gebetbuch im Gebrauch. So vollzog sich nach und nach eine Wandlung mit unseren, Judenthum. Es ist auch zweifellos, daß die neue Richtung über kurz oder lang das ganze amerikanische Israel mit sich fortreißen wird. — So folgte auch jüngst die Gemeinde „Agudath Achim Jeschorim" dein Reformgedanken und lauschte diesen Sabbath den weihevollen Klängen der Orgel — zum ersten Male. Die Gemeinde hat nämlich die Synagoge in der 86. Straße, in welcher seit Jahren die Gemeinde „Gates of liope“ ihre Andacht zu verrichten pflegte, käuflich erworben. Der letztgenannten Gemeinde fehlte es seit dem Tode ihres Präsidenten Adolph Süßheimer, — das Andenken der Gerechten sei gesegnet — an einer leitenden Kraft. Der Rabbiner Dr. Radin vermochte, trotz seiner allgemeinen Beliebtheit, ebensowenig wie der Nachfolger des Präsidenten, Herr Henry Rosenblatt, die Gemeinde vor dem Verfalle zu schützen. Der sorgsame, aufopfernde Geist eines vortrefflichen Mannes, wie es Süßheimer s. A. war, fehlte eben der Gemeinde. So kam es, daß die Gemeinde sich entschloß, ihre Synagoge der Gemeinde „Agudath Achim Jeschorim" zu überlassen, und diese ergriff diesen Sonnabend Besitz'von ihrem neuen Tempel. Dabei fungirre Dr. Callmann als Rabbiner und Hauptredner, während als Kantor S. Rosenzweig amtirte, welcher bereits in der alten Gemeinde sich bewährt hat. — Eine Geschichte der Reform ist hier aus der Feder des bekannten Herrn Meyer Stern, des Sekretärs der Tempel Emanuel-Gemeinde — vielleicht als Nachfeier des goldenen Jubiläums dieser Gemeinde — erschienen. Von Anh und Fern. Dem Hofcellisten Heinrich Grünfeld ist vom Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, bei welchem er im kleinen Cercle in Heiligendamm spielte, die große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen worden. Dieselbe wurde dem Künstler von Seiten des Großherzogs persönlich überreicht. — Zinnowitz an der Ostsee gehört nun auch zu den antisemitischen Bädern. Die „Täglische Rundschau" schreibt wenigstens in ihrem Briefkasten: „Vielleicht würde Ihnen das hübsche Ostseebad Zinnowitz zusagen, das sich außerdem gegen jeden semitischen Einfluß nicht nur, sondern gegen jeden jüdischen Besuch erklärt, wie uns ein freundlicher Leser mittheilt." Hoffentlich merken sich das auch die Juden! — Stadtrath S. Courant in Lublinitz hat im vergangenen Monat unter lebhafter Betheiligung der Stadt- und Synagogen-Behörden in Frische und Rüstigkeit seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert. — Der Dekan Einwächter von Hüffenhardt, welcher sich in der badischen Synode dagegen ausgesprochen hat, daß ein Schulsaal in Hüffenhardt für den israelitischen Religionsunterricht bestimmt wurde, ist wegen Unterschlagung von 30,000 Mark Stiftungsgeldern verhaftet worden. — Auf dem am 21. Juli zu Biberach abgehaltenen Sängerfest des Schwäbischen Sängerbundes erhielt die „Konkordia" in Lauchheim, deren Dirigent der dortige israelitische Lehrer Uhlmann ist, einen Preis beim Wettgesange. — Laut Meldung des Verordnungsblattes für die k. und k. Armee vom 23. Juli 1895 wurde Dr. Julius Reach, Rabbiner in Raudnitz, zunr k. und k. Feldrabbiner in der Reserve ernannt und dem Ergänzungs Bezirke Nr. 42 (Theresienstadt) zugetheilt. — ElieLeon, ein bekannter Pariser Financier, ist zum Generalkonsul der Türkei ernannt worden — In Nancy ist der erste Verein für jüdische Geschichte und Litteratur unter dem Namen „Societe israelite de Conferences et de lectures“ von dem dortigen Großrabbiner begründet worden. Vivat sequens. — Bei den Generalrathswahlen in Frankreich wurden gewählt: Josef Neinach, Edmond Halphen, W. Schwöb und Guillaume Beer. — Der Versuch eines antisemitischen Wahlkomitees bei den Gemeindewahlen in Venedig, die Juden auszuschließen, hat klägliches Fiasko gemacht. Kein Mensch kümmerte sich um jene Herren. Die siegreiche klerikale Liste enthält auch die Namen von vier Juden. — Die jüdische Gemeinde in R o m hat einen großen Verlust erlitten. Der Präses des Kultusvorstandes, Cavaliere Tranquillo Ascarelli, ist in blühendem Mannesalter gestorben. Er war Mitglied der Handelskammer und Verwaltungsrath mehrerer Banken. Die Theilnahme für die Familie ist eine allgemeine, da derselbe sehr geachtet und ein Wohlthäter der Armen ohne Unterschied der Konfession war. — Zu den jüdischen Mitgliedern des neuen englischen Parlaments gehört auch Gustavus Wilhelm Wolfs aus Belfast. — Rev. Dr. Jacob Boorsanger, Rabbiner der Emanuel-Gemeinde in San Francisco und Professor der semitischen Sprachen und Litteraturen an der Universität von Kalifornien, ist vom Staate Kalifornien als Delegirter zum geographischen Kongreß nach London entsendet worden. — Nach der Auswanderungsstatistik hat sich die Zahl der aus Rußland nach Amerika wandernden Juden von Jahr zu Jahr verringert. 1892 gingen 79,156 Personen, 1893 nur 55,834 und 1894 39,646 nach Amerika. Die Zahl aller in Nordamerika lebenden Russen wird auf 314,467 Seelen beziffert, davon 128,220 Frauen und 186,247 Männer, hauptsächlich Polen und Juden. — Baron Jaques de Menasce in Alexandrien ist zum Mitglied eines Komitees für die Erbauung einer protestantischen Kirche ernannt worden. Die „Egyptian Gazette" sieht darin ein Zeichen der Freundschaft zwischen dem christlichen und jüdischen Volk. — In der asiatischen Türkei, außer Palästina, leben gegenwärtig ca. 150,000 Juden. Größere Gemeinden sind in Smyrna, Damaskus, Aleppo, Bagdad und Bessa. Viel bedeutender ist die Zahl der Juden in der europäischen Türkei; in Konstantinopel allein leben über 80,000 Juden, in Salonichi fast ebensoviel. — Nach der letzten Volkszählung wohnen in Australien 15,268 Juden. Die Bevölkerungszahl der Juden hat sich seit der demnach seit vorangegangenen Zählung um 47 Prozent vermehrt. In Neu-Süd-Wales wohnen 5500, in Viktoria 6649, in Süd-Australien 840, in Queensland 81746 und auf Neuseeland 13 Juden. Truck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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